richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Eine kleine Geschichte über einen verlorenen Personalausweis

PinterAn einem recht kalten Vormittag sitzen Sie ein wenig gelangweilt zu Hause und zappen im TV. Da tauchen Nachrichten über einen perfiden Terroranschlag, nicht unweit Ihrer Wohnung, auf. Gespannt verfolgen Sie die Ereignisse. Huh. Ein Massaker. Brutal. Blutig. Brachial. So etwas kennen Sie nur aus Filmen. Hollywood. Natürlich. Aber hier, die Nachrichtenkanäle überschlagen sich förmlich, ist es pure ungeschminkte und vor allem ungeschönte Realität. Bäche von Blut sollen fließen oder geflossen sein. Mit jedem Bild, mit jedem Interview, werden Sie mehr und mehr in die unglaubliche Story hineingezogen. Und die Frage aller Fragen, wer hinter dieser abscheulichen Tat steckt, ist noch nicht beantwortet. Erste Gerüchte tauchen auf, aber sie verlieren sich wieder. Sie blicken auf die Uhr. Es wird Zeit, sich fertig zu machen. Die (Teilzeit-)Arbeit ruft. Zu Mittag werden Sie in einem gehobenen Restaurant die Tische abräumen und für Sauberkeit sorgen. Der Job ist okay, sagen Sie. Immerhin, Sie haben einen Job. Anderen geht es nicht so gut.

Sie kommen gerade aus dem Badezimmer, als ihr Telefon läutet. Ihre gute Freundin X. ist am anderen Ende der Leitung und scheint verwirrt zu sein. Sie redet so schnell, dass Sie nur Wortfetzen heraushören können. Es scheint mit dem Anschlag zu tun zu haben. Und mit Ihnen. Zuerst können Sie nicht glauben, was Sie da hören. Und obwohl die Zeit drängt, machen Sie X. den Gefallen und gehen zum TV. Warten. Und tatsächlich, es dauert nicht lange, da zeigt man ein Foto von Ihnen. Sie sind es, der dieses Massaker veranstaltet haben soll. Es braucht eine Weile, bis Sie begreifen, was nicht zu begreifen ist. Wie kann man Sie nur dieser Tat bezichtigen?

X. erzählt Ihnen, dass die Behörden den Personalausweis des Täters im Fluchtauto gefunden hätten. Sie stolpern in die Garderobe und suchen Ihren Ausweis in der Brieftasche. Nichts. Mit Herzklopfen und Schweißperlen auf der Stirn wühlen Sie in Ihren Taschen, in den Laden und Kommoden. Nichts. X. rät Ihnen, sofort die Polizei anzurufen und diesen die Sache zu erklären. Ausweise, sagt sie, würden ja viele gestohlen werden. Und welcher Profi, ergänzt sie, würde seinen richtigen Ausweis bei solch einem Anschlag in der Tasche haben? Man weiß doch, dass diese Verbrecher nicht nur gestohlene Autos, sondern auch gestohlene Ausweise verwenden, nicht wahr? Und dieser Anschlag, fügt X. noch hinzu, wurde sicherlich von einem Profi begangen, das war kein Stümper, stimmt’s? Sie bejahen zitternd, beenden das Gespräch, wählen die Nummer der Polizei und versuchen dem Wachhabenden im Kommissariat den Sachverhalt darzulegen. Dieser beruhigt Sie und gibt Ihnen zu verstehen, dass alles in Ordnung sei und man eine Polizeistreife zu Ihnen schicken würde. Eine Formalität. Nichts weiter. Und die Sache mit der Presse – Ihr Bild ist ja immerhin in allen Nachrichten? Darum werde man sich sofort kümmern. Sie legen das Telefon weg und gehen angespannt und nervös im Kreis. Was werden die Kollegen sagen? Der Chef? Wird man Sie feuern, weil sich die Gäste im Restaurant vor Ihnen, einem vermeintlichen Verbrecher, fürchten könnten? Sie stellen sich zum Fenster und blicken auf die Straße. Minutenlang grübeln Sie darüber nach, wo Sie den Ausweis verloren haben könnten. Oder hatte man ihn gar gestohlen? Wurden Sie nicht vorgestern in der Metro unsanft angerempelt? Oder war es jemand im Restaurant? Ihre Brieftasche liegt ja dort für gewöhnlich im Spind. Da wäre es nicht schwierig, den Ausweis an sich zu nehmen. Aber warum sollte das jemand tun? Was hätte das für einen Sinn?

Endlich sehen Sie eine Polizeistreife in die Straße einbiegen. Aber nicht nur das, nein, eine ganze Wagenkolonne folgt diesem einen Auto. Busse und Spezialtransporter der Polizei halten vor ihrem Wohnhaus. Sie schlucken. Wozu dieser Aufwand? Aus den Bussen und Transportern steigen schwerbewaffnete Sonderkommandos. Man sieht, wie ein Offizier Anweisungen gibt. Die ganze Straße wird abgeriegelt. Scharfschützen verschwinden in den gegenüberliegenden Häusern. Sie greifen ein weiteres Mal zu Ihrem Mobiltelefon. Wollen das Missverständnis aufklären – dieses Aufgebot kann ja unmöglich für Sie bestimmt sein. Aber, merkwürdig, Sie haben keinen Empfang mehr. Sie schalten das Telefon aus, wieder ein. Nichts. Was nun? Sollen Sie das Fenster öffnen und der Polizei zu verstehen geben, dass Sie unbewaffnet und ungefährlich seien? Sie sehen die Scharfschützen, wie Sie sich auf den Dächern in Position gebracht haben. Sicherheitshalber gehen Sie vom Fenster weg und in den Vorraum. Sie öffnen die Eingangstür und überlegen, auf den Gang zu treten. Da ist es die Stimme des Ihnen so bekannten Nachrichtensprechers, die Sie aus den Überlegungen reißt. Man habe, so hören Sie aus dem TV, den bewaffneten Täter in einer Wohnhausanlage gestellt und ihn ausschalten können. Sie sind erleichtert. Hat man also den richtigen Verbrecher doch noch gefunden. Mit erhobenen Händen – man weiß ja nie – gehen Sie aus Ihrer Wohnung und bleiben beim Treppenabsatz stehen. Sie hören die schweren Schritte der Spezialeinheit im Stiegenhaus, sehen bereits die ersten Helme im unteren Stockwerk. Und dann, dann durchzuckt es Sie wie einen Blitz, diese endlose Dunkelheit.

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