Die Dysphorie im Elfenbeinturm

Scribble_M2015Nope. Auch ich kannte das Wort Dysphorie nicht. Gestern kam es mir unter die Augen. Heimito von Doderer verwendete es in einer seiner Gedankenskizzen. Gemäß Duden bedeutet es Störung des emotionalen Erlebens [ohne Krankheitswert]; ängstlich-bedrückte, traurige, mit Gereiztheit einhergehende Stimmungslage und ist – wenn man so möchte – das Gegenteil der Euphorie.

Das nächste Buchprojekt neigt sich dem Ende zu. Zwölf lange Jahre lag das Manuskript mal in der rechten, mal in der linken Schublade. Dann und wann abgestaubt, dann und wann zufrieden genickt, dann und wann peinlich berührt und immer wieder Sätze geändert, gestrichen, geändert, gestrichen. Und nun ist der Punkt erreicht, der Punkt gesetzt. Abgehakt. Beinahe.

Ich habe mich seit Jahren mit dieser inneren Leere befasst, die den ErSchaffenden am Ende des Gestaltungsprozesses einholt und überholt. Es ist, als würde der Kreative, der Künstler, der Handwerker aus seinem wohligen Traum gerissen, fortgerissen. In eine Welt, die im Duden als Realität, als wirkliche Wirklichkeit vermerkt ist. Und nun? Der Elfenbeinturmbewohner hat die Stätte der Geborgenheit zu verlassen. Hinaus! Schnell! Sofort!

Es ist Aprilwetter, da draußen. Die Sonne pendelt zwischen wohlig warm und giftig heiß. So ist das. So und nicht anders.

Das Mitteilungsbedürfnis in Zeiten von facebook & co

Erik_NamenIn den nächsten Tagen werde ich – wohl oder übel – meine Leserschaft von meinem neuen literarischen Wurf erzählen. Es ist eine Neuigkeit. Richtig. Ist sie wichtig? Nope. Darin liegt die Crux all dieser Newsletter-Flut. Das Internet hat die Menschen nicht nur zusammengebracht, sondern sie auch zu Marketingchefs in eigener Sache gemacht. Jedes Posting, jedes Tweet, jede E-Mail steht in direkter Konkurrenz zu den Postings, Tweets und E-Mails anderer lieber oder weniger lieber Mitmenschen. Beinahe täglich erfahren wir von Vernissagen, Lesungen, Buchveröffentlichungen, Theateraufführungen, Gesangsdarbietungen und vieles mehr. Jene, die uns von diesen Ereignissen unterrichten, hängen mit Herzblut an der Sache, haben vielleicht viel Zeit, Geld und Energie geopfert, um „ihr Ding“ durchzuziehen. Und hier, am Ende der Internet-Leitung, überfliegt man Absender und Betreff der Nachricht und klickt innerhalb eines Augenaufschlags auf „gelesen“. Abgehakt, sozusagen. Mehr ist nicht. Mehr wird nicht sein.

Gelesen: Der Tod des Landeshauptmanns von Eugen Freund

Eugen-Freund-BuchDieses Buch, heißt es in der Vorbemerkung, sei ein Roman und Romane haben es an sich, mit der Realität nichts oder – im Extremfall – nur sehr wenig zu tun zu haben. Folgerichtig ist das Buch eine kriminalistische Klischeeanhäufung und Jörg Haiders Tod nur ein Aufhänger. Enttäuschend. Andererseits, vergessen wir nicht, dass Autor Eugen Freund langjähriger ORF-Mitarbeiter und Korrespondent in den USA war und nun im europäischen Parlament sitzt. Wollte er ernsthaft relevante Verschwörungstheorien wälzen, es würde seiner politisch-journalistischen Karriere mit Sicherheit nicht wohl bekommen.

