Das vergangene literarische Schaffen des Herrn B.

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Nur nicht stehen bleiben!

Dreizehnundein Jahr ist es nun her. Damals küsste mich die Muse und beschenkte mich mit der Idee eines Entwicklungsromanes, der im Wiener Fin de Siècle die Höhen und Tiefen des suchenden Herzens ausloten sollte. Von da an ging es mit den Musenküssen stetig weiter. Um hierbei nicht den Überblick zu verlieren, habe ich nun relevantes Geschreibsel auf eine Zeitachse gelegt und mit Informationstext sowie Abbildungen versehen. So kann man auf einen Blick erfassen, was meine Wenigkeit über die Jahre geleistet hat. Ist es viel? Ist es wenig? Es kommt halt darauf an. Ein Jahr ist viel Zeit, gewiss, aber ein Jahr ist auch wieder schnell um. Penly beendet nun die Tiret-Saga, der Kreis innerhalb eines großen Bogens schließt sich.

Die fabelhafte Welt der Historienforschung

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Im gestrigen Kaffeehausvormittag im KURIER geblättert und dabei auf obigen Artikel gestoßen, der sich um die Exogamie in grauer Vorzeit beschäftigt, im Speziellen die Migrationsroute der Frau. Dass dem Schreiber des Artikels ein Lapsus unterlief – oder sollte man von einer Freudschen Fehlleistung sprechen? – hat mich natürlich königlich amüsiert. Vielleicht hatte auch nur das automatische Korrekturprogramm seine Arbeit gemacht, was bedeuten würde, dass ein Softwareprogramm in der Lage wäre, zwischen Fakt und Fiktion zu unterscheiden. Ungeheuerlich, nicht?

Oder ist es wirklich vorstellbar, dass eine junge Frau vor rund 3400 Jahren vom Schwarzwald nach Jütland wandert – ihrem Ehemann folgend -,  dann wieder in ihre Heimat zurückkehrt um schließlich am Ende in Jütland ihr Grab zu finden? Wenn wir der überlieferten Historie glauben schenken, dann sollte Mitteleuropa bis zur Römerzeit und darüber hinaus ein großer Urwald gewesen sein, in der die germanischen Barbarenstämme ihr Unwesen trieben und sich gegenseitig totschlugen. Heiden allesamt! In den Schwarzwald getraute sich zur Römerzeit kein Centurion. Wie sollte da eine junge Frau, tausend Jahre früher (!), unangetastet und unversehrt an ihr Ziel kommen, frage ich mich. Und auf welchen Wegen marschierte sie, bei welchen Gaststätten kehrte sie ein? Sollte es bereits in jener Epoche eine funktionierende Nord-Süd-Verkehrsverbindung gegeben haben? Aber wer sollte den Bau dieser grenzüberschreitenden Route samt aller Herbergen veranlasst und überwacht und ausgebessert haben? Und wenn es, wie die Forscher behaupten, „ein komplexes System des sozialen Austausches und der wirtschaftlichen Diversifizierung“ gab, dann muss man doch die Frage stellen, ob diese Leutchen tatsächlich so barbarisch und ungebildet waren, wie es uns die römischen Geschichtsschreiber 1500 Jahre später erzählten. Widerspruch in schriftlicher Form ist keiner überliefert. All die germanischen Fürsten, Könige und späteren Kaiser, bis zum ausgehenden Mittelalter, konnten oder wollten oder durften nicht schreiben. Wozu auch? Ach, dieses kriegslüsterne germanische Volk – so untätig, so unbesonnen – zog schon immer das Schwert der Feder vor, nicht wahr? Da ist es nur folgerichtig, dass man dem Deutschen sein Deutschtum austreibt. Und bist du nicht willig, so brauch‘ ich (›grenzenlose‹) Gewalt, sozusagen.

Als Jünger des Skeptizismus darf ich jedenfalls die überlieferte Historie und Chronologie in Frage stellen. Jean Hardouin tat es ja auch.

