richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Silvesternacht in Köln und der Blind Spot der Geschichte

Koeln2016_Medien

Nur ein kleiner Medien-Mix zum Probieren.

update: ein Kölner Augenzeuge berichtet über die Ereignisse

Sie werden es vermutlich bereits gehört und gelesen haben, dass es in der Silvesternacht zu zahlreichen Übergriffen am Hauptbahnhof von Köln kam und die Wogen in den sozialen Medien hoch gingen. Der interessanteste Aspekt bei alledem ist aber die Frage, wie es möglich ist, dass ein – verhältnismäßig harmloses* – lokales Ereignis in Deutschland für internationales Aufsehen sorgen kann. So schaffte es das Ereignis sogar auf die (Online)Titelseite der New York Times und in den Twitter-Feed von Donald Trump. Verblüffend, meinen Sie nicht auch?

*) Jakob Augstein twittert am 7.1.: „Ein paar grapschende Ausländer und schon reisst bei uns Firnis der Zivilisation“
https://twitter.com/Augstein/status/685142273324134400

Nun, die großen Medienhäuser, seien diese in Frankfurt, London oder New York spielen alle im selben Orchester und ziehen am gleichen elitär-politischen Strang (FAZ-Mitgründer Paul Sethe anno 1965: „Pressefreiheit ist die Freiheit von zweihundert reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten“). Als skeptischer Bürger muss man sich jetzt fragen, warum all diese Medien gerade jetzt diesem emotionalen Thema Platz einräumten, während sie noch vor Wochen und Monaten solche Ereignisse ignoriert, abgeschwächt oder die Opfer bzw. Kassandra-Rufer diskreditiert haben.

Der Aufschrei wütender und verängstigter Bürger in den sozialen Medien soll den Anstoß für Presse und Politiker gegeben haben. Klingt gut, ist aber nicht so, weil es in erster Linien der Mainstream-Presse und der großen Presse-Agenturen vorbehalten ist, aus einem Sturm im Wasserglas einen ordentlichen Orkan zu entfachen.

So berichtete das Boulevardblatt BILD am 3.1.2016 über den Vorfall mit der Headline: „Sex Überfälle in der Silvesternacht“. Das hat Schmackes und verkauft sich gut. Einen Tag später legt das boulevardeske Nachrichtenmagazin FOCUS nach: „Betroffene berichtet: ‚Ich habe die ganze Zeit nur geschrien'“. Gefolgt von Spiegel Online, der im Artikel die Herkunft der mutmaßlichen Täter seltsamerweise nicht verschweigt. Der Rest, wie man schön sagt, ist Geschichte.

Im Moment fliegen die Anschuldigungen kreuz und quer im öffentlich-medialen Raum umher. Haben die Politiker oder die Polizei versagt? Warum dauerte es fünf Tage, bis ARD/ZDF gewillt war, über die Ereignisse zu berichten? Die FAZ fragt sich, ob ARD und ZDF nicht wissen, was sie berichten sollen. Der CSU-Politiker Hans-Peter Friedrich vermutet „Nachrichtensperren“, sobald es um Vorwürfe gegen Ausländer gehe und spricht von einem „Schweigekartell“ – freundlicherweise berichtet Die Welt über das vermeintliche Versagen der Medien. Oder liegt die Schuld am Ende bei den „opferbereiten Naivlingen beziehungsweise nützlichen Idioten der Flüchtlingsindustrie“, wie die niederländische Zeitung De Telegraaf in einer ungewohnt drastischen Deutlichkeit schreibt. Enfant Terrible Donald Trump interpretierte die Ereignisse auf seine Weise, nämlich dass die deutsche Bevölkerung „massiven Angriffen“ von Migranten ausgesetzt wäre, denen man zuvor erlaubt habe, ins Land zu kommen. Darüber solle man nachdenken, merkte er am Ende an. Und zu guter Letzt sieht die international geschätzte Qualitätszeitung The New York Times die Migranten-Diskussion in Deutschland durch die „massiven sexuellen Übergriffe“ (Mass Sexual Attack) angeheizt.

Wie ich die Sache auch drehe und wende, ich werde aus alledem nicht schlau. Zum einen scheint es, dass einzelne Medienhäuser dieses lokale Ereignis nicht unnötig „aufblasen“ wollten. Man sehe sich nur die Berichterstattung auf ORF.at an – da es keine User-Kommentarfunktion gibt, könnte man meinen, es handle sich bei alledem nur um eine ausgeuferte Silvesterparty, irgendwo in Deutschland. Im Gegensatz dazu sah sich die Redaktion des Der Standard gezwungen, im Online-Forum darauf hinzuweisen, dass trotz des „emotionalen Themas“ alle Postings gelöscht werden würden, die Hetze und rassistische Angriffe beinhalteten. Eine Woche später – viel Wasser ist dem Rhein hinuntergeflossen – liest man erste Relativierungen und mahnende Worte. Nichts anderes war zu erwarten, da die Reaktionen in den Online-Foren zeigten, dass so mancher (verängstigte und wütende) Bürger überhaupt nicht mit der gegenwärtigen Politik einverstanden ist und eine Kursänderung fordert.

