richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Schule in Not? Gesellschaft am Abgrund!

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Eine Volksschule in Meidling, anno 1975. Ich stehe übrigens rechts außen.

Haben Sie in den letzten Tagen auch gelesen, dass die öffentlichen Schulen – vor allem in Wien – Not leiden? Ausgegangen ist der Sturm im schulischen Wasserglas durch das Interview der „mutigen“ Schuldirektorin W., die eine Neue Mittelschule in Wien Margareten leitet. Im Gespräch wurde darauf hingewiesen, dass der Anteil an Kindern mit nicht deutscher Muttersprache bei 98 Prozent liege. Man kann also mit Fug und Recht behaupten, dass Kinder mit deutscher Muttersprache an dieser Schule in der absoluten Minderheit sind und man fragt sich still und heimlich, wie es diesen dort so ergehen mag. Wir wissen noch gut aus unserer Schulzeit, dass andersartige und fremde Kinder immer gerne gehänselt und ausgelacht wurden. Ja, Kinder und Jugendliche – egal woher sie auch kommen – können ziemlich bösartig sein – vor allem, wenn sie in Gruppen auftreten und sich beweisen möchten.

Nun, zurück zur Ausgangslage. Eine Schuldirektorin wird also vom Stadtschulrat offiziell ausgewählt, um dem KURIER ein Interview zu geben. Das Gesagte lässt die Wogen hochgehen. So heißt es. Ehrlich gesagt, ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass eine Direktorin, das heißt eine Karrieristin, mit voller Absicht aus der Reihe tanzt und jene Stellen verärgert, die für ihr berufliches Wohlergehen sorgen. Genauso unwahrscheinlich ist es, dass die Chefredakteure und Ressortleiter im KURIER mit voller Absicht der Gemeinde Wien – ein finanzkräftiges Netzwerk – ans Bein pinkeln. Für mich liegt es auf der Hand, dass das Thema mit Absicht von allen Beteiligten „hochgekocht“ wurde. Warum? Diesbezüglich kann ich nur spekulieren, aber ich gehe davon aus, dass die Zustände in manchen Wiener Schulen so verheerend sind, dass den Verantwortlichen nichts anderes mehr übrig blieb, als die Notbremse zu ziehen. Beachten Sie bitte, dass es keiner prophetischen Gabe bedurfte, um diese Probleme schon frühzeitig zu erkennen – aber wie so oft, wenn es um unangenehme Themen geht, haben die damaligen Verantwortlichen politische Kosmetik betrieben und die Sachlage schön geredet. Auf den springenden Punkt gebracht: Man hat den Deckel draufgehalten, den Lehrern einen Maulkorb verpasst und die Presse angehalten, die Leichen im Keller zu übersehen.

Der interessanteste Artikel zu diesem Thema erschien am Sonntag unter dem Titel Schule in Not: Heer von Absolventen ohne Aussichten und ist eine nüchterne Bestandsaufnahme des Zustands im öffentlichen Bildungsbereich. Darin zitiert man bereits in den ersten Zeilen des Artikels den Generalsekretär vom Österreichischen Gewerbeverein: „Die heutige Schul-Mittelstufe ruiniert als unkoordinierte Baustelle die Zukunftschancen Tausender Schüler.“ Somit ist der Schuldige ausgemacht: die Schule! Aber ist das wirklich der Fall?

„Jedes Jahr beenden Tausende österreichische Schüler ihre Schulpflicht, obwohl sie nicht fit für das weitere Erwerbsleben sind. Viele beherrschen die deutsche Sprache nicht oder kaum, sie können nicht lesen, nicht schreiben, nicht rechnen.“

Verstehen Sie den obigen Absatz? Soweit ich weiß, gibt es in den Schulen Zeugnisse. Wird darin nicht festgehalten, inwieweit der Schüler den Lernstoff beherrscht und ob er reif für den nächsten Jahrgang ist? Wofür gibt es überhaupt noch Tests, Schularbeiten und mündliche Prüfungen, wenn Zensuren/Noten keine Aussagekraft mehr haben? Ein Schüler, der nach 8 Pflichtschuljahren noch immer nicht lesen und schreiben kann, hätte eigentlich schon längst in eine spezielle Einrichtung gehört, die sich lernschwacher Kinder annimmt, oder etwa nicht? Zu meiner Zeit hieß diese Einrichtung „Sonderschule„. Gibt’s heute freilich nicht mehr, ich weiß. So muss man davon ausgehen, dass die Lehrer dienstvorschriftlich dazu angehalten werden, die Schüler in jedem Fall aufsteigen zu lassen. Anders ist das Ergebnis nicht zu erklären.

Nun könnte man meinen, Kinder mit Migrationshintergrund seien das Problem. Aber sieht man sich beispielsweise jene Schule an, die den größten Ausländeranteil in Wien aufweist, so stellt man fest, dass dort 95 % der Absolventen entweder an die Universität gehen oder eine Fachhochschule besuchen. Gewiss, die Vienna International School ist eine Privatschule und die Eltern müssen gut bei Kasse sein, um ihre Kinder dort unterzubringen: die jährliche Gebühr beträgt zwischen € 14.000 und € 18.000. Keine Kleinigkeit, nicht?

Wenn es also laut einer Studie rund 130.000 Jugendliche zwischen 15 und 25 Jahren gibt, die „in ihrem Leben in höchstem Maß gefährdet sind, ihr Leben nicht ohne Sozialleistungen bestreiten zu können“, dann würde es doch am Ende der Gesellschaft billiger kommen, hätte man diesen Jugendlichen ein Stipendium für die besten Privatschulen gegeben. Es wäre sozusagen eine Investition in die Zukunft gewesen. Oder würden Sie mir nun entgegenhalten, dass diese Kinder auch an der Privatschule versagt hätten? Wenn dem so wäre, dann, ja, dann würden Schulreformen überhaupt keinen Sinn mehr machen und die Probleme würden ganz woanders liegen. Aber wo?

Ich hätte bereits in den 1980ern eine Hand voll Kinder mit Migrationshintergrund ein Stipendium für die Vienna International School gewährt und ihre schulischen Erfolge bzw. Misserfolge penibelst aufgezeichnet. Man hätte dann sehen können, warum ein Kind scheitert. Denn eines geht aus all diesen gut gemeinten Artikeln in der freien Presse nicht hervor: Inwiefern das familär-kulturelle Umfeld des Kindes Einfluss auf seine schulische Leistung und geistige Entwicklung nimmt. Kurz und gut, ich gehe davon aus, dass man festgestellt hätte, dass auch die besten Privatschulen nichts helfen, wenn das Kind in einen familiär-kulturellen Sumpf versinkt. Diesen Sumpf „trocken zu legen“ ist freilich ein unschönes, sozusagen un-liberales Thema – und es steht zu befürchten, dass viele gute Menschen vor dieser Trockenlegung zurückschrecken und viel eher dazu bereit sind, die größten Teile der noch intakten Gebiete unter Wasser zu setzen. Egalité!, schreien sie einem entgegen und finden es völlig in Ordnung, wenn die „konservativ-intolerante“ Gesellschaft langsam den Boden unter den Füßen verliert und ins Bodenlose stürzt. Wenn man die Kleinen nicht groß machen kann, dann müssen die Großen eben kleiner gemacht werden.

„Wie immer schüchtert eine kleine, aber aktive Minorität, sofern sie Mut zeigt und mit Terror nicht spart, eine große, aber lässige Majorität ein“, schreibt Stefan Zweig in Castellio gegen Calvin.

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