richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Aleksandr Puškin und sein politisch völlig unkorrekter Reisebericht, anno 1829

Puskin_Arzrum_CoverErst kürzlich wieder in das schmale Büchlein Die Reise nach Arzrum während des Feldzugs im Jahre 1829 vom russischen Dichter Aleksandr Puškin geblättert. Es ist ein nüchtern, sachlich und präzis gehaltener Reisebericht, der dem Leser auch verschiedene Völker näherzubringen versteht. Aus heutiger Sicht dürfte die eine oder andere Passage politisch nicht korrekt sein – und man kann sich gut vorstellen, wie der Mainstream über die Berichte eines modernen Puškins erzürnt wäre. Deshalb tut es gut, hin und wieder einen vorsichtigen Blick in alte Bücher und Aufzeichnungen zu tun.

Sehen Sie, würde man den Kindern und Jugendlichen und Erwachsenen im Westen im kritischen Denken unterweisen, würde man Ihnen nicht sagen, was Sie worüber zu denken haben, diese political-correctness-Wut der Sittenwächter wäre erst gar nicht nötig. So muss man gefährliche (für wen?) Publikationen unterdrücken oder, wenn dies nicht möglich ist, neu auflegen und mit einem kritischen Anmerkungstext versehen. All das ist für mich Beweis genug, dass die Aufklärung („Bediene dich deines eigenen Verstandes“) nur ein Werkzeug elitärer Machtmenschen war, um den religiösen Glauben der breiten Masse zu untergraben und die bestehende gesellschaftliche Ordnung auf den Kopf zu stellen. Und als schließlich und endlich Kirche und Königshäuser gegen eine neue Herrschaftsform abgelöst wurden, die „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ versprach, hörte die Aufklärung auf Aufklärung zu sein.

Puškin wurde 1825 auf sein Gut verbannt, da er von den russischen Behörden überführt wurde, zwei atheistische Zeilen in einem Brief verfasst zu haben. Der moderne, aufgeklärte Mensch schüttelt ob dieses religiösen Eifers, ob dieser willkürlichen Bestrafung, den Kopf und doch würde es einem Bürger um Vieles schlimmer gehen, würde er heute den historischen Status Quo in Frage stellen und die positiven Seiten eines längst untergegangenen Reiches herausstreichen. Der religiöse Fanatismus, der Atheisten und Andersgläubige verfolgt und verheizt, besteht noch immer fort, nur dass die neu geschaffene Religion nichts mit dem überlieferten Glauben zu tun hat. Kurz und gut: Kant und Voltaire hätten in unserer Generation viel zu tun, um die zweite Aufklärung voranzutreiben.

Die Tscherkessen hassen uns (Russen). Wir haben sie von ihren fetten Weiden verdrängt; ihre Aule (Dörfer) sind zerstört, ganze Stämme vernichtet. Sie ziehen sich Stunde um Stunde tiefer in die Berge zurück und verüben von dort ihre Überfälle. Die Freundschaft der „friedlichen“ Tscherkessen ist wenig verläßlich: immer sind sie bereit, ihren gewalttätigen Stammesgenossen zu Hilfe zu eilen. Der Geist ihrer wilden Ritterlichkeit ist spürbar gesunken. Nur selten greifen sie Kosaken an, die ihnen an Zahl ebenbürtig sind, Infanteriesoldaten nie, und ergreifen die Flucht, sobald sie eine Kanone sehen. Dafür lassen sie keine Gelegenheit aus, eine schwache oder schutzlose Abteilung anzugreifen. Die hiesige Gegend schwirrt nur so vor Gerüchten von ihren Greueltaten. Es gibt kaum eine Möglichkeit, sie zu befrieden, es sei denn, man entwaffnet sie, wie man die Krimtataren entwaffnet hat, was überaus schwierig durchzuführen ist in Folge der unter ihnen herrschenden Erbstreitigkeiten und der Blutrache. Dolch und Säbel sind Teile ihres Körpers, und der Säugling beginnt sie zu berherrschen, noch ehe er sein erstes Wort stammelt. Mord ist bei ihnen – nur eine Körperbewegung. Ihre Gefangenen halten sie fest in der Hoffnung auf Loskauf, behandeln sie aber mit entsetzlicher Unmenschlichkeit, zwingen sie, ihre Kräfte übersteigend zu arbeiten, geben ihnen rohen Teig zu essen, schlagen sie, wann es ihnen paßt, und stellen als Wachen ihre kleinen Bengel auf, die das Recht haben, sie für ein bloßes Wort mit ihren Kindersäbeln zu massakrieren. Unlängst hat man einen friedlichen Tscherkessen gefangen, der auf einen Soldaten geschossen hatte. Er rechtfertigte sich damit, sein Gewehr sei zu lange geladen gewesen. Was macht man mit so einem Volk? […] Der Kaukasus wartet auf christliche Missionare. Doch unsere Faulheit hat es leichter, statt des lebendigen Wortes tote Buchstaben auszugießen und stumme Bücher an Menschen zu schicken, die weder lesen noch schreiben können.

Aleksandr Puškin
Die Reise nach Arzrum während des Feldzuges im Jahre 1829
Friedenauer Presse, Berlin 1998, S. 24f.

Das schmale Büchlein ist übrigens eine exzellent gemacht Broschüre – hier sieht man, welchen Mehrwert Literatur haben kann, so sich Kompetenz und Sorgfalt die Hand reichen und der Herausgeber bereit ist, einen besonderen Augenzeugenbericht der Vergangenheit in die Gegenwart zu holen, ohne Wenn und Aber. Kudos.

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