richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Als die Wiener Stadtmauer den Angriffen standhielt, anno 1683

Morgenland und Abendland in trauter Zweisamkeit, 1683.

Heute, vor genau 332 Jahren war es, als die kaiserlich-polnischen Entsatztruppen das türkische Belagerungsheer vor den Toren Wiens in die Flucht schlugen. Die Stadt war, wenn man so will, befreit. Und die Stadtmauer – teuer in der Entstehung, teuer in der Erhaltung – rettete das Abendland vor dem Morgenland.

Stadtmauern, Burgmauern, Grenzwälle waren lange Zeit en vogue. Weltweit. In China schuf man über viele Generationen ein imposantes Mauerwerk: Die Chinesische Mauer, mit einer Länge von über 21.000 km, sollte die Reiterhorden aus dem Norden in die Schranken weisen. Nicht unähnlich dem Hadrianswall der Römer, die sich ebenfalls vor „nordischen Barbaren“ auf der britischen Insel schützen wollten. Wohin man auch schaut, die Vergangenheit zeigt uns ein Bild der Abschottung: Hier sind wir, dort sind die anderen.

Die Frage, die sich hier stellt, ist, ob diese von oben verordnete Trennlinie mit Einverständnis der gewöhnlichen Untertanen geschah. Oder waren es immer nur die Fürsten und Könige und Kaiser, die sich gegen all die fremden Mächte „aus dem Norden“ wehrten?

In Bezug auf die Stadt und ihre Mauern, so wissen wir, dass gerade diese schützende Funktion den Ausschlag für die Gründung gab. Die Menschen der damaligen Zeit suchten Schutz. Freiheit. Geborgenheit. Nicht nur vor fremden Völkern, sondern auch vor ihren Fürsten, die kein Bisschen von ihrer Macht abgeben wollten. Mit anderen Worten: der Bürger zog Stadtmauern hoch, nicht weil er Angst vor den fremden Völkern hatte, sondern vielmehr, weil das Mauerwerk ihm die Möglichkeit gab, in seiner Entscheidung frei von Einfluss zu sein. Sehen Sie, die Fürsten hatten keinerlei Skrupel, wenn es darum ging, die Untertanen zu besteuern oder zum Kriegsdienst heranzuziehen. Gelinde gesagt war es eine hierarchische Erpressung, die da ablief. Weil jeder so viel Recht hatte, wie er Macht respektive Gewalt hatte, wusste bereits Spinoza. Kein Wunder also, dass sich der gewitzte Untertan eine „Burg“ baute um so seine Verhandlungsposition beträchtlich zu verbessern. Den Bauern und Knechten blieb dagegen nur der Griff zum Dreschflegel, um der Obrigkeit anzuzeigen, dass es reichte. Während also der Bürger mit seinem Fürsten verhandeln konnte, blieb der Bauernschaft nur der blutige Aufstand. Sie sehen also, dass so eine Mauer Blutvergießen vermeiden konnte.

Ich plädiere übrigens seit geraumer Weile dafür, die Stadtmauern wieder hochzuziehen. Nicht, weil ich an Abgrenzung und Abschottung denke, sondern vielmehr an Freiheit. Ohne Mauer sind wir all den Fürsten ausgeliefert, die mit uns tun und lassen können, was sie für richtig halten. Am Ende sollte es immer die Gemeinschaft sein, die entscheidet. Vergessen wir das nicht.

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