richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Ein merkwürdiges Gefühl: Die Umzugsdepression in der mütterlichen Welt

Alles Gute kommt von oben.

Alles Gute kommt von oben. Es kommt nur auf den Spin an.

Vielleicht kennen Sie auch dieses merkwürdige Gefühl, seine nähere Umgebung nicht mehr verstehen zu können. Beispielsweise fahren Sie mit dem Autobus von A nach B und dann mit der U-Bahn von C nach D und meinen, ausgeschlossen, ja förmlich ausgegrenzt, zu sein. Das Fremdartige der Szenerien löst ein Gefühl der Unsicherheit aus – gleichzeitig jedoch versuchen Sie dieses unangenehme Gefühl mit vernünftigen Argumenten zu vertreiben. Gewiss, an Argumenten fehlt es nicht, aber am Ende der Reise ist man trotzdem ein Zerrissener. Hin- und hergeworfen zwischen dem inneren Erlebnis und einer äußeren Erkenntnis, die aufgezwungen wirkt.

Wäre mir nicht durch Zufall das Buch des Psychoanalytikers Horst-Eberhard Richter (1923-2011) in die Hände gefallen, ich wäre noch heute ein Zerrissener, verzweifelt nach einer Antwort suchend, warum mein Inneres sich dem Diktat der Vernunft nicht unterwerfen möchte. Und sollten Sie vielleicht ähnlich mit sich ringen, könnte ich mir vorstellen, dass Sie nun endlich zur Ruhe kommen werden. An­ti­de­pres­si­vum kann ich Ihnen aber keines verschreiben.

Die Psychiatrie kennt eine Form von Depression, die durch einen banalen Umzug ausgelöst wird und spricht in diesem Fall von einer „Umzugsdespression“. Hierbei handelt es sich um eine Verunsicherung durch ein Isolierungserlebnis, die bei manchen Personen eben das extreme Ausmaß einer regelrechten depressiven Verstimmung annimmt: Jemand verzieht in eine ihm bis dahin völlig unbekannte Gegegend, in der alles anders ist als in seiner bisherigen Wohnwelt. Die Häuser sind anders, die Menschen sprechen möglicherweise einen fremden Dialekt und benehmen sich in ungewohnter Weise. Man vermißt plötzlich eine Fülle von bekannten Leuten, Gegenständen, Geräuschen, Gerüchen, von denen man bisher umgeben war. […] Alle Einzelheiten der ehemaligen Umgebung hatten zusammen so etwas wie eine mütterliche Welt gebildet, in der man sich geschützt gewußt hatte. Das Gefühl der Sicherheit war einer Art Dialog entsprungen, den man kontinuierlich mit den belebten und unbelebten Objekten der heimatlichen Szenerie geführt hatte. Diese Verläßlichkeit und Berechenbarkeit der äußeren Welt hatte geholfen, daß man sich auch selbst stabil und verläßlich fühlen konnte. […] und gleitet in eine längere Periode von Niedergeschlagenheit und Lethargie hinein, ehe man sich am neuen Platz zurechtfinden kann. Andeutungsweise zeigen nicht wenige Menschen ähnliche scheinbar paradoxe Reaktionen im Verlauf einer Urlaubsreise in ein ihnen bislang unvertrautes Feriengebiet.

Flüchten oder Standhalten
Prof. Dr. med. Dr. phil. Horst E. Richter
damaliger Direktor des Zentrums für
Psychosomatische Medizin an der Uni Gießen
Rowohlt TB Verlag 1985, S. 45f.
Originalausgabe 1978

Eine Antwort zu “Ein merkwürdiges Gefühl: Die Umzugsdepression in der mütterlichen Welt

  1. Pingback: Helfen oder nicht helfen, das ist hier die Frage | richard k. breuer

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: