richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Gedanken zum Wiener Stadtgespräch mit Ulrike Hermann

Hermann_Wien_Mai2015

Der eine oder andere Gedanke zum gestrigen Wiener Stadtgespräch mit Ulrike Hermann, Wirtschaftskorrespondentin der genossenschaftlich organisierten Berliner Zeitung TAZ und Autorin von Sachbüchern, die sich kritisch mit dem Kapitalismus auseinandersetzen. Wer sich für das zweistündige Gespräch, geführt von Peter Huemer, interessiert, hat die Möglichkeit, die Aufzeichnung demnächst hier anzugucken und anzuhören.

Ja, Ulrike Hermann trifft mit ihrer Kritik den richtigen Ton, macht auf neoliberale Irrtümer aufmerksam („es gibt heutzutage keinen freien Markt, die Wertschöpfungskette wird von transnationalen Konzernen vollkommen beherrscht“), fordert ein Umdenken der Mittelschicht in Bezug auf Vermögens- und Erbschaftssteuer sowie Bankgeheimnis („es gibt keine Vermögensdaten, niemand weiß, wer von den Top 1% wie viel wirklich hat“), lehnt das „Freihandelsabkommen“ TTIP ab („Konzerne könnten dann Regierungen verklagen, wenn sie das Gefühl haben, ihre Profite würden durch ein neues Gesetz geschmälert“), wünscht sich, dass Österreich gegen das Lohndumping Deutschlands protestiert („Schäuble kapiert es wirklich nicht: Höhere Löhne sind gut für die Wirtschaft“), glaubt an ein Platzen der Finanzblase in absehbarer Zeit („viele wissen schon gar nicht mehr, wohin mit dem Geld und kaufen sich einen Picasso um 180 Mio Dollar“) und prophezeit mit dem Versiegen der Rohstoffe auch das Ende des Kapitalismus.

Über die Entstehung des Kapitalismus gegen Ende des 18. Jahrhunderts in England gibt es viele Theorien (lt. Hermann über dreißig). Sie geht davon aus, dass es die hohen Löhne im Land waren, die Fabrikanten dazu „zwangen“, in moderne und effiziente Gerätschaften zu investieren. Auf diese Weise schufen sie Kapital und setzten die Wachstumsspirale in Gang. Ich gehe wiederum davon aus, dass die Entstehung mit den englischen Kolonien zu tun hatte: zum einen konnte London Nahrungsmittel und Rohstoffe zu günstigen Preisen importieren (auf diese Weise konnte man die zuvor so dringend benötigten Landarbeiter in die neuen Fabriken stecken), zum anderen konnte London die produzierten Güter zu hohen Preise in die Kolonien exportieren – nicht umsonst revoltierten die amerikanischen Siedler gegen den „Kaufzwang“ englischer Produkte, nicht umsonst wurden souveräne Staaten mit Waffengewalt gezwungen, ihre „Märkte“ zu öffnen (bezeichnende Beispiele dafür sind China und Japan). Kurz und gut: Ohne Überfluss an Nahrungs- und Lebensmittel, sowie an Rohstoffen und Skrupellosigkeit gäbe es keinen Kapitalismus. Das sind jedenfalls meine two cents dazu.

Erfreulich, dass sich Ulrike Hermann getraut, nicht nur die Vermögensverteilung anzuprangern („rund 70 % der Deutschen besitzen so gut wie nichts“), sondern auch die Anonymität der Vermögensinhaber. Und in der Anonymität liegt die Macht! Das sage nicht ich, das sagte der Industrielle Walther Rathenau, Sohn des Unternehmensgründer der AEG, im Jahre 1912. Da liegt der Hase im Pfeffer.

Ein halbes Dutzend Männer an der Spitze der fünf Großbanken (Big Five Banks) könnten das Gerüst der Staatsfinanzierung zum Einsturz bringen, in dem sie von einer Verlängerung amerikanischer Staatsanleihen Abstand nehmen.“ „Half a dozen men at the top of the Big Five Banks could upset the whole fabric of government finance by refraining from renewing Treasury Bills.“

Financial Times, 26. September 1921.
zit. n. Caroll Quigley in Tragedy & Hope.

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