Herder Lexikon 1855: »Hardouin, Jean, geb. 1646 zu Quimper in der südl. Bretagne, wurde mit 20 Jahren Jesuit, bald Lehrer der scholastischen Theologie, dann Gehilfe und 1683 Nachfolger des Bibliothekars am Collége Ludwigs XIV. zu Paris, wo er 1729 st. Die umfassendsten Kenntnisse mit einem eisernen Fleiße verbindend, gab er Vieles heraus. darunter die Naturgeschichte des jüngern Plinius in usum Delphini, eine Numismatik, worin 600 neue Münzen erklärt wurden, sein Hauptwerk aber bleibt die: Conciliorum collectio regia maxima, gr. et lat. Par. 1715, welche in 12 Folianten von 34 n. Chr. bis 1714 reicht u. neben der Sammlung des Mansi allenthalben gebraucht wird. H. hegte mitunter sonderbare Ansichten, z.B. die Septuaginta sei ein unterschobenes Machwerk, der ursprüngliche Text des N. Test. lateinisch, die meisten alten Kunstwerke, Inschriften u. Münzen seien unächt, die Werke der alten Classiker mit sehr wenigen Ausnahmen im 13. Jahrh. durch Mönche verfaßt worden u.s.f.; er mußte diese Ansichten 1709 theilweise widerrufen, regte aber auch durch sie das wissenschaftliche Forschen an.«

Falls Sie mich nun fragen, wer, um Gottes Willen, sollte denn alte Klassiker fälschen, hier ein Hinweis:

Meyers Konvers.Lexikon 1909: Tritheim (latinisiert Trithemius, nach seinem Geburtsort; eigentlich Heidenberg), Johannes, Humanist, geb. 1. Febr. 1462 zu Trittenheim im Trierschen, gest. 13. Dez. 1516 in Würzburg, studierte seit 1478 in Heidelberg, trat 1482 in das Benediktinerkloster Sponheim bei Kreuznach, wurde bereits 1485 Abt desselben und siedelte, da er sich durch seine strenge Zucht verhaßt gemacht hatte, 1506 Abt des Schottenklosters nach Würzburg über. Wegen seiner Gelehrsamkeit bei den Zeitgenossen hochangesehen, ließ er sich durch seinen Hang zum Phantastischen und Mysteriösen schließlich zu Fälschungen verleiten. So sind der Mönch Meginfried, auf den er sich in seinen berühmten »Annales Hirsaugienses« beruft, ebenso der Chronist Hunibald, auf den er die unvollendeten »Annales de origine Francorum« zurückführt, erfunden.

Der Tag, an dem dieser Scribent zum Skeptizismus konvertierte, Anno Domini MMXVI

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An diesem 25. Tage des 5. Monats im Jahr des Herrn 2016 und 7888* Jahr nach Adam kommet dieser Scribent zur wahren Einsicht dahero die einzige Wahrheit niemand inne haben würd können. Die hocherwürdige Lieb zur Weisheit und zur Skepsis / geschuldet unserer Vorväter / fegt hinweg all Trug und Lug in der gelehrigen Geschichtschreiberei. Nur der einzig wahre Glaub an die göttlich Skepsis kann bringen Licht in die Finsterheit der alten und neuen Zeit. Der brave Heinrich Cornelius hat geschrieben die Wahrheit über die Historici in der Schrift Ungewissheit und Eitelkeit aller Künste und Wissenschaften, Anno Domini M.D.XXVI:

»Aber dass wir zur Geschichtschreiberei wieder kommen, obgleich von dieser eine zierliche Ordnung, Glauben, Einstimmigkeit und Wahrheit der Sachen am meisten erfordert wird, so tut sie doch hierin nichts weniger als dieses. Denn die Historienschreiber sind so diskrepant und schreiben so divers und auf unterschiedliche Arten untereinander, dass es unmöglich scheint, und man fast notwendig dafür halten muss, dass die meisten unter ihnen die allerverlogensten unter den Leuten sein müssen. Ich will jetzt nichts sagen vom Anfang der Welt, von der allgemeinen Sündflut und Gründung Roms, denn davon schreiben sie, und ist doch das erste ihnen alles verborgen, das andere glauben nicht alle, und das dritte ist bei ihnen ganz ungewiss. Derowegen, weil dieses Sachen sind so weit entfernt, und mit gleicher Vernunft von allen nicht können begriffen werden, so verdienen sie noch etlichermassen Vergebung ihrer Irrtümer, aber von andern darauffolgenden Geschichten muss ihnen die Schuld der Lügen beigemessen werden. Der Ursachen aber solcher Nichtübereinstimmung gibet es gar viel, denn die meisten, weil sie nicht zu derselben Zeit gelebt oder an demselben Ort, oder bei denselben Personen und Geschichten gewesen[43] sind, so haben sie ihre Schriften aus andern Relationen zusammentragen müssen und können dahero nichts Gewisses und Beständiges schreiben.«

