richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Der türkische Stein des Anstoßes, Syrien im Novmeber 2015

Stein_1683

Wenn es um Steine ging, waren die Osmanen nicht zimperlich

Seltsam, finden Sie nicht? Warum, in Gottes respektive Allahs Namen, wollten türkischen Abfangjäger einen russischen Allwetterbomber vom Himmel holen? Es sollte doch bekannt sein, dass die russischen Luftstreitkräfte in Syrien gegen terroristische Verbände der ISIS/ISIL/Daesh vorgehen. Ich war bis jetzt immer der Meinung, die ganze westliche Welt – von Washington und London, über Paris bis Ankara – würde die ISIS-Bedrohung eindämmen und bekämpfen wollen.

Der türkische UN-Botschafter gab zu Protokoll, dass zwei Flugzeuge den türkischen Luftraum für 17 Sekunden überflogen hatten:

Disregarding these warnings, both planes, at an altitude of 19,000 feet, violated Turkish national airspace to a depth of 1.36 miles and 1.15 miles in length for 17 seconds from 9:24:05 local time

Wikileaks zückte daraufhin den Taschenrechner und stellte fest, dass demnach der russische Bomber, dessen maximale Geschwindigkeit bei über 1300 km/h liegt, ungewöhnlich langsam flog – vergleichbar mit einem Auto, das im 1. Gang betrieben wird:

Journalists: Learn to do basic maths. Look at Turkey’s statement to UN: 1.15 miles / 17 seconds x 60 x 60 = 243 miles/hour = 391 km/hour

Und dann gibt es noch die Erklärung aus Moskau, dass das russische Flugzeug nicht den türkischen Luftraum verletzt hätte und auf syrischem Hoheitsgebiet abgeschossen worden wäre. Hm. Aussage steht hier gegen Aussage. Faites vos jeux.

Eine interessante Koinzidenz, dass vor über einem Jahr die israelischen Streitkräfte ebenfalls eine (syrische) Su-24 abschossen, da sich das Flugzeug im israelischen Luftraum befand – für 800 Meter. Je nach Geschwindigkeit dürfte das Flugzeug höchstens für ein paar Sekunden den Luftraum verletzt haben.

Es scheint, als hätten die israelischen und türkischen Streitkräfte den Finger am Abzug und sehen sich „gezwungen“, ISIS/ISIL/Daesh zu „unterstützen„, in dem sie die russischen und syrischen Flugzeuge vom Himmel holen – aus einer (paranoiden?) Befürchtung heraus, die syrischen bzw. russischen Streitkräfte wären eine Bedrohung für die Sicherheit ihrer Länder, obwohl Moskau ein gemeinsames militärisches Vorgehen gegen die Terroristen in Syrien vorschlägt. Ist nun diese (paranoide?) Befürchtung nachvollziehbar? Würden die Türkei und Israel am Ende auch französische und amerikanische Flugzeuge (die sich übrigens – im Gegensatz zu russischen – völkerrechtswidrig im syrischen Luftraum aufhalten) abschießen? Und falls nicht, warum nicht?

Conclusio: Unter der Hand heißt es, dass Ankara und Tel Aviv in Abstimmung mit Washington ISIS/ISIL/Daesh unterstützen – sei es logistisch, sei es materiell. Warum? Weil alle drei Fraktionen Syrien „gadaffisieren“ möchten. Wer jetzt nicht weiß, was damit gemeint ist, nun, der muss nur einen Blick auf das von den Westmächten „demokratisierte“ Libyen werfen. Dort kann man mit freiem Auge sehen, was für Syrien und den Iran geplant ist.

Falls Sie diese Überlegung nicht akzeptieren wollen, vielleicht hilft es, wenn Sie hören, was der ehemalige Präsident Jimmy Carter mit 91 Jahren über das politische System in den USA zu sagen hat:

[meine Übersetzung:] Es ist einfach nur eine Oligarchie, dessen Essenz die Bestechung mit unbegrenzten Mitteln ist, um in Folge einen [vereinbarten] Präsidentschaftsanwärter zu nominieren oder ihn zum Präsidenten wählen zu lassen. // Now it’s just an oligarchy, with unlimited political bribery being the essence of getting the nominations for president or to elect the president.

Jimmy Carter weiß, wovon er spricht. Er wurde damals von Rockefeller & Co politisch „groß gezogen“ – aber nach 4 Jahren für den besseren Schauspieler Ronald Reagan fallen gelassen. Und der wiederum stolperte mit seinem Vize George Bush Sen. in die Iran-Contra-Affäre. Damals ging es einfach darum, Terroristen in Nicaragua mit Waffen zu versorgen. Das war freilich illegal – deshalb wurde es geheim und in aller Stille vom CIA und den Militärs durchgeführt. Illegal war auch der Drogenschmuggel, der die Mittel für die Waffenkäufe bereitstellte. Teile der amerikanischen Behörden waren den Terroristen aus Nicaragua äußerst behilflich dabei, die Drogen außer Landes und nach Kalifornien zu bringen. Einen kleinen Einblick über die Zusammenhänge und wie mit investigativen Journalisten umgegangen wird, die diese Korruption publik machen wollten, erfährt man in dem empfehlenswerten Kinofilm Kill the Messenger.

