richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

WM2014: Resümee der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien – Teil 2

Spielplan der WM 2014

Mein zerwurschtelter Spielplan

Zweiter und letzter Teil meines Resümees über die Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien, die vor wenigen Tagen endete und bereits eine gefühlte Ewigkeit zurückliegt. Im Gedächtnis sind nur noch vage, zusammenhanglose Bilder vorhanden. Erinnerungsfetzen, die zwischen Faktischem und Gefühltem pendeln, dominieren in späterer Folge die Diskussionen rund um diese eine Weltmeisterschaft, als Deutschland drauf und dran war, den Fußball zu dominieren und Brasilien drauf und dran war, eine lächerliche Fußnote zu werden. Dieses Turnier lebte anfänglich von den Überraschungen – positiven wie negativen – aber nach den Achtelfinalspielen war Schluss mit lustig und die üblichen Verdächtigen setzten sich wieder einmal durch. Nichts Neues unter der Fußballsonne, wenn man so will. Leider. Als neutraler Beobachter bin ich immer auf der Suche nach einem Stück Geschichte, das ich miterleben darf und das für eine Weile im kollektiven Gedächtnis seine Runden dreht. Ja, ich wünschte mir – wie so viele andere – das Besondere, das Außergewöhnliche. Zugegeben, davon gab es reichlich, bei dieser WM, aber der letzte Pass, wenn man so will, der kam freilich nicht an. Schad drum.

Für mehrere Wochen war wieder einmal großes Kino auf kleinen Bildschirmen angesagt. Seltsam, wie man in dieses Ereignis hineingezogen wird und sich darin gemütlich einrichtet. Man hatte seinen Spielplan immer griffbereit bei der Hand, trug Ergebnisse ein, kritzelte mögliche KO-Gegner an die Seite und freute sich auf das nächste Spiel, das garantiert in die Fußballgeschichte eingehen würde. Glaubte man. Glaubte ich. Diese Hoffnung ließ mich auch ein 3-Uhr-früh-Spiel verfolgen – mit müden Augen. Überhaupt, diese Mitternachtsspiele, die einem viel Substanz kosteten und trotzdem bäumte man sich (auf der Couch bereits gefährlich dösend) auf – oder ließ das Geschehen im Halbschlaf vorüberziehen. Oftmals war der Schlusspfiff nicht nur für die Spieler und Trainer eine Erlösung. Hier und heute, ja, da denkt man bereits mit verklärten Augen zurück, an diese Abende, als alles für ein Fußballfest angerichtet war. Man freute sich, gemeinsam, mit vielen Hunderten von Millionen Menschen auf das Kommende. Der nüchterne Alltag, das lästige Problem, die dunkle Zukunft, all das wurde für ein paar Stunden vergessen. Schöne, heile Fußballwelt.

 

***

 

 

Kommen wir zu den Überraschungsmannschaften der Weltmeisterschaft 2014:

Chile Mir gefielen die Südamerikaner bereits 2010 und ich ging damals davon aus, dass sie 2014 einen Sprung nach vorne machen würden. Und das taten sie auch. In einem „Finalspiel“ – für Spanien ging es um alles oder nichts – schickten sie den damals amtierenden Welt- und Europameister nach Hause. Das war eine herausragende Leistung. Im Achtelfinalspiel gegen Brasilien spielten sie über eine Stunde lang gut mit, aber danach ließen wohl die Kräfte nach. Zwar konnten die Chilenen das Unentschieden bis zum Ende der Verlängerung halten, aber im Elfmeterschießen verloren sie dann die Nerven und das Spiel. Schade. Rückblickend betrachtet ist es ein Rätsel, warum sich Chile nicht gegen Brasilien durchsetzen konnte. War es einzig Neymar, der den brasilianischen Laden zusammenhielt? Waren die Chilenen eingeschüchtert? Ich hätte es ihnen gerne vergönnt, den Aufstieg ins Viertelfinale, aber ich glaubte zu bemerken, dass sie (noch) nicht die Klasse und Kondition hatten, um ganz vorne mitzuspielen.