»So sind auch andere, die entweder aus Furcht oder aus Heuchelei, oder aus Hass der Wahrheit derselben etwas abzwacken; andere, indem sie die Taten ihrer Landsleute in den Himmel heben, verkleinern sie der andern ihre und machen sie gering, schreiben also nicht, wie die Sache an sich selber ist, sondern wie sie es gerne hätten, dass sie sein sollte, und wie es ihnen beliebt, und haben dabei die Zuversicht, dass diejenigen, welche sie so artig geschmeichelt haben, ihren Lügen nicht werden widersprechen oder Zeugnis wider sie geben. Dieses Laster, welches vor Zeiten bei den griechischen Skribenten gemein gewesen, ist heutiges Tages fast bei allen Völkern eingerissen, und werden diese Historienschreiber von den Fürsten zu keinem andern Ende unterhalten, als dass, wie Plutarchus sagt, sie durch ihre nachsinnigen Köpfe anderer Leute Tugenden unterdrücken, ihre Taten aber mit lauter unnützem Geschwätz und Erdichtungen durch ihre historische Autorität erheben. Also, wenn die griechischen Historici von Erfindung der Sachen schrieben, so massten sie sich selbst alle Erfindung bei. So ist auch eine andere verderbte Art der Historienschreiber und Schmeichler, wenn sie sich unterstehen, den Ursprung ihrer Fürsten auf die ältesten Könige zu extendieren, und wenn sie mit Deduzierung ihres Geschlechtes nicht können fortkommen, so muss ein fremder Urstamm und weithergeholte Fabeln herhalten, dichten den Königen neue Namen an und lügen nicht wenig dazu.«

*) Pierer Universallexikon 1859 – Die Jahrrechnung: Ära von Erschaffung der Welt (A. M., d.h. anno mundi, im Jahre der Welt). Die Juden fingen zu Ende des 13. Jahrh. nach ihnen zu zählen an, u. die Epoche der Erschaffung der Welt fällt nach ihrer, von dem Rabbi Hillel bestimmten Rechnung in das 3761. Jahr v. Chr. Sie fangen ihr bürgerliches Jahr (ein Mond-Sonnenjahr, s.u. Jahr) mit einem Neumonde, gewöhnlich Ende September, an, u. das Jahr 1859 unserer Zeitrechnung ist das 561 9/20. der ihrigen. Ehemals bediente man sich dieser Ära bei der alten Geschichte u. zählte durchgängig bis auf Christus nach Jahren der Welt. Die Bestimmungen hierüber weichen aber bedeutend von einander ab (man zählt 800 verschiedene Arten der Bestimmung der Epoche dieser Ära). So sollen nach Alfons v. Castilien von Erschaffung der Welt bis zu Christi Geburt 648 3/4 Jahr, nach Suidas 6000 Jahr, nach Lactantius u. Philastrius 5801, nach Nicephorus 5700, nach Julius Africanus u. A. 5500, nach Eusebios 5200 3/4. nach Metrodorus 5000, nach Frank 4182, nach Thom. Lydiat u. Laurent. Eichstadt 4004, nach M. L. Capellus u. Usher 4000, nach Dionysios dem Kleinen, Kepler, Petavius 3984, nach Scaliger u. A. 3950, nach Hieronymus von Santavide u. A. 3760, nach R. Lippmann 3616 Jahre verflossen sein. In Rußland rechnete man bis zum J. 1700 nach der Weltära, deren Epoche 5508 v. Chr. fiel. Allein da sich die Erschaffung der Welt gar nicht historisch-chronologisch angeben läßt, so kann man diese Berechnungsart nicht zur Zeitbestimmung der Begebenheiten brauchen, u. ihre historische Anwendung ist um so unsicherer, da die Chronologen selbst nicht wissen, in welchem Jahre der Welt Christus geboren ist. Es lassen sich daher, bei der Verschiedenheit der Meinungen u. Hypothesen hierüber, u. bei der völligen Ungewißheit der Epoche, die Weltbegebenheiten der frühesten Zeit nur nach Jahrtausenden, weniger nach Jahrhunderten, am wenigsten nach einzelnen Jahren bestimmen.

Die Qual der Bundespräsidentenwahl, anno 2016

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Vielleicht haben Sie ja den Artikel im orf.at über das internationale Interesse an der heutigen Bundespräsidentenwahl gelesen, jedenfalls zitiert der Schreiber aus den ›gewichtigsten‹ ausländischen Magazinen und Tageszeitungen. Wahrlich, die Auslandspresse schert sich nur dann für unser beschauliches Ländchen, wenn zu befürchten ist, dass am Ballhausplatz die Hakenkreuzfahne ein weiteres Mal ausgerollt und der Hofburg-Balkon seinem (neuen) Namen alle (Un)Ehre machen wird.