Glauben Sie mir, in den Machtzentren dieser Welt gehen die elitären Bürokraten über Leichen und leben die Maxime von Stalin: „Ein Todesopfer ist eine Tragödie, eine Million nur eine Statistik.“

4 Antworten zu “Der türkische Stein des Anstoßes, Syrien im Novmeber 2015

  1. zip Mittwoch, 25 November, 2015 um 23:36

    Haha, wie verlautete der große Führer aller Osmanen, Recep Tayyip Erdogan, noch im Juni 2012, als Syrien eine türkische Phantom F-14 vom Himmel holte?

    „A short-term border violation can never be a pretext for an attack“.

    http://www.bbc.com/news/world-middle-east-18584872

    Aber was kümmert uns unser Geschwätz von gestern…

    • Richard K. Breuer Donnerstag, 26 November, 2015 um 9:54

      Der große Führer der Osmanen ist aber nur so groß, so groß ihn Washington haben möchte.

      Ehrlich gesagt, einen Reim kann ich mir aus alledem nicht machen. Ankara würde sich niemals ohne US-Erlaubnis gegen Moskau stellen. Zwar versucht der Mainstream die türkische „Provokation“ als simplen „Grenzzwischenfall“ darzustellen, aber man merkt, wie den Journalisten langsam die Ideen ausgehen, den Anti-Putin-Spin weiter aufrechtzuerhalten – siehe ORF.at:

      „Doch bisher konzentrierte sich ein guter Teil der russischen Luftschläge auf Rebellen, die gegen Assad, aber zugleich auch gegen den IS kämpfen und von denen manche gewissermaßen unter dem Schutz Ankaras stehen. Die Türkei wiederum flog zwar auch Angriffe gegen den IS, bombardierte zugleich aber auch kurdische Milizen im Nordirak, die ebenfalls als Gegner des IS gelten.“

      • zip Donnerstag, 26 November, 2015 um 18:36

        Was in Syrien gespielt wird, lässt sich nicht in schöne Reime fassen. Am ehesten würde ich die ordo-ab-chao-Schablone erkennen: größtmögliches Chaos stiften, um schlussendlich – auch in anderen Teilen unserer mittlerweile sehr vernetzten Welt – zur gewünschten Ordnung zu kommen.

        Es ist die Zeit des Bauernschachs. Paul Craig Roberts hat darauf hingewiesen, dass Washington selbst derzeit von schweren Konflikten zwischen verschiedenen militärischen, wirtschaftlichen und politischen Einflussgruppen gebeutelt wird. Mal wird das eine Bäuerchen vorgezogen und darf auf seinen Feldern zuschlagen, mal das andere.

        Ich glaube nicht, dass die Türkei ohne Zustimmung der USA, oder zumindest bestimmter Entscheidungsträger in den USA gehandelt hat. Sehen wir es als Testballon: versuchen wird man’s wohl noch dürfen. Wahrscheinlich ist die erwünschte Reaktion ausgeblieben oder andere unerwartete Effekte sind eingetreten.

      • Richard K. Breuer Donnerstag, 26 November, 2015 um 19:51

        Wenn man sich anguckt, welche Söldnertruppen in Syrien gerade unterwegs sind, kann einem ganz schön Bang werden. Weil, wenn der Syrien-Konflikt tatsächlich mal zu einem friedlichen Ende kommt, müssen sich ja diese kampferprobten Leute irgendwie einen neuen Job suchen. Ob das internationale Arbeitsmarktservice einen zweiten Bildungsweg vorsieht, also, das bezweifle ich. Andererseits, gezündelt wird ja immer wieder – vielleicht ist die Berufsgruppe Söldner noch lange nicht obsolet.

        Many of the „Syrian Turkmen“ fighting against the Syrian people are from Central Asia and part of the terrorist groups of Jabhat al-Nusra, Ansar Al Shams, Jabhat Ansar Ad Din and Ahrar al Shams. Uighurs smuggled in from China and fighting under the „Turkistan Islamist Party“ label even advertise their ‘little jihadists’ children training camps in the area. The few real Syrian Turkmen work, as even the BBC admits, together with al-Qaeda and other terrorist groups. Their leader and spokesman, one Alparslan Celik, is a Turkish citizen from Elazığ.

        The Turkish claim of defending „Turkmen“ in Syria is a sham. It is defending mostly foreign Islamist terrorists.

        http://www.moonofalabama.org/2015/11/the-context-of-yesterdays-turkish-attack-against-the-russian-jet.html

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