Kolumbien  Die sympathischen Kolumbianer fielen durch einen erfrischenden Kombinationsfußball auf und spielten sich in die Herzen der Fans. Den Ausfalls ihres Superstars Falcao konnten sie überraschend gut wegstecken. Maßgeblichen Anteil am Erfolg der kolumbianischen Mannschaft hatte der junge James Rodriguez, der mit sechs Treffern Torschützenkönig des Turniers wurde. Sein Treffer gegen Uruguay (mit der Brust angenommen und volley abgezogen) gehört mit Sicherheit zu den schönsten dieser WM. Im Gegensatz zu Chile oder Costa Rica hatten sie eine Gruppe mit leichteren Gegnern erwischt. Auch der Achtelfinalgegner Uruguay schien keine ernsthafte Hürde darzustellen. Doch im Viertelfinale kam es mit Brasilien zum südamerikanischen Schlager, der weniger mit spielerischen Höhepunkten glänzte als mit Härteeinlagen auf beiden Seiten. Leidtragende waren in beiden Fällen die Spielmacher Rodriguez und Neymar, die ordentlich abgeklopft wurden. Trauriger Höhepunkt dieser unfairen Taktik war das rücksichtslose Tackling gegen Neymar, der mit einer Rückenverletzung vom Feld getragen werden musste. Ob die Brasilianer nur ernteten, was sie in der ersten Halbzeit säten, ist ein strittiger Punkt. Die Begegnung war von Beginn an zerfahren und keine Mannschaft wollte die andere ins Spiel kommen lassen – Brasilien würde ich hier nicht die Alleinschuld geben. Stimmt es, was man so hört, dann sollen südamerikanische Spiele generell härter und rauer geführt werden. Vielleicht hätte der Schiedsrichter gleich von Anfang an rigoroser gegen kleine Mätzchen und taktische Fouls vorgehen müssen. Tja. Wie so oft bei dieser WM, war es der Unparteiische, der die Partie und damit die Spieler nie in den Griff bekam. Wie dem auch sei, die kolumbianische Mannschaft machte einen guten Eindruck und es wäre interessant gewesen, wie sie sich gegen einen starken europäischen Kontrahenten geschlagen hätte. Gegen die beiden Betonmischmaschinen Griechenland (3:0) und Uruguay (2:0) fand Kolumbien jedenfalls ein überzeugendes Mittel. Respekt.

Algerien Für mich die mit Abstand größte positive Überraschung des Turniers. Weil die Mannschaft gegen den späteren Weltmeister Deutschland eine beeindruckende Show ablieferte und nur knapp mit 2:1 verlor. Diszipliniert, technisch und spielerisch sehr stark, körperlich äußerst robust, lauffreudig und bereit, den Extra-Meter zu gehen, brachten sie die Löw-Truppe an den Rand einer Niederlage. Dass es nicht reichte, ist einerseits Teamtorhüter Manuel Neuer zu verdanken, der eine grandiose (aber riskante) Partie spielte, andererseits die mangelnde Kaltblütigkeit der Algerier vor dem gegnerischen Tor. Erst in der Verlängerung, als Kräfte und Konzentration merklich nachließen, mussten die Nordafrikaner die beiden Treffer hinnehmen. Die souveränste Leistung eines Teams in einer Halbzeit gelang im Spiel gegen Südkorea. Wie die Algerier die Asiaten unter Druck setzten und dabei drei Tore erzielten, muss man einfach gesehen haben. Trainer Vahid Halilhodzic zählt für mich zu einem der besten Trainer dieser WM. Mal schauen ob er seine gute Leistung auf türkischer Klubebene mit Trabzonspor bestätigen kann.

Costa Rica Wer hätte noch vor der WM gedacht, dass der Außenseiter der „Todesgruppe“ mit Italien, Uruguay und England auch nur den Funken einer Chance hätte? Niemand! An ihrer soliden Defensive (nur 2 Gegentreffer in fünf Spielen) mit dem überragenden (Neo-Real Madrid) Torhüter Keylor Navas zerbrachen nicht nur Italien, Uruguay, Italien und Griechenland, sondern auch die Niederlande, die sich nach einer Nullnummer erst im Elfmeterschießen durchsetzen konnten. Apropos. Der holländische Trainer van Gaal wechselte für das Elfmeterschießen den Ersatztorhüter Tim Krul ein, der dann tatsächlich zwei Elfmeter parieren konnte. Dass dieser die Elfmeterschützen Costa Ricas mit kleinen Mätzchen aus der Fassung zu bringen versuchte, trübt in meinen Augen das Bild des niederländischen Sieges. Hatte das der amtierende Vize-Weltmeister wirklich notwendig? Oder war die Angst vor Costa Rica, die im Achtelfinale gegen Griechenland alle fünf Elfmeter staubtrocken verwandelten, dermaßen groß? Wie dem auch sei, die Niederlande waren das bessere Team, sie hatten mehrere Stangenschüsse und ließen so manchen Sitzer sträflich aus. Costa Rica wurde im Viertelfinale die Grenzen aufgezeigt. Aber das Beispiel Costa Rica zeigt, zu welchen Leistungen ein Underdog fähig ist. Ja, für viele war das kleine Land das Salz in der WM-Suppe. Köstlich!