Neben der New York Times und dem Spiegel wird auch aus dem ‚US-Polit-Magazin‘ Foreign Affairs zitiert. In jenem Magazin schrieb der Gründer, Harvard-Professor Samuel P. Huntington*, im Jahr 1993 den berühmt gewordenen Aufsatz ‚The Clash of Civilizations? The next pattern of conflict‚ – in einer Zeit, als es weder ISIS noch Migrationswellen gab. Könnte man hier am Ende von einer prophetischen Vision des US-Professors sprechen? Oder war es nur die erste Andeutung einer gemachten Zukunft, die längst in der Schublade des Establishments lag? Der gute Huntington, das sollte man wissen, war mit Studienkollege Zbigniew Brzezinski und Henry Kissinger gut befreundet. Ich hoffe, Sie wissen über die beiden Herren der ehrenwerten Gesellschaft Bescheid. Brzezinski ist es nämlich zu verdanken, dass Washington mit Hilfe eines Osama bin Ladens gewaltbereite muslimische Gotteskrieger (lies: Söldner) nach Afghanistan der 1970er Jahre schleusen konnte, deren Aufgabe es war, Terror im Namen ihres Gottes (Geld) zu machen und so der UdSSR ans geopolitische Bein zu pinkeln. Dass diese gut ausgebildeten muslimischen Gotteskrieger (lies: Söldner) in späterer Folge immer wieder in intakten säkularen Staaten auftauchen – sei es in Serbien, sei es in Libyen, sei es in Syrien – und diese bekämpfen, scheint die ›prophetische Gabe‹ respektive Andeutung einer gemachten Zukunft von Prof. Huntington zu bestätigen.

Zurück nach Österreich und der anstehenden Bundespräsidentenwahl. Das oben erwähnte Magazin fürchtet, dass die Neue Rechte Europa überschwemmen könne: ›Die Freedom Party ist kein Sonderfall mehr, sondern nur eine von Dutzenden islamophoben und zuwandererfeindlichen Parteien zwischen Griechenland und Finnland, die den liberalen Konsens Europas kippen lassen.‹ [Übersetzung: orf.at]

Wenn Sie mich fragen, ist es nun mal so, dass zu einem Kampf (Clash) zwei streitende Parteien gehören. Deshalb ist es nur folgerichtig, dass die politischen Erben von Huntington & Co nun Phase Zwei einläuten und die christliche Welt nach rechts rücken lassen. Falls Sie jetzt noch immer meinen Norbert Hofer und die Freedom Party (oder FN und Marine Le Pen) seien das Problem und Alexander van der Bellen (oder François Hollande) die Rettung, dann kann ich Ihnen auch nicht mehr helfen.

*) Die Familie Huntington gehörte in den 1930er Jahren laut Untersuchung von Ferdinand Lundberg zu den 60 (einfluss)reichsten Familien in den USA.

Wundersames rund um Freimaurer Mozart und die österreichische Bundeshymne

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Durch Zufall auf die erste Mozart-Biographie gestoßen und sie interessiert durchgesehen. Der Autor, ein Universitätsprofessor in Prag mit Namen Franz Xaver Niemetschek (1766-1849), betitelte sein Werk: Lebensbeschreibung des K. K. Kapellmeisters Wolfgang Amadeus Mozart, aus Originalquellen (gutenberg) und entstand 1798. Die zweite ›vermehrte‹ Auflage, die für uns relevant ist, wurde zehn Jahre später publiziert.

Über die Kinderjahre lesen wir:

Die erste Reise, die [der Vater] mit ihm und seiner Schwester unternahm, war nach München, im Jahre 1762. Hier spielte Wolfgang vor dem Churfürsten ein Conzert, und erndete sammt seiner Schwester die größte Bewunderung ein. Die zweyte Reise geschah im Herbste des nemlichen Jahres, also auch im 6ten Jahre seines Alters nach Wien, wo die beyden kleinen Virtuosen dem kaiserlichen Hof vorgestellet wurden. Eine verehrungswürdige Dame, die damals am Hofe war, versicherte mich, daß beyde Kinder ein allgemeines Erstaunen erregt haben; man konnte kaum seinen Augen und Ohren trauen, wenn sie sich produzirten. Vorzüglich hat der verewigte Schätzer der Künste, Kaiser Franz I. an dem kleinen Hexenmeister, (wie er ihn scherzweise nannte,) viel Wohlgefallen gefunden. Er unterhielt sich vielmal mit ihm. Alle Anekdoten die Herr Schlichtegroll bey dieser Gelegenheit erzählet, sind mir als wahr bestättiget worden.