Merkwürdig jedoch, dass ausgerechnet die transatlantischen Brückenbauer unisono Öl ins Feuer schütten wollten. Warum? Wozu? Und wie kann es sein, dass eine Profi-Politikerin – mit all ihren Spin-Doktoren und PR-Ratgeber – in einer Pressekonferenz einen Vorschlag zur zukünftigen Verhinderung dieser Übergriffe unterbreitet, der so absurd lächerlich ist, dass man beginnt, an das demokratische Wahlsystem zu zweifeln? #einearmlaenge

Dass die Massenfluchtbewegung nach Europa gesteuert ist, steht für mich außer Frage. Um die unangenehmen zukünftigen Auswirkungen abzufedern, waren es genau jene transatlantischen Brückenbauer in den Redaktionen der großen privaten und öffentlich-rechtlichen Medienhäuser, die eine fröhlich-humane Willkommenskultur-Euphorie auf die Titelseiten und in die Nachrichtensendungen brachten. Kritische Stimmen, wie zuvor erwähnt, wurden ignoriert oder ins rechte Lager abgeschoben. Die leere Politphrase „Wir schaffen das!“ wischte alle Bedenken fort. Natürlich. So funktioniert Propaganda. So werden die Lämmer zum Schweigen gebracht.

Ich denke jedenfalls nicht, dass hier ein Fehler in der Kommunikation geschah. Wollte man vielleicht mit Absicht die Stimmung anheizen? Wollte man die „Gegnerschaft“ herausfordern, um deren Reaktion sorgfältig beobachten zu können? Ging es vielleicht auch nur darum, die „Macht“ der sozialen Medien in den Köpfen der Bürger zu verankern? Hieß es nicht (fälschlich), dass der „Arabische Frühling“ vor allem durch Social Media ermöglicht wurde? Oder wollte man schlicht und einfach von einem anderen Brennpunkt ablenken?

Ja, das ist das Dilemma eines Wahrheitssuchers, der nur Bruchstücke an Fakten und Indizien zur Verfügung hat. Es gibt keine Antworten, nur viele Fragen.

4 Antworten zu “Silvesternacht in Köln und der Blind Spot der Geschichte

  1. Petra Kaindel Donnerstag, 7 Januar, 2016 um 13:40

    Ich weiss nicht, wie „harmlos“ Du es finden würdest, fremde Finger in all Deinen Körperöffnungen zu haben oder – wie in zwei angezeigten Fällen – vergewaltigt zu werden. Umzingelt, beschimpft, betatscht, erniedrigt, ausgeraubt zu werden – und das von einer – höchstwahrscheinlich – gezielt abgesprochenen, enthemmten Masse an jungen Männern – laut dutzender Täterbeschreibungen (also NICHT Vorurteilen) nordafrikanischer Abstammung. Nach derzeitiger Information sind es mehr als 100 Anzeigen in Köln, über 50 in Hamburg. Wenn Deine Freundin dabei gewesen wäre, sie Opfer dieses Angriffs geworden wäre, man ihr zwischen die Beine greift, während Du hilflos irgendwo anders hingedrängt wirst und sie schreien hörst. Findest Du das dann immer noch so „harmlos“?

    • Richard K. Breuer Donnerstag, 7 Januar, 2016 um 15:35

      Äh, nicht falsch verstehen, aber wir sprechen hier von einer Berichterstattung internationaler Größenordnung. Werden beispielsweise in Palästina oder Syrien oder Saudi Arabien oder Ägypten oder Indien Frauen misshandelt, verstümmelt, geschlagen, verkauft, erschossen usw. interessiert das die westlichen Medien nicht die Bohne.

      Interessant, wie es beispielsweise weiblichen Reportern in fremden Ländern gehen kann – ohne dass diese genaueren Umstände in den Medien zur Sprache kommen:

      „Female reporters are targets in lawless places where guns are common and punishment rare. Yet the compulsion to be part of the macho club is so fierce that women often don’t tell their bosses. Groping hands and lewd come-ons are stoically accepted as part of the job, especially in places where western women are viewed as promiscuous. War zones in particular seem to invite unwanted advances, and sometimes the creeps can be the drivers, guards, and even the sources that one depends on to do the job. Often they are drunk. But female journalists tend to grit their teeth and keep on working, unless it gets worse.“

      https://web.archive.org/web/20110302224845/http://www.judithmatloff.com/correspondentsandsexualabuse.pdf

  2. MarcelW Donnerstag, 7 Januar, 2016 um 16:29

    Zur PK der Bürgermeisterin habe ich anderes gelesen. Man hat wohl die Aussage „eine Armeslänge“ aus dem Zusammenhang gerissen und aufgebauscht.
    Sie soll auf Frage nach Tips zur zukünftigen Vermeidung solcher Übergriffe allgemein Tips von Opfervereinen und Polizei zitiert haben und auch darauf hingewiesen haben, daß das den Betroffenen hinterher auch nicht mehr hilft.

    • Richard K. Breuer Donnerstag, 7 Januar, 2016 um 20:07

      Interessant. Ehrlich gesagt, habe ich das Originalzitat nicht überprüft, weil ich davon ausgegangen bin, dass die Qualitätsmedien es einigermaßen richtig zitiert haben. Das schreibt die Wochenzeitung Die Zeit hierzu:

      Reker hatte auf einer Pressekonferenz zu den Übergriffen in der Silvesternacht vor dem Kölner Hauptbahnhof angekündigt, die Verhaltenshinweise zu aktualisieren, wie Frauen sich auf Partys verhalten sollten. Zu den Regeln gehöre zum Beispiel, zu Fremden eine Armlänge Distanz zu halten, sagte Reker in der Pressekonferenz auf die Nachfrage einer Journalistin: „Es ist immer eine Möglichkeit, eine gewisse Distanz zu halten, die mehr als eine Armlänge betrifft.“ Zudem sollten Frauen darauf achten, unter den eigenen Freunden zu bleiben und sich von diesen nicht trennen zu lassen.

      Link: http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2016-01/henriette-reker-koeln-silvester-einearmlaenge

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