richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Birdman oder Die Suche des Künstlers nach der Liebe

Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit, sozusagen

Falls Sie sich schon immer mal gefragt haben, was einen Künstler so antreibt, bitte sehr, mit dem Film Birdman (imdb) des mexikanischen Ausnahmeregisseurs Alejandro González Iñárritu (imdb) erhalten Sie eine Antwort: es geht darum, die Gunst des Publikums zu gewinnen. Der Künstler möchte geliebt werden. Nicht mehr, nicht weniger. Der Haken dabei ist, dass der Künstler, der Mensch, in dieser Liebe hin- und hergerissen wird, immer und immer wieder. Graf Mirabeau schrieb bereits am Ende des 18. Jahrhunderts, dass das Publikum eine undankbare Geliebte sei. Heute mehr denn je.

Alejandro Iñárritu erzählt in einer Q&A-Session über die Lebenskrise des bejahrten Kreativen, genauso wie das stetige Auf und Ab, sei es emotional, sei es finanziell. So werden Ideen gesponnen und für genial gehalten, nur um Minuten später als wertlos in den gedanklichen Papierkorb entsorgt zu werden. Der Künstler ist sich seiner Sache nie sicher – er hofft und tut. Und dann gibt es jene, die über sein Tun kritisch befinden. In einer der intensivsten Szenen des Films gerät Protagonist Riggan, ein in die Jahre gekommener Schauspieler und Ex-Superstar, der sich mit einer Theaterinszenierung noch einmal beweisen möchte, an eine Kritikerin, die ihm nonchalant ins Gesicht sagt, dass sie das Stück verreißen werde – dazu müsse sie es gar nicht erst sehen. Das hitzige Gespräch, das daraufhin folgt, kann man hier nachlesen. Die Quintessenz möchte ich hervorheben:

[meine Übersetzung] Sie schreiben ein paar Absätze und wissen Sie, was? All das kostet Sie einen Scheißdreck! Einen Dreck! Sie riskieren nichts! Nichts! Nichts! Nichts! Ich bin der verdammte Schauspieler. Das Theaterstück kostet mich alles … [You write a couple of paragraphs and you know what? None of this cost you fuckin‘ anything! The Fuck! You risk nothing! Nothing! Nothing! Nothing! I’m a fucking actor! This play cost me everything …]

Das ist der springende Punkt. Wahrlich. Während das Publikum, die Kritiker, die Freunde, die Verwandten, nichts riskieren, riskiert der Künstler (so gut wie) alles. Das klingt im ersten Augenblick unfair, und doch ist es das nicht – objektiv betrachtet. Der Mensch, der sich zum Künstler berufen fühlt, trifft die Entscheidung (oder trifft sie das Schicksal für ihn?) und hat die Bürde zu tragen. Manchmal hat sie das Gewicht einer Feder, manchmal das der ganzen Welt. Der Berufene, der sich nach Liebe und Anerkennung sehnt, hadert und zaudert und hofft und tut. Er hat keine andere Wahl als sich den Unbilden des Künstlerdaseins auszuliefern. Wie ein kleines Schiffchen wird er in den tobenden Wogen der Realität hin- und hergeworfen – als schützender Hafen bleibt für ihn nur noch die Illusion. Dort ist alles möglich, nichts unmöglich. Geliebte Illusion. Verfluchte Illusion.

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