richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Die absolute Geschmacklosigkeit unserer Zeit

Die Josefstadt, anno 2015

Die Josefstadt, anno 2015

Da, wo ein Wäldchen war, da wo ein Garten aufblühte im Frühjahr und in seinen schönsten Farben zur herbstlichen Verwelkung gekommen war, wuchern jetzt die Betongeschwüre unserer Zeit, die auf Landschaft, überhaupt auf Natur, keinerlei Rücksicht mehr nimmt, und die nur von der politisch motivierten Geldgier beherrscht ist, von der gemein-proletarischen Betonhysterie, dachte ich auf dem Ohrensessel.

Holzfällen: Eine Erregung
Thomas Bernhard
Suhrkamp, Frankfurt 1984, S. 151

Falls Sie nur noch mit Blick auf Ihr Smart-Phone durch die Straßen und Gassen Wiens gehen, werden Ihnen die Hässlichkeiten und Abscheulichkeiten vermutlich nicht auffallen. Manchmal wünschte ich mir auch so ein Ei-Fon, nur um nicht gezwungen zu sein, das Geschmiere an den Wänden zu sehen. Es ist eine Beleidigung. Für Geschmack, Ästhetik und Sauberkeit. Vor wenigen Tagen besuchte ich das Volkskundemuseum in der Laudongasse – übrigens das Museum gewährt das Jahr über noch freien Eintritt, dank eines großzügigen Sponsors. Dort können Sie Alltagsgegenstände aus alter Zeit bewundern. Geflochtene Überschuhe, enorme Einbaum-Truhen, geschmiedete Schlösser, geschnitzte Werkzeuge und so weiter und so fort. Ich kann Ihnen versprechen, egal welches „Trumm“ Sie auch mit den Augen in die Hand nehmen, kein einziges ist hässlich, kitschig, abgschmackt, dilettantisch, unnötig. Man ist förmlich erschlagen, von der Kunstfertigkeit – Betonung liegt dabei auf Kunst, denn auf Fertigkeit. Und da ist es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen gefallen, dass die Industrialisierung die Menschheit zum Stumpfsinn förmlich gezwungen hat. Ein Tischler, ein Zimmermann, ein Schmied, ein Küfer oder Fassbinder, ein Steinmetz und wie sie alle hießen und geheißen haben, sie waren nicht nur Kreative, sie waren vor allem Ästheten und Perfektionisten. Das Unglaubliche bei all dem ist aber der Umstand, dass das Leben damals kein Zuckerschlecken war. Und trotzdem verschönerten Sie die Truhen, die Kästen, die Schlüssel-Schlösser. Nicht nur, weil sie es selbst so wollten, sondern weil es die Auftraggeber wünschten. Mit anderen Worten, so primitiv, so ungebildet die – vor allem – ländliche Bevölkerung gewesen sein soll, so musste jeder Einzelne ein Verständnis für das Schöne, für das Ästhetische gehabt haben. Das ist beeindruckend. Aber es ist auch wieder verständlich, weil all die jungen Menschen, die in solch einer Gesellschaft aufgewachsen sind, von den schönen Dingen umgeben waren. Für sie musste es selbstverständlich sein, mit einem Türklopfer zu klopfen, der vom Dorfschmied kunstvoll geschmiedet worden war. Und der Lehrling wurde vom Meister im Schönen unterrichtet. Es war, so pathetisch es klingen mag, die gute alte Zeit.

Und heute? Wächst die Generation in einer ästhetik- und stillosen Zeit auf. Da sie förmlich die Hässlichkeit leben, ist es für sie ganz vernünftig, ganz normal, es dahin zu einer Meisterleistung zu bringen. Wer mit offenen Augen durch die Stadt geht, muss es sehen. Und wir sehen es auch. Zucken aber nur mit der Schulter. Wir akzeptieren das Unakzeptable. Während in den Medien – social und mainstream – Probleme gewälzt werden, die keine sind, Fragen aufgeworfen werden, die überflüssiger nicht sein können, lässt man die Hässlichkeit gewähren. Wir verschönern unser facebook-Profil, knipsen und instagramen und photoshoppen und pinten die tollsten Pics – weil wir ein Verlangen nach dem Schönen haben – und sind nicht in der Lage, das Hässliche auf der Straße zu verurteilen, anzugreifen, zu ändern.

