richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Scheiterhaufen und Shitstorm, Mittelalter und Cyperspace: Die Verdrehung des Faktischen von Herrn Nuhr

Spengler_Wahrheit2

Der Kabarettist, Autor und Moderator Dieter Nuhr fabuliert in einem FAZ-Essay über die gegenwärtigen hexenprozessähnlichen Zustände in den Social Media Kanälen. Sein Aufsatz beginnt wie folgt:

Ich habe mit einem Twitter- und Facebook-Post – „Meine Familie hat demokratisch abgestimmt: Der Hauskredit wird nicht zurückgezahlt. Ein Sieg des Volkswillens!“ – satirisch-ironisch darauf hingewiesen, dass man den Bruch eines Kreditvertrages nicht durch demokratische Abstimmung legitimieren kann.

Sodann erfolgt sein Versuch, diese satirisch-ironisch gemeinte Erkenntnis, über die man natürlich gerne diskutieren dürfe, als selbstverständlich (Wahrheit) zu erklären. Aber eine Diskussion schien nicht mehr möglich.

Was allerdings im Internet im Anschluss an mein Posting passierte, hatte nichts mit einer Diskussion zu tun. Ein sogenannter Shitstorm, ein neues und nur im Internet vorzufindendes meteorologisches Phänomen, zog auf. Für den digital Unbedarften sei erklärt: Ein Shitstorm ist ein Massenauflauf, der zum Ziel hat, den Andersmeinenden durch massenhaften Bewurf mit verbalen Exkrementen mundtot zu machen.

Die moderne Hexenverfolgung, die in der Verkleidung eines Shitstorms daherkommt, lässt Nuhr nachdenklich werden. Fein. Aber die Sache hat einen Fehler. Der Autor von Büchern wie „Der Ratgeber für alles“ oder „Das Geheimnis des perfekten Tages“ hat entweder keine Ahnung von den wirklichen Dingen da draußen oder er hat eine Ahnung, schreibt aber nur das, was die Auftraggeber wünschen. Die erste Frage, die man sich stellen sollte, ist jene, warum ein Kabarettist und volkspopulistischer Sachbuchautor über solch ein ernsthaftes Thema schreiben darf. Nicht etwa in einem Provinzblatt, nope, sondern in der renommierten FAZ.

Falls Sie der Meinung sind, dass die vergangene und gegenwärtige Welt so ist, wie sie Ihnen in der Presse, in den Geschichtsbüchern oder in den TV-News präsentiert wird, wenn Sie der Meinung sind, dass die von Ihnen legitimierte Obrigkeit niemals lügt, dann können Sie an dieser Stelle mit dem Lesen aufhören. Es hätte keinen Sinn. Nicht für Sie. Nicht für mich. Sie können davon ausgehen, dass Herr Nuhr nicht mehr weiterlesen würde.

Gehen Sie davon aus, dass es Kräfte im Hintergrund gibt, die an vielen Fäden ziehen.

Seit ich in der Politik bin, haben sich mir immer wieder Männer anvertraut. Einige der größten Unternehmer der Vereinigten Staaten haben vor etwas Angst. Sie wissen, das es da irgendwo eine Macht gibt, die so organisiert, so subtil, so wachsam, so verzahnt, so vollständig, so durchdringend ist, dass sie besser nur flüstern, wenn sie darüber sprechen. [meine Übersetzung von:] Since I have entered politics, I have chiefly had men’s views confided to me privately. Some of the biggest men in the United States, in the field of commerce and manufacture are afraid of something. They know there is a power somewhere so organized, so subtle, so watchful, so interlocked, so complete, so pervasive, that they better not speak above their breath when they speak in condemnation of it.

Woodrow Wilson
28. Präsident der USA (1913 bis 1921)
The New Freedom: A Call for the Emancipation of the Generous Energies of a People, New York and Garden City, 1913.

Wenn Sie ebenfalls davon ausgehen, dass es diese Macht gegeben hat und noch immer gibt, dann werden Sie vergangene und gegenwärtige Ereignisse besser einordnen können. Viele Geschehnisse, die sonst keinen rechten Sinn machen würden, erklären sich wie von selbst.

Also, kommen wir zurück zum Thema. Herr Nuhr geht davon aus, dass die Hexenverfolgung eine Angelegenheit der „pöbelnden Masse“ gewesen sei. Doch warum war sie es nicht vorher und nicht nachher? Gut, die Aufklärung, werden Sie jetzt sagen. Aber wir müssen nur das 20. Jahrhundert kurz vor unsere Augen ablaufen lassen, dann sollten wir erkennen, dass diese Aufklärung nicht dazu geführt hat, Verfolgung von politischen oder religiösen Andersseienden zu verhindern. Ganz im Gegenteil. Der sogenannte War on Terror ist m. E. nach auch nichts anderes als eine Hexenverfolgung. Dazu müsste man sich natürlich mit diesem Sachverhalt abseits des Mainstream auseinandersetzen.