USA Ei, Trainer Klinsmann hat aus durchschnittlichen und in Europa unbekannten Spielern eine formidable Fußballmannschaft geformt, die es bis ins Achtelfinale schafften und dort gegen Belgien eines der denkwürdigsten Spiele ablieferten. US-Torhüter Tim Howard hatte in dieser Begegnung mehr Bälle zu halten als jeder andere Torhüter in einem Achtelfinale, ever! Es ist bewundernswert, dass die US-Mannschaft gerade gegen Belgien, dem Geheimfavorit der WM, eine offensive Spielweise an den Tag legen wollte. Ein Schlagabtausch hätte es wohl werden sollen, aber dazu waren die US-Boys nicht spielstark genug. Der Versuch der US-Mannschaft sich gegen die rollenden Angriffe der Belgier zu stemmen, war großes Kino! Muss man gesehen haben. An Dramatik war das Spiel kaum zu überbieten. Auch wenn die Klinsmann/Herzog-Truppe unterlegen war, so hatte sie doch den (glücklichen) Sieg auf dem Fuß. Schade, schade. Mir gefällt diese so unbekümmerte Spielfreude der US-Amerikaner – ja, sie haben das Fußballerherz am rechten Fleck und auch wenn sie (noch) nicht die spielerischen Qualitäten haben, ihr Bereitschaft, alles zu geben, ist überzeugend. Es wird meiner Meinung nicht mehr lange dauern, bis eine effiziente und schlagkräftige US-Fußballtruppe jeder Mannschaft aus Europa oder Südamerika die Stirn bieten kann.

Spanien Tja. Wer hätte gedacht, dass der Welt- und Europameister bereits in der Gruppenphase ausscheiden würde? Das erste Spiel gegen die Niederlande war eine Hinrichtung, die keinen Zweifel ließ, dass die glorreiche Zeit des vernationalten Barca-Ensembles vorbei war. Die spanischen Spieler wirkten müde und unkonzentriert – vielleicht war es der kräfteraubende Liga-Dreikampf zwischen Barcelona, Real Madrid und Athletico Madrid, der bis zum letzten Spiel andauerte. Dass Trainer-Urgestein Del Bosque auf Athletico-Stürmer Diego Costa setzte, der ein Fremdkörper in der Mannschaft war, konnte bereits als Zeichen gewertet werden, dass er dem althergebrachten Spielsystem nicht mehr vertraute. Dass er im Tor auf Legende Iker Casillas setzte, der in der abgelaufenen Saison bei seinem Verein Real Madrid nicht mehr die erste Wahl war, darf als  eine noble, wenngleich riskante Geste gewertet werden. Die Patzer, die sich Casillas im ersten Spiel leistete, passten freilich zum schwachen Auftritt der ganzen Mannschaft. Die spanischen Funktionäre werden – wohl oder übel – die goldene Generation verabschieden und eine neue Nationalmannschaft auf die Füße stellen müssen. Am Spielermaterial sollte es nicht scheitern. Die spanische Vormachtstellung im Weltfußball ist jedenfalls mal dahin.

Frankreich Der fulminante Auftaktsieg – ohne den zu Hause gebliebenen Ribbery – gegen die Schweiz (5:2) kam überraschend – erfreute aber Fans und Analytiker. Schon glaubte man, dass die Franzosen endlich zu ihrer alten Stärke zurückfinden würden. Aber im angekündigten Achtelfinal-„Schlager“ gegen Deutschland zeigte sich, dass die Mannschaft von Trainer Deschamps noch nicht die Qualität und das Gefüge besitzt, um Weltspitze zu sein. Doch man sollte nicht gar zu kritisch mit den Franzosen sein, ist doch die gezeigte Leistung eine löbliche Steigerung gegenüber der blamablen Vorstellung während der letzten Weltmeisterschaft. Ich denke, die Grande Nation ist auf dem besten Wege.

Italien Mamma mia! Italien ist am Sand. Zwar konnte die Squadra Azzurra ihr Auftaktspiel gegen eine schwache englische Mannschaft gewinnen, aber dann war Schluss. Gegen Außenseiter Costa Rica 0:1 verloren. Das Schicksalsspiel gegen Uruguay – mit Beißer Suarez – ebenfalls mit 0:1 verloren. Finito. Heimreise. Nach 2010 bereits das zweite Aus in einer WM-Gruppenphase. Unverständlich. Weil es nicht an der Qualität der Spieler liegen kann, die in Top-Clubs auf höchstem Niveau ihre Brötchen verdienen. Sieht man sich die drei Spiele der italienischen Nationalmannschaft an, so fehlt den Spielern eindeutig das Feuer, die Leidenschaft, sicherlich auch Mut und Selbstvertrauen. So war der „gezähmte Widerspenstige“ Balotelli nur noch ein Schatten seiner einstigen Durchschlagskraft. Während sich die Franzosen in dieser WM aus dem Sumpf ziehen konnten, stecken die Italiener mehr denn je drin. Quo vadis, Italien?

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Meine Elf der WM 2014

Keylor Navas (Costa Rica)

 Lahm (D), Mascherano (ARG), Garay (ARG), Blind (NL)

Schweinsteiger (D), James Rodriguez (COL), Müller (D)

Neymar (BRA), Messi (ARG), Robben (NL)

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die dramatischsten Spiele der WM 2014

Griechenland : Elfenbeinküste 2:1

Deutschland : Ghana 2:2

Belgien : USA 2:1 n. V.

Deutschland : Algerien 2:1 n. V.

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die denkwürdigsten Spiele der WM 2014:

Brasilien : Deutschland 7:1

Spanien : Niederlande 1:5

Schweiz : Frankreich 2:5

Südkorea : Algerien 2:4

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