Deshalb ist es eine äußerst menschliche, natürliche Regung, Menschen abzuweisen, die das Hässliche, das Schmutzige, das Unehrliche in sich tragen. Wenn Sie also das nächste Mal eine junge Menschengruppe sehen, die ihren Müll – sei es mit Vorsatz oder nicht – vor Ihnen auf den Gehsteig werfen, dann sagen Sie nichts, sondern heben das Wegeworfene auf und bringen es dorthin, wo es hingehört: in die Mülltonne. Während man und frau in meiner Kindheit diese „frechen Bengel und Gören“ mit den Worten „Machst du des Z’haus a?“ an den Ohren gezogen hätten, ist das heute nicht mehr erlaubt. So bleibt nur noch demütiger Widerstand und wütendes Anschreiben.

5 Antworten zu “Die absolute Geschmacklosigkeit unserer Zeit

  1. Peter Kienast Montag, 15 Juni, 2015 um 12:13

    Ich denke nicht, dass wir in einer ästhetik- und stillosen Zeit leben. Wenn man sich ansieht, wie grau Wien noch vor einigen Jahrzehnten war und wie es jetzt aussieht, so hat sich da schon viel getan. Auch ist Wien zum Glück einer der saubersten Millionenstädte weltweit.

    Verzierungen auf Gebrauchsgegenständen und Gebäuden sind zwar nicht mehr in Mode, auch weil diese produktions- und bautechnisch nicht mehr praktikabel sind. Allerdings muss das nicht bedeuten, dass es deshalb keinen guten Stil mehr gibt.

    Zum Glück hat sich auch der Umgang mit alten Gebäuden geändert. In den 50er bis 70er Jahren wurden Verzierungen an Häusern
    aus der Vorkriegszeit gerne abgeschlagen, weil diese nicht dem damaligen Modebewusstsein entsprachen. So gut wie in jeder Wiener Straße gibt es Gebäude, die dieses Schicksal ereilt hat.Oft ist dies nur deshalb nicht geschehen, weil es zu teuer gekommen wäre.

    Auch werden alte, erhaltenswerte Gebäude heutzutage meistens saniert und nicht einfach abgerissen und damit wertvolles Kulturerbe zerstört. Umgekehrt muss genauso Platz für Neues sein. Ein „Alt Wien“ gab es sowieso nie, da schon seit Jahrhunderten immer wieder neu gebaut wurde. So gibt es in Wien mit Ausnahme von Kirchen und Brunnen kaum Bauwerke aus dem Mittelalter.

    Das Volkskundemuseum hat übrigens seit Jahren Budgetprobleme, was man auch dem Gebäude leider sehr deutlich ansieht. Ich hoffe, es findet sich in diesem Zusammenhang bald eine Lösung.

    • Richard K. Breuer Montag, 15 Juni, 2015 um 17:46

      Stimmt. Wien war lange Zeit eine graue Maus. Und ja, ein „Alt Wien“ gab es nur in der Wunschvorstellung der Bürger. Primär ging und geht es mir gar nicht so sehr um die städtische Befindlichkeit, sondern vielmehr um die geistig-seelische der Bürger. Wenn der Einzelne nicht mehr zwischen Schönheit und Hässlichkeit, zwischen Ästhetik und Kitsch, zwischen Form und Funktion, zwischen Kunst und Künstlichkeit unterscheiden kann oder, wenn er es kann, er sich nicht mehr getraut, seine Meinung zu artikulieren, aus der Befürchtung heraus, er könne als „Gestriger“, als „Querulant“, als „Un-moderner“, als „Spießer“, als „Blockierer“, als „Quertreiber“, als „Zukunftsfeind“ und so weiter und so fort „denunziert“ und damit belächelt, verlacht, ja, sogar ausgelacht und am Ende gar verachtet zu werden, dann werden wir früher oder später nur noch in einer trost- und seelenlose, über und über „getagten“ Stadtwüste vegetieren.