Tatsächlich gab es in Amerika – abgesehen von 9/11 – mehr Opfer, die in Toiletten ertrunken als durch internationalen Terrorismus umgekommen sind. [meine Übersetzung von:] Indeed, outside of 2001, fewer people have died in America from international terrorism than have drowned in toilets.

Six Rather Unusual Propositions about Terrorism
John Mueller Department of Political Science, Ohio State University
in: Terrorism and Political Violence, Vol. 17, Issue 4/2005, S. 487ff.

Jetzt werden Sie vielleicht entgegenhalten, dass es immer wieder zu Aufdeckungen und Verhaftungen kommt. Ja, richtig. Die Details können Sie sich hier ansehen: Terror Trials by the Numbers. Sie werden bemerken, dass der allergrößte Teil der „Terroristen“ durch Spitzel (Informanten) verraten oder in eine Falle gelockt worden ist. Die „Hexenjäger“ von damals und die Informanten von heute hatten und haben einen finanziellen Anreiz, einen Schuldigen zu präsentieren. In beiden Fällen, damals wie heute, werden diese „Hexenjagden“ von ganz oben nicht nur sanktioniert, sondern sogar gefordert und gefördert. This War on Terror is bogus, schrieb der britische Umweltminister Michael Meacher 2003 im Guardian und wurde für diese korrekte Feststellung von Toni Blair gefeuert. Genauso wurden im England von 1645 Parlamentarier ausgestoßen, die sich gegen die Hexenverfolgung aussprechen hätten können.

Also, was meinen Sie, wie sich die Sache mit dem Terrorismus verhält? Ist es die pöbelnde Masse, die Blut sehen will? Ist es die pöbelnde Masse, die einen Kerl zum Gericht schleift und seine Todesstrafe verlangt? Ist es die pöbelnde Masse, die mehr Sicherheit und weniger Freiheit möchte? Wie kommt es, dass die beiden obskuren Begriffe „Terrorist“ und „Terrorismus“ unauslöschlich in unsere Köpfe eingebrannt sind? Wie kommt es, dass unsere Ängste gegenüber Terrorismus stetig genährt werden?

Gehen wir einmal davon aus, dass in fünfhundert Jahren eine aufgeklärte Gesellschaft Rückschau halten wird. Die zukünftigen Historiker werden unsere Epoche mit dem „dunklen Mittelalter“ vergleichen und feststellen, dass damals, also heute, die „pöbelnde Masse“ unschuldige Menschen des Terrorismus bezichtigte und die Höchststrafe für deren „Verbrechen“ forderte. Würden Sie, als Zeitzeuge, diese Erklärung für wahr oder falsch halten?

Der Punkt ist, dass all diese Nuhrs und FAZ-Damen und -Herren Ihnen erklären wollen, dass die größte Gefahr von der anonym pöbelnden Masse ausgeht. Niemals wird auch nur die Überlegung angestellt, ob die Masse nicht auch manipuliert, gelenkt und geführt wird. Klingt es zu weit hergeholt? Nicht für den damaligen Propagandisten der ersten Stunde (heutzutage würde man ihn als Marketing-Guru und Spin-Doktor bezeichnen) und Doppelneffen Sigmund Freuds: Edward Bernays. Er schrieb bereits 1928 in den USA:

Unsere muss eine Herrschafts-Demokratie sein, administriert von der gebildeten Minderheit, die weiß, wie man die Massen kontrolliert und führt. [übersetzt von:] Ours must be a leadership democracy administered by the intelligent minority who know how to regiment and guide the masses.

Propaganda
Edward Bernays
Horace Liveright, New York 1928, S.114

Also, was heißt das jetzt, werden Sie fragen. Nun, für mich steht fest, dass sich die Kräfte im Hintergrund immer wieder Handlanger versichern, die in ihrem Sinne ein Thema vorantreiben. Herr Nuhr und die FAZ prangern die Anonymität im Internet und da vor allem im Social Media Universum an. Es gehe Herrn Nuhr um die „Haftbarkeit des Einzelnen“. Und da er nicht „der König des Internets“ sei, fehle es ihm auch an „Macht“, die „pöbelnden“ Meinungsäußerungen zu verhindern. Für mich riecht die ganze Chose für eine Aufwärmübung in Bezug auf Kontrolle des Internets. Erst gestern erfuhr ich, dass facebook ernst macht, mit der „Echtnamen“-Politik. Nebenbei impliziert der Autor, dass demokratische Abstimmungen nur zu bestimmten Themen erlaubt sein dürfen. Über Verträge, so Nuhr, dürfe nicht abgestimmt werden. Es würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen, wollte ich auf diese völlig falsche Behauptung eingehen, aber es reicht der Gedankenanstoß, dass verbindende Verträge von Regierungen einfach negiert wurden und werden, wenn es nicht in ihr realpolitisches Konzept passt. Stichwort: Israel und die Rückgabe der besetzten Gebiete. Die demokratische Macht der Abstimmung zu relativieren, hilft nicht Herrn Nuhr, sondern nur den Herrn an den Schalthebeln.

