richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Eine Erklärung für den gegenwärtigen Zustand der deutschen Welt, anno 1864?

 

 

Gaul-Wrecking-x

Der britische Historiker Dr. Charles Kingsley hielt in Cambridge der 1860er Jahre eine Vorlesung zum Thema Der Römer und der Germane (The Roman and the Teuton). Die Vorträge wurden wenig später in Buchform veröffentlicht. Ich empfehle jedem deutschen Bürger, der sich ein ungefärbtes Bild seiner Vorfahren machen möchte, wenigstens in den ersten Kapitel des Buches zu lesen. Sie werden mit Sicherheit nicht mehr aus dem Staunen herauskommen. Was vor rund 150 Jahren noch unverblümt gesagt und geschrieben werden durfte, ist heute generell Tabu. Sie wissen, die Vergangenheit lastet schwer auf unserer Seele, sozusagen.

Für alle jene, die zwar Interesse am Inhalt haben, aber sich jetzt nicht durch ein altes Universitäts-Englisch kämpfen wollen, habe ich hier kleinere Ausschnitte übersetzt, die mir passend erscheinen und die vielleicht auch eine Erklärung für vergangene und gegenwärtige Zustände liefern. Begehen Sie aber nicht den Fehler, den Nibelungenschatz bzw. das märchenhafte Gold Roms nur als einen Berg von Münzen und Edelsteinen zu sehen – vielmehr ist der Schatz Ausdruck eines höheren Verlangens, eines tiefgehenden Strebens. Dumm, wenn fremde Kaiser und Könige und Fürsten dieses germanische Strebertum zu nutzen wissen, um Macht und Einfluss zu gewinnen – freilich zum Schaden des gewöhnlichen Mannes, der heutzutage auch eine Frau sein kann.

 

»Die Germanen sollen durch die Germanen vernichtet werden, das war eine so alte Methode der Römischen Politik, dass es nicht einmal für die ‚Erhabenheit‘ eines Kaiser Theodosius als herabwürdigend betrachtet wurde.« [To destroy the German by the German was so old a method of the Roman policy that it was not considered derogatory to the ‚greatness‘ of Theodosius] [S.84]

»Um gute Gesetze zu haben, muss man erstens ehrliche Leute haben, die diese machen; und zweitens muss man ehrliche Leute haben, die diese Gesetze ausführen, nach dem sie gemacht wurden. Unehrliche Leute können die besten Gesetze, die besten Verfassungen missbrauchen.« [To have good laws, you must first have good men to make them; and second, you must have good men to carry them out, after they are made. Bad men can abuse the best of laws, the best of constitutions] [S.40]

»Das gesellschaftliche Leben gründet sich in der Entwicklung und im Leben der Familie. Und wo die Wurzel korrupt ist, muss der Baum ebenfalls korrupt sein.« [For national life is grounded on, is the development of, the life of the family. And where the root is corrupt, the tree must be corrupt likewise] [S.42]

»Kennt ihr das Nibelungenlied? Ich glaube, es erklärt den wesentlichen Grundgedanken in des alten Germanen Herz, nach dem sein Werk getan war. Siegfried tötet seinen Schwager; die gute Krimhild verwandelt sich in eine rachsüchtige Furie; im Rittersaal von Hunnenkönig Etzel schlagen sich die Helden gegenseitig tot und wissen nicht einmal, warum sie es tun, bis nur noch Hagen und Gunther stehen; Dietrich von Bern (Verona) kommt hinzu, um die letzten überlebenden Helden in Gewahrsam zu nehmen; Krimhild schleudert den abgetrennten Kopf Hagens in Gunthers Gesicht und wird vom alten Hildebrand mit dem Schwert gefällt, all das geht so lange, bis nichts mehr übrig ist, außer Leichen und Tränen, während der Nibelungenschatz, die Ursache für all das Grauen, im tiefen Rhein vergraben liegt, bis zum Jüngsten Gericht.«

»Ist das Ganze nicht die wahre Geschichte über den Untergang Roms, über all die wahnwitzigen Streitigkeiten der germanischen Eroberer? Die Namen in der Heldensage sind freilich verwirrend, sagenumwoben; Orte und Zeiten gehen kreuz und quer; aber die Geschichte ist wahr – zu wahr. Mutato nomine fabula narratur [Mit verändertem Namen erzählt die Fabel von dir – Horaz].«