Nichtsdestotrotz ist es ihm anzurechnen, dass er sich getraute, die israelischen und amerikanischen Geheimdienstagenturen ins Spiel zu bringen. Natürlich lässt er einen (fiktiven) CIA-Mitarbeiter sagen, dass die Zeiten vorbei seien, als man noch Politiker mit Gewalt aus den Weg räumte. Aha. Scheinbar gab es eine dunkle Vergangenheit, in der bezahlte Handlanger ihr blutiges Werk vollzogen. Im Sinne der Staatssicherheit, versteht sich. Gut, das war damals. Kalter Krieg, nicht? Ich bezweifle freilich, dass sich daran etwas geändert hätte. Ein kurzer Abriss über die murder inc.ist hier nachzulesen: The CIA’s Secret Killers von Alexander Cockburn, publiziert in counterpunch. Der israelische Geheimdienst steht dem amerikanischen natürlich in nichts nach. Wenn es der Staatssicherheit dienlich ist, werden Bomben gezündet und Leute exekutiert. Steven Spielbergs Filmdrama München [imdb] führt eindringlich vor Augen, was geschieht, wenn man Tel Aviv ans Bein pinkelt. Einen guten Einblick in das Mindset hochrangiger israelischer Geheimdienstoffiziere gewährt die sehenswerte Doku The Gatekeepers [imdb] von Dror Moreh.

Zurück zum Buch. Der Täter – Vorsicht Spoiler! – ist Kärntner und Nazi. Ja, er ist nicht nur ein alter, sondern auch noch ein neuer Nationalsozialist. Oh. Wer hätte das gedacht? Gewiss, für einen banalen Krimi muss diese Simplifizierung reichen. In der Realität, irgendwo da draußen, geht es um Netzwerke und Vernetzungen. Verschwörungstheoretisch gehe ich davon aus, dass Geheimdienste oder staatsnahe Agenturen immerzu ihre Finger im kriminellen Spiel haben: Drogen- und Waffenlieferungen, Geldwäsche, Erpressung, Entführung, Mord – you name it. Ein gutes Beispiel, um zu verstehen, wie die Chose läuft, bietet die Iran-Contra-Affäre aus den 1980ern. Im Verlauf der Untersuchungen stellte sich heraus, dass so gut wie die gesamte US-Regierung auf die eine oder andere Weise in illegal-dubiose Machenschaften involviert war. Aber vollends hässlich wird es, wenn man erführe, dass in den 1970ern und 1980ern eine geheime NATO-Sondertruppe Terroranschläge in Europa verübte [Unternehmen Gladio]. Siehe hierzu die Vorträge des Schweizer Historikers Daniele Ganser.

Und Jörg Haider? Ich habe mich mit ihm nicht befasst, aber kratzt man an der Oberfläche, bemerkt man schnell, dass es sich bei ihm nicht nur um einen Populisten und Provinzpolitiker gehandelt haben konnte. Welchem Netzwerk er angehörte, wem er dienlich war, werden wir mit Sicherheit niemals erfahren. Gut möglich, dass er sich zu weit entfernte, sich gewisser Freiräume bediente. Gut möglich, dass er den Bogen überspannte, weil er von populistischen zu ernsthaften Themen wechselte. Was auch immer in dieser einen Nacht geschah, die offizielle Version glaube ich keine Sekunde. Ich darf das. Ich bin ein Spinner Verschwörungstheoretiker 😉

Die Welt von Gestern verliert Frederic Morton

Frederic Morton besucht sein altes Gymnasium
Frederic Morton besucht sein altes Wiener Gymnasium, 2011 – Fotos by Peter Bosch

Es musste früher oder später geschehen. Die Zeit raubt einen lieb gewordene Menschen. So ist der Exil-Wiener Frederic Morton im Alter von 90 Jahren in die Ewigkeitsgasse zurückgekehrt. Ich hoffe für ihn, dass es dort seine Wurstsemmel mit zehn Deka Krakauer gibt. Seine letzte Rede, die er wenige Tage zuvor im Wiener Haus der Barmherzigkeit gehalten hatte, druckte die Die Presse freundlicherweise ab: Denn die Jugend ist unsere Heimat.

P.S.: Vor vier Jahren besuchte Herr Morton seine alte Schule in Hernals und erzählte über das Damals. Eine Hand voll Eindrücke dieses Besuchs hielt ich in einem Blogbeitrag fest.