Lernen’S ein bisserl Geschichte, Frau Vorsitzende

Als Bürger muss ich fragen: Was ist wahr? Was ist unwahr?
Harold Pinter
Nobel Lecture: Art, Truth & Politics [7.12.2005]

Man kann die Interpretation der Historie natürlich immer in eine beliebige Richtung biegen, aber bedenklich wird es dann, wenn eine Aussage, wie sie die Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion Katrin Göring-Eckardt in einem Interview tätigte, von der Interviewerin widerspruchslos hingenommen wird:

Dresden, das ist vor allem die Frauenkirche, die ist wieder aufgebaut worden, nachdem die Nazis sie zerstört haben.

Ich würde vorschlagen, Frau Göring-Eckhardt besucht das Dresdner Panometer, wo sie die Zerstörung, pardon Ausradierung, der Stadt in einer imposanten Rundumsicht bestaunen kann – die Bomber trugen übrigens keine Abzeichen der deutschen Luftwaffe. Weiters würde ich empfehlen, dem Augenzeugenbericht des amerikanischen Autors Kurt Vonnegut zu lauschen, der damals ein Kriegsgefangener der deutschen Wehrmacht war und gerade in einem unter der Erde gelegenen Kühlraum arbeitete, als „seine“ Airforce Elbflorenz in ein Flammenmeer verwandelte, es sprichwörtlich in Schutt und Asche legte. Unter anderem sagte er:

Als ich schließlich rauskam, aus dem Krieg und wir nach Hause verfrachtet wurden, kam ich mit meinem Kriegskumpel in Gespräch – er wurde später Staatsanwalt. Was hast du gelernt, im Krieg, fragte ich ihn. Und er sagte: „Meiner Regierung nicht zu trauen“. Weil, wir hatten bis zu dem Zeitpunkt geglaubt, oder man hat uns glauben gemacht, dass wir keine Zivilisten bombardieren würden. […] Und dann sah ich, dass die Briten und die Vereinigten Staaten Flächenbomardierungen von Städten durchführten. Das war damals nicht bekannt, dass wir das taten, dass es eine Vorgabe war, Zivilisten zu töten, zu töten, zu töten, weil wir sonst den Krieg nicht gewinnen würden.

Kurt Vonnegut & Joseph Heller War Experience:
Battle of the Bulge, Bombing Raids, VE Day (1995)
meine Übersetzung

Noch bedenklicher ist freilich der Umstand, dass einem bereits die bloße Erwähnung der alliierten Bombardierung von deutschen Städten, sei es Hamburg, Dresden oder Berlin, in Teufels politisch korrekte Küche bringen kann. Weil man dadurch – so wird einem mit erhobenen Zeigefinger vorgehalten – die Verbrechen der Nazis relativieren bzw. verharmlosen würde. Aber Fakten verschwinden nicht, nur weil man sie ignoriert, wusste Aldous Huxley. Und zu guter Letzt sei mir noch erlaubt, das Geschichtsforscherehepaar und Pulitzerpreisträger Will und Ariel Durant zu erwähnen – nur für den Fall, dass Sie der Meinung sind, wir wüssten bereits alles über die Vergangenheit:

[…] do we really know what the past was, what actually happend, or is history ‚a fable‘ not quite ‚agreed upon‘? Our knowledge of any past event is always incomplete, probably inaccurate, beclouded by ambivalent evidence and biased historians, and perhaps distorted by our own patriotic or religious partisanship. […] Most history is guessing, and the rest is prejudice.
The Lessons of History
H. Wolff, New York [E-Book]

Viktor Orbán und die eindeutige Agenda der europäischen Linken oder: Genossen, der Sieg der proletarischen Weltrevolution ist nah!

Allerhand, nicht?
Allerhand, was man so in russischen Archiven findet, nicht?