»Und so gingen sie daran, jeden zu töten, bis keiner mehr übrig war. Taten, so seltsam, schrecklich und brudermörderisch, wurden begangen, immer und immer wieder, nicht nur fielen die Franken über die Goten her, die Langobarden über die Gepiden, sondern auch die Langobarden über die Langobarden, die Franken über die Franken. Ja, sie berauschten sich am Blute des anderen, diese unsere älteren Brüder. Lasst uns Gott danken, dass wir ihr Verlangen, das durch den Gedanken an den Nibelungenschatz geweckt wurde, nicht teilten und es uns so erspart blieb, vom Erdboden zu verschwinden. Welch Glück für uns Engländer, dass wir gezwungen waren, unser Dasein hier, auf dieser einsamen Insel zu fristen. Weit weg vom großen Strom der germanischen Immigration konnten wir uns hier ansiedeln, bekam jeder Mann seine Waldlichtung und seinen Boden, den er in relativer Sicherheit bearbeiten konnte, während er die alten germanischen Gesetze beibehielt, die alten germanischen Vertrauensgrundsätze und Tugenden hochhielt und von Armut genauso verschont blieb wie von Reichtum, aber versorgt mit Nahrung, die ausreichend für uns war. Doch der Friede, der für uns viele Jahrhunderte dauern sollte, brachte Trägheit und Trägheit fremde Eindringlinge und schlimmes Leid: aber besser so, als dass wir unsere Tugenden und unsere Leben weggeworfen hätten, in diesem verrückten Streit über das märchenhafte Gold Roms

[You know the Nibelungen Lied? That expresses, I believe, the key-note of the old Teuton’s heart, after his work was done. Sigfried murderd by his brother-in-law; fair Chriemhild turned into an avenging fury; the heroes hewing each othter down, they scarce know why, in Hunnish Etzel’s hall, till Hagen and Gunther stand alone; Dietrich of Bern going in, to bind the last surviving heroes; Chriemhild shaking Hagen’s gory head in Gunther’s face, herself hewed down by the old Hildebrand, till nothing is left but stark corpses and vain tears: – while all the while the Nibelungen hoard, the cause of the woe, lies drowned in the deep Rhine until the judgement day. – What is all this, but the true tale of the fall of Rome, of the mad quarrels of the conquering Teutons? The names are confused, mythic; the dates and places all awry: but the tale is true – too true.  Mutato nomine fabula narratur.with the name changed the story applies to you . Even so they went on, killing, till none were left. Deeds as strange, horrible, fratricidal, were done, again and again, not only between Frank and Goth, Lombard and Gepid, but between Lombard and Lombard, Frank and Frank. Yes, they were drunk with each other’s blood, those elder brethren of ours. Let us thank God that we did not share their booty, and perish, like them, from the touch of the fatal Nibelungen hoard. Happy for us Englishmen, that we were forced to seek our adventures here, in this lonely isle; to turn aside from the great stream of Teutonic immigration; and settle here, each man of his forest-clearing, to till the ground in comperative peace, keeping unbroken the old Teutonic laws, unstaind the old Teutonic faith and virtue, cursed neither with poverty nor riches, but fed with food sufficient to us. To us, indeed, after long centuries, peace brought sloth, and sloth foreign invaders and bitter woes: but better so, than that we should have cast away alike our virtue and our lives, in that mad quarrel over the fairy gold of Rome] [S.16f]

Dr. Charles Kingsley
The Roman and the Teuton
A Series of Lectures
University of Cambridge
MacMillan and Co., London 1864

2 Antworten zu “Eine Erklärung für den gegenwärtigen Zustand der deutschen Welt, anno 1864?

  1. ahabicher Montag, 8 Februar, 2016 um 12:40

    ist aber nicht ganz richtig, die Geschichte vom friedvoll abgeschiedenen Großbritannien… So wurde nach Abzug der Römer die örtliche britannische Bevölkerung im heutigen England von einfallenden Germanen praktisch ausgelöscht; nur die heutigen Waliser sind übrig. Man würde heute von einem Genozid sprechen.
    In der Folge wurden auch die angelsächsischen Eroberer durch Dänen und Norweger bedrängt und schließlich von den Normannen unterworfen – jedoch in dem Fall ohne ganze Landstriche zu entvölkern, sondern nur durch Einzug einer neuen Herrscherschicht.

    • Richard K. Breuer Montag, 8 Februar, 2016 um 14:50

      Äh, der gute Professor redet in diesem Absatz nicht von den „Natives“, sondern von den Germanen, die sich auf der Insel niederließen und auf diese Weise einigermaßen vom blutigen Chaos in Europa verschont blieben. Er spricht ja auch von „unsere Brüder“ und sieht demnach die Germanen als seine Vorfahren.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: