richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Filmbesprechung: Die Frau in Gold oder Es ist nicht alles Gold was glänzt

Ich würde gerne über den Inhalt des Films The Woman in Gold (Die Frau in Gold) plaudern, über diese und jene Einzelheiten und doch leben wir in einer Epoche, in der es für einen deutschsprachigen Mitteleuropäer gefährlich sein kann, über vergangene Ereignisse frank und frei zu sinnieren. Während es Hollywood-Produzenten erlaubt ist, eine bestimmte Sicht auf die Dinge filmisch umzusetzen, ist es unsereins verboten, die Grenzen des vernürnbergerischten Faktischen zu übertreten. Wir haben uns zu fügen. Punktum.

Wie dem auch sei. Der Inhalt des Filmes sei kurz umrissen. Hier der imdb-Eintrag:

Maria Altmann, gespielt von Helen Mirren, eine achtzigjährige jüdische Exilantin, legt sich mit der Österreichischen Regierung an, um Kunstwerke zurückzubekommen, die rechtmäßig ihrer Familie gehören. [meine Übersetzung: Maria Altmann, an octogenarian Jewish refugee, takes on the Austrian government to recover artwork she believes rightfully belongs to her family.]

Wie wir wissen, wurde schlussendlich das berühmteste Gustav Klimt Gemälde „Die Frau in Gold“ oder „Adele Bloch-Bauer I“ restituiert und hängt nun nicht mehr im Wiener Belvedere, sondern in der Neue Galerie in New York City. Erworben wurde es für schlappe 135 Millionen Dollar von Milliardär Ronald Lauder, der in den 1980er Jahren amerikanischer Botschafter in Österreich war und laut Wiki seit 2007 Präsident des Jüdischen Weltkongresses ist.

Der Film zeigt in Rückblenden die wohlbehütete Wiener Kindheit Maria Altmanns in den 1920ern Jahren (Weltwirtschaftskrise!) als auch das turbulente Jahr 1938 (Heldenplatz!). Dabei ist mir eine Szene im Gedächtnis hängen geblieben: Im Hause der Familie klopfen die „Nazi-Schergen“ an die Tür. Ihnen wird geöffnet. Sie dringen „herrenmenschlich“ in die Zimmer ein. Man teilt dem Vater von Maria Altmann mit, dass sein Bruder sich in die Schweiz abgesetzt und eine Steuerschuld von einer Million Reichsmark nicht beglichen hätte. Deshalb müsse man sich nun an das Inventar der Familie halten. Worauf die junge Maria Altmann den Beamten entgegenschleudert: „Mein Onkel ist ein ehrlicher Mensch!“

Für mich stellt sich die Frage, warum die Drehbuchautoren diese Szene in den Film schrieben. Natürlich geht der aufgeklärte Zuseher davon aus, dass diese Vorwürfe nicht stimmen und es nur ein Vorwand der Schergen ist, um Kunstgegenstände zu rauben. Und doch verfängt man sich in eine Spur Skepsis. Weil, wie oft kam und kommt Steuerflucht vor? Wie oft lesen wir, von Unternehmer, die sich abgesetzt hatten und einen Schuldenberg hinterließen? Man stelle sich vor, natürlich nur unter vorgehaltener Hand, dass es tatsächlich eine Steuerschuld gegeben hätte. Dann wäre der „Raub“ mehr eine Konfiskation vulgo Pfändung gewesen. Eine Pfändung, wie wir wissen, wird nicht als Diebstahl betrachtet. Wie gesagt, diese offene Steuerschuld kann auch nur ein Vorwand gewesen sein – aber ließe sich das nicht überprüfen? Zwar wurden die Behörden 1938 „nazifiziert“, aber die Unterlagen waren eine rein österreichische Angelegenheit.

Sehen Sie, der Film zeigt eine Seite der Medaille. Das ist völlig in Ordnung. Aber die andere Seite, tja, die erfahren wir nicht. Wäre es nicht auch spannend zu sehen, wie das bürokratische „Nazi“-Räderwerk gearbeitet hat. In Büchern und Filmen machen es sich die Drehbuchautoren und Regisseure immer so einfach. Da ein böser Scherge, dort ein Beamter, der den lebenswichtigen Stempel verweigert. Aber bedenken wir, dass wir es hier mit einer kafkaesken Bürokratie zu tun hatten. Niemand, der sich damals getraut hätte, eigenmächtig zu handeln. Alles musste nach genau festgelegten Regeln abgewickelt werden. Die damaligen Ausreisebestimmungen werden als Schikane dargestellt und doch hatte und hat jedes Land ganz genaue Bestimmungen in Bezug auf die Ausreise mit Sachwerten und Devisen.

Auf der Webseite historyvshollywood.com können wir die Fakten des Geschichte von Maria Altmann nachlesen. Beispielsweise heißt es da:

Marias Ehemann wurde von den Nazis verhaftet und im Konzentrationslager Dachau für beinahe zwei Monate festgehalten, um seinen Bruder Bernhard, dem bereits die Flucht nach Frankreich gelungen war, zu zwingen, seine gewinnbringende Berhard Altmann Textilfabrik an die deutschen Behörden zu übergeben. „Als mein Schwager die Fabrik den deutschen Behörden überantwortete“, sagte Maria Altmann, „hat man Fritz frei gelassen“. „Er wurde nach Hause gebracht, sein Kopf war rasiert, er sah schrecklich aus. Fritz wurde dann für drei Monate unter Hausarrest gestellt, weil die Nazis nur dann bereit waren, ihn gehen zu lassen, wenn sein Bruder den letzten Penny herausrückte.“ [meine Übersetzung:] The movie omits events prior to this, when Maria’s husband Fritz was arrested by the Nazis and held at the Dachau concentration camp for nearly two months in order to force his brother Bernhard, who had already escaped to France, to transfer his prosperous Bernhard Altmann textile factory into German hands. „They released him when my brother-in-law signed over the factory to them,“ says Maria Altmann. „He was brought home, the head was shaved, he looked awful“ (The Lady in Gold Documentary). Fritz was then put on house arrest for three months up until his escape, because the Nazis were unwilling to let him go free until they had gotten every last penny out of his brother (SchoenBlog.com).

Und dann erfahren wir auch noch, dass Fritz bereits drei Mal versucht hatte, zu fliehen. Für mich ergibt all das keinen Sinn. Hätten die damaligen Behörden nicht die Macht gehabt, eine Fabrik einfach zu übernehmen? Wozu brauchte es Unterschriften und Verträge? Wozu all dieser Aufwand, mit dem Festhalten von Angehörigen und all diesen vermeintlichen Erpressungsversuchen? Und wie ist es erklärbar, dass Fritz Altmann drei Fluchtversuche unternehmen konnte, ohne dass die Behörden drastischere Maßnahmen ergriffen?

All das deutet darauf hin, dass, wie zuvor angedeutete, die damalige Bürokratie durch und durch deutsch war: das heißt obsessiv pedantisch, absolut hierarchisch und korrekt bis ins kleinste Detail. Willkür konnte deshalb kaum um sich greifen. Das bestätigt auch eine Fußnote auf Seite 21 in Alfred de Zayas Buch Völkermord als Staatsgeheimnis:

SS-Richter Georg Konrad Morgen hat während des Krieges Untersuchungen in etwa 800 Fällen durchgeführt und u.a. gegen die Lagerkommandanten in Buchenwald, Karl Otto Koch, und Lublin, Hermann Florstedt, ermittelt, die dann vor ein SS-Gericht kamen, zum Tode verurteilt und hingerichtet wurden.

Starker Tobak, nicht? Der Film selbst ist pures Hollywood-Kino: Die üblichen melodramatischen Einlagen, der übliche Herz-Schmerz-Soundtrack und die übliche David-gegen-Goliath-Dramaturgie – garniert mit hübschen Wiener Sehenswürdigkeiten. Der Film ist handwerklich routiniert gemacht. Helen Mirren spielt Helen Mirren. Ryan Reynolds spielt Ryan Reynolds. Und Antje ist hübscher als Adele. Am Ende, wir wissen es genauso wie Gustav, dreht sich alles nur um das Eine. Gold.

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