      • Peter Kienast Montag, 15 Juni, 2015 um 18:29

        Es gibt den Spruch „Schönheit liegt im Auge des Betrachters“. Aus diesem Grund denke ich, gibt es kein generelles „schön“ oder „hässlich“. Wobei es sicherlich Objekte gibt, die bei den meisten Menschen nicht gut ankommen. Man denke da z.B. an die Schneewittchen-Skulptur, die aktuell in Deutschland im Gespräch ist (http://www.sueddeutsche.de/bayern/lohr-am-main-die-horrorwittchen-stadt-1.2469571).

        Ich stimme dir zu, dass man zu seiner Meinung stehen soll (nicht nur bei Kunst übrigens). Leider gibt es wirklich viele Menschen, die das aus den von dir genannten Gründen nicht tun.

        Ich selbst habe auch noch nie etwas als gut befunden, weil es besser angekommen wäre, als es schlecht oder hässlich zu nennen. Ein gutes Beispiel dafür ist, die Gerngross-Säule von Franz West in der Rahlgasse, die inkl. Aufstellung übrigens 210.000 Euro gekostet hat. Ich nenne sie immer „Mistkübelskulptur“, was nicht so falsch ist, weil solche tatsächlich als Vorbild gedient haben. An dem Platz ist früher übrigens im Sommer eine Palme gestanden. Die hat mir deutlich besser gefallen.

      • Richard K. Breuer Mittwoch, 17 Juni, 2015 um 17:09

        Ich glaube ja, dass der Spruch „Schönheit liegt im Auge des Betrachters“ vor allem von jenen „Kunstschaffenden“ immer und immer wiederholt wird, die das Hässliche in die Welt, pardon, kotzen, weil sie es nicht besser können. Wir leben ja in einer Epoche in der alles geht – ‚anything goes‘ – so lange es Geld bringt oder für Aufsehen sorgt (was wiederum über einen Umweg Geld bringt). Eine recht gute, natürlich konservative Sichtweise, warum moderne Kunst so grässlich ist, gibt es in diesem kurzen Vortrag:

        Why is Modern Art so Bad?

  2. Peter Kienast Montag, 22 Juni, 2015 um 8:06

    Der Vortrag gibt ziemlich genau das wieder, was ich mir schon lange denke. Ich war kurz nach der Eröffnung im Jahr 2001 im MUMOK. Eigentlich hätte ich das Eintrittsgeld zurückfordern sollen, denn was damals dort ausgestellt war, hatte mit meinem Verständnis von Kunst nicht wirklich etwas zu tun. Ich erinnere mich da z.B. an eine Jalousie, an der sogar noch das Etikett vom Hersteller drauf war. Neben dieser stand, wie bei sehr vielen anderen „Kunstwerken“ nur „ohne Titel“. Schlimm daran ist auch, dass es tatsächlich Menschen in Vereinen gibt, die vor solchen Werken eine halbe Stunde lang diskutieren, was der Künstler damit aussagen wollte. Ich habe den Verdacht, er hat dabei eher an seinen Kontostand gedacht als weltbewegende Dinge zu reflektieren.

    Ich habe übrigens vor einigen Wochen das MUMOK zum zweiten Mal besucht. An diesem Tag war freier Eintritt und ich wollte meiner Freundin mal zeigen, was sich alles traut Museum zu nennen. Anscheinend ist man dort aber auch schon drauf gekommen, dass man den Besuchern mehr bieten muss, als Alltagsgegenstände, die aufgehängt oder hingelegt sind. diesmal waren in den Obergeschoßen hauptsächlich Werke von Andy Warhol und Roy Lichtenstein. In den Untergeschoßen gab es unter dem Titel „Mein Körper ist das Ereignis“ hauptsächlich Videos von Aktionskunst aus den 1960er und 1970er Jahren. Dass so etwas Menschen positiv anspricht, wie es Kunst meiner Meinung nach tun sollte, glaube ich allerdings nicht. Zumindest ich kenne niemanden, der sich dazu in dieser Richtung je geäußert hätte.

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