richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Der humanistische Weg am Ufer des Donaukanals oder Die Hoffnung stirbt zuletzt

Laende_Sommer-2015

Ach, das waren noch Zeiten, die gegenwärtigen Tage.

Falls Sie einmal an einen tiefen Punkt gelangen, der Ihnen unbewusst bewusst anzeigt, dass es mit der Menschheit kein gutes Ende nehmen wird, dann empfehle ich einen kleinen Spaziergang, um diese seelische Malaise – wenigstens für kurze Zeit – zu vergessen. Also, es ist ganz einfach: Nehmen Sie einen wohlig warmen Freitag Vormittag (zwischen 9 und 10 Uhr), fahren Sie mit der U-Bahn U4 bis zur Station Rossauer Lände, steigen Sie aus und gehen von dort, am Donaukanalufer entlang, bis zur Friedensbrücke. Sie werden in eine gänzlich andere Welt eintauchen, eine Welt, die keine Autos kennt (zugegeben, man hört das Motor-Brausen), sondern nur Menschen, auf zwei Beinen oder zwei Rädern. Dieses kurze Wegstück zeigt, dass die Menschheit noch nicht verloren ist. Man stelle sich vor: eine Stadt, die nach solch humanen Grundsätzen geordnet und geführt wird, wo der Mensch noch Mensch sein darf. Im Schritt-Tempo.

»Das Auto ist wie ein Virus, das sich im Gehirn festsetzt und Verhaltenskodex, Wertesystem und Wahrnehmung total umkehrt.«
Prof. Hermann Knoflacher im Interview
Institut für Verkehrsplanung und Verkehrstechnik der Technischen Universität Wien

Die Tragödie des 20. Jahrhunderts, wenn man so will, war die Auto-Politik. Sie hat es geschafft, was Kriege und Krankheiten nicht zuwege brachten: die Zerstörung einer homogenen Gesellschaft. Das Auto-Selbstverständnis frisst sich wie ein Krebsgeschwür durch jede gemeinschaftliche Struktur. Wer sich mit einer Insel von zwei Tonnen Blech umgibt, ist der realen Welt enthoben. Diese Insel hat ihr eigenes Klima, ihre eigene Melodie – und niemand, der sich ohne Erlaubnis des Lenkers auf ihr niederlassen darf. Nicht das Auto per se ist eine Geißel der Gesellschaft, vielmehr der Mainstream, der den „freien Verkehr“ befördert und bestärkt und jede Kritik daran in den Wind schlägt. Dabei wird man an die Manipulationsversuche Mephistophels erinnert, der Faust erklärt:

Wenn ich sechs Hengste zahlen kann,
Sind ihre Kräfte nicht die meine?
Ich renne zu und bin ein rechter Mann,
Als hätt ich vierundzwanzig Beine.

Ja, die Motorisierung der Gesellschaft ist zu einer Frankenstein-Monstrosität mutiert, die nicht mehr zum Aufhalten ist. Da jeder sein Scherflein zur Monstrosität beiträgt, gibt es keine Einsicht, kein Entkommen. Der neueste Trick der elitären Verzauberungsshow ist die Begegnungszone: ein Straßenstück, welches das „gleichberechtigte Miteinander unterschiedlicher VerkehrsteilnehmerInnen“ ermöglichen soll. Gut möglich, dass in fernen Tagen der Oberste Gerichtshof den „Verkehrsteilnehmer“ Auto zu einer „juristischen Person“ erheben wird. Sie lachen? Ist es nicht genauso lachhaft, dass ein internationaler Konzern eine „juristische Person“ darstellt? Wird ein Unternehmen nicht wie ein Auto „geführt“ und „gelenkt“? Vielleicht wird es dann nur noch „Auto-Manager“ geben. Absurd, sagen Sie? Glauben Sie mir, mit dem richtig gesetzten Marketing-Spin können Sie der gutgläubigen Herde alles verkaufen.

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