Sehen Sie, der Artikel impliziert, dass der Autor der Leidtragende einer modernen Hexenverfolgung war. Stimmt das? Nope. Jeder, der sich in einer renommierten Tageszeitung lang und breit erklären darf, der dafür – davon gehe ich aus – honoriert wird, kann nicht als Persona non grata gelten. Im Gegensatz dazu gibt es eine Reihe von bekannten und unbekannten Leuten, die es wagten, vom vorgegebenen Mainstream-Weg abzukommen. Diesen erging und ergeht es nicht sonderlich gut. Und genau da liegt der Hase im Pfeffer. Du kannst (rein theoretisch) mit einem Tweet oder facebook-Kommentar die Pferde scheu machen, das heißt, du musst dich dann für ein paar Tage mit einer überquellenden Inbox abkämpfen. Nach ein paar Tagen ist der Spuk vorbei. Gefährlich würde es nur dann sein, wenn die sogenannten Systemwächter auf den Plan gerufen und aktiv werden. Diese haben Möglichkeiten, dein Leben zur Hölle zu machen. Und weil sie auf der „politisch korrekten“ Seite sind, hast du keine Chance, dich zu verteidigen. Und hier schließt sich wieder der Kreis. Im Vorwort des Buches mit dem Titel An historical essay concerning witchcraft schreibt der Engländer Francis Hutchinson (1661-1739) im Jahr 1720:

How many miserable Creatures have been hang’d or burnt as Witches and Wizzards in other Countries, and former Ages? In our own Nation, even since the Reformation, above a hundred and forty have been executed, if my Book hath any Truth in it, very much upon the Account of one ill translated Text of Scripture. If the same Nontions were to prevail again, (and Superstition is never far off) no Man’s Life would be safe in his own House; for the fantastick Doctrines that support the vulgar Opinions of Witchcraft, rob us of all the Defences that God and Nature have plac’d for our Security against false Accusations. For in other Cases, when wicked or mistaken People charge us with Crimes of which we are not guilty, we clear our selves by shewing, that at that time we were at home, or in some other Place, about our honest Business: But in Prosecutions for Witchcraft, that most natural and just Defence is a mere Jest;

Mit anderen Worten, werden Sie heute fälschlicherweise bezichtigt, ein Nationalsozialist, Antisemit, Geschichtsfälscher, Hassprediger, Terrorist usw. zu sein, haben Sie keine Möglichkeit, diesen Vorwurf zu entkräften. Ja, sind Sie einmal der Hexerei angeklagt, damals wie heute, ist die natürlichste und gerechteste Verteidigung nichts als ein Scherz.

3 Antworten zu “Scheiterhaufen und Shitstorm, Mittelalter und Cyperspace: Die Verdrehung des Faktischen von Herrn Nuhr

  1. zip Sonntag, 26 Juli, 2015 um 6:05

    Vergiss es,

    Nuhr ist ein Schwätzer, der MS-mediengerechte Sprechblasen produziert, und deshalb große Auftritte hat.

    Der Typ leidet nicht hungers und ist gut bezahlt. Frag meine Freunde von der Transatlantik-Brücke.

    • Richard K. Breuer Dienstag, 28 Juli, 2015 um 7:38

      Tja, da liegt der Hase bekanntlich im Pfeffer. Es scheint viel zu viele gut bezahlte „Schwätzer“ zu geben, die für die Elite das Sprachrohr machen. Auf der einen Seite erbärmlich, auf der anderen Seite natürlich verständlich. Wer möchte nicht zu den Systemgewinnern gehören?

      Als die Elite vor rund hundert Jahren begann, Ehrgefühl und christliche Werte anzugreifen und lächerlich zu machen (gleichzeitig propagierten sie die „Liebe zum Geld“ als „Wurzel allen Gutes“), da konnte man schon erkennen, wohin der Zug rollen würde. Das Ergebnis dieser Werteumbildung sind Menschen, die ohne mit der Wimper zu zucken, den Weg für eine orwellsche Weltordnung bereiten.

  2. Pingback: Hasspredigt gegen Hasspostings: Der Einpeitscher im Mainstream | richard k. breuer

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