Falls Sie die Rede von Viktor Orbán, die er auf dem Kongress der Europäischen Volkspartei am 22. Oktober 2015 in Madrid gehalten hat, noch nicht gelesen haben, so sollten Sie das schleunigst nachholen. Es tut gut, in dieser medial aufgeheizten Stimmung die Überlegungen eines christlich-konservativen Politikers zu hören – ohne dass seine Worte und Sätze verstümmelt oder aus dem Zusammenhang gerissen werden. Ich denke, wir Bürger haben das Recht, beide Seiten der Medaille kennenzulernen. Wie dem auch sei, gegen Ende seiner Rede kommt er auf einen Punkt zu sprechen, der in Ihrer Tageszeitung für gewöhnlich als „Verschwörungstheorie“ bezeichnet werden würde:

Wir müssen klar aussprechen, dass die europäische Linke einen eindeutigen Plan hat. Sie unterstützen die Migration. Tatsächlich aber importieren sie, sich hinter der Maske des Humanismus versteckend, zukünftige Wähler der Linken. Dies ist ein alter Trick, aber ich verstehe nicht, warum wir ihn akzeptieren müssten. Sie erachten die Registrierung und den Schutz der Grenzen als bürokratisch, nationalistisch und die Menschenrechte verletzend. Sie träumen von einer politisch derart aufgebauten Weltgesellschaft, in der es keine Religionen, keine Grenzen und keine Nationen gibt.

Tatsächlich ist aber dieser „linke“ Plan, diese Agenda, kein Hirngespinst. Um zu zeigen, was es mit diesem Plan auf sich hat, erlaube ich mir deshalb, Ihnen zwei Absätze aus dem Programm der Kommunistischen Internationale von 1928 näherzubringen:

Von den Zentren der kapitalistischen Macht bis in die entferntesten Winkel der kolonialen Welt unterwirft der Imperialismus die gewaltige Masse der Proletariar aller Länder der Diktatur der finanzkapitalistischen Plutokratie. Mit elementarer Gewalt enthüllt und vertieft der Imperialismus alle Widersprüche der kapitalistischen Gesellschaft, steigert die Unterdrückung der ausgebeuteten Klassen bis zum äußersten und treibt den Kampf der kapitalistischen Staaten auf die Spitze. Dadurch verursacht er unabwendbar weltumspannende imperialistische Kriege, die das gesamte herrschende Regime aufs tiefste erschüttern und führt mit eherner Notwendigkeit zur proletarischen Weltrevolution.

Der Imperialismus schlägt die ganze Welt in Fesseln des Finanzkapitals, zwingt die Proletarier aller Länder, Völker und Rassen mit Hunger, Blut und Eisen unter sein Joch und steigert die Ausbeutung, Unterdrückung und Knechtung des Proletariats ins Maßlose. Damit stellt der Imperialismus dem Proletariat unmittelbar die Aufgabe, die Macht zu erobern, und nötigt die Arbeiter, sich aufs engste zur einheitlichen internationalen Armee der Proletarier aller Länder zusammenzuschließen, über alle Grenzpfähle, über alle Unterschiede von Nation, Kultur, Sprache, Rasse, Geschlecht und Beruf hinweg.

Das Programm der Kommunistischen Internationale.
Angenommen vom VI. Weltkongreß am 1. September 1928 in Moskau.
entn.: IPK, 8. Jahrgang Nr. 133, Berlin, 30. November 1928
Link vom 25.10.2015

Gewiss, Sie werden vermutlich den Kopf schütteln, ob dieses gedanklichen Spagats. Aber wissen Sie, wenn man sich mit der Historie der, sagen wir, letzten hundert Jahre beschäftigt, dann muss man zum Schluss kommen, dass hier in der Tat eine Agenda verfolgt wird. Anders ist der Sachverhalt nicht zu erklären, dass europäische und amerikanische Finanzkapitalisten Lenin und damit die russische Revolution von 1917 finanzierten und so manche Medienhäuser in New York, Berlin und London dazu bewegen konnten, diese Revolution zu loben und etwaige blutige Massaker zu verschweigen. Eine mögliche, zugegeben äußerst spekulative Erklärung für die Zusammenarbeit von Ost und West, von arm und reich, könnte die von Präsident Putin gemachte Aussage über die Zusammensetzung der damaligen bolschewistischen Revolutionäre sein.

Falls Sie meinen, diese proletarische Weltrevolution sei ein alter Hut, dann muss ich Sie diesbezüglich eines Besseren belehren. Weil, am Ende geht es nur darum, dass eine elitäre Minderheit an der Spitze die Mehrheit am Boden kontrollieren und jegliche Opposition ausschalten möchte. Auf welche Weise und mit welcher Ideologie diese Kontrolle geschieht, ist vollkommen belanglos. Schlag nach bei Machiavelli, bei Orwell. Und wie soll bereits der Ökonom John K. Galbraith einmal gesagt haben: »Im Kapitalismus beutet der Mensch den Menschen aus und im Kommunismus ist es genau umgekehrt.«