Was erfahren wir aus diesem Absatz? Nun, dass Mozarts fünf Jahre ältere Schwester Maria Anna ebenfalls eine junge Virtuosin am Klavier war. Sie sei genauso talentiert gewesen wie ihr jüngerer Bruder, teilt uns ein Artikel in der britischen Tageszeitung Daily Mail mit, musste aber die Musik auf Drängen des Vaters aufgeben, um eine zukünftige brave Ehefrau zu werden. Folgerichtig verliert Prof. Niemetschek auch das Interesse an Nannerl, die in der Versenkung verschwindet, während Wolferl kurzerhand zum Wunderkind erklärt wird. Es scheint mir, dass der Autor mit aller Gewalt die Genialität Mozarts herausstreichen und in die Köpfe der Leser bringen möchte. Die Broschüre ist eine Aneinanderreihung von Superlativen, eine Folge von Verbeugungen und Beklatschungen. Verfolgte der Autor mit der Broschüre gar einen besonderen Zweck? Da es die erste Biographie Mozarts war, noch dazu von einem Zeitgenossen, legte es die Latte für kommende Untersuchungen ziemlich hoch. Historiker, wie wir wissen, greifen liebend gerne auf zeitgenössische Berichte zu.

Über die Kindheit Mozarts erfahren wir die folgende Anekdote:

›Als Wolfgang ungefähr im 6ten Jahre seines Alters war, kam einst sein Vater, aus der Kapelle mit einem Freunde nach Hause zurück; sie trafen den kleinen Tonkünstler mit der Feder in der Hand beschäftiget an. Der Vater fragte ihn was er denn mache.
Wolfg. Ein Conzert fürs Klavier.
Vat. Laß sehen; das wird wohl was Sauberes seyn.
Wolfg. Es ist noch nicht fertig.
Nun nahm es der Vater in die Hand, und fand ein Geschmiere von Noten und ausgewischten Tintenflecken; denn der kleine Komponist wußte mit der Feder noch nicht recht umzugehen; er tauchte sie zu tief in der Tinte ein und machte dann freylich immer Flecke auf das Papier, die er mit der Hand auswischte, und so weiter darauf fortschrieb. Als aber der Vater etwas aufmerksamer die Komposition betrachtete, blieb sein Blick vom angenehmen Erstaunen und einer unbeschreiblichen Rührung darauf gefesselt, und helle Thränen der Freude traten in seine Augen.
Sehen Sie Freund! sprach er dann lächelnd, wie alles richtig und nach den Regeln gesetzt ist; nur kann man es nicht brauchen, weil es so schwer ist, daß es sich nicht spielen läßt.
Wolfg. Dafür ist es auch ein Konzert; man muß so lange exerzieren, bis man es heraus bringt. Sehen Sie, so muß es gehen.
Hier fieng er es an zu spielen, konnte aber auch selbst kaum so viel vorbringen, als man erkennen konnte, was seine Gedanken gewesen sind. Denn er hatte die Meynung, ein Conzert spielen, und Mirakel wirken sey alles eins.‹

Vergleichen Sie nun die obigen Zeilen mit dem Eintrag im Brockhaus Conversations-Lexikon von 1809:

›Der Vater kam einst mit einem Freunde aus der Kirche, und traf den kleinen Wolfgang in voller Arbeit. »Was machst du da?« fragte der Vater – »Ein Concert fürs Clavier.« – Lachend nahm ers ihm weg, sah aber bald mit Erstaunen, daß die Composition selbst richtig und nach der Regel gesetzt war. Mit Thränen im Auge zeigte er sie dem Fremdem, setzte aber hinzu: »Schade, daß man es nicht brauchen kann! denn es ist so schwer, daß es kein Mensch zu spielen vermag.« – »Dafür ists auch ein Concert!« erwiederte der Kleine, und stellte sich ans Clavier, um es herauszubringen, welches ihm freilich nicht gelang, wobei er aber doch zeigte, welches seine Ideen gewesen waren.‹

Wir können also getrost festhalten, dass der Brockhaus-Autor den Eintrag der Mozart-Biographie entlehnte und somit eine anekdotische Überlieferung als Tatsache festschrieb. Der Brockhaus funktioniert nach dem selben Schema wie Wikipedia: Was im Lexikon steht, ist wahr! Ergo muss Mozart ein Wunderkind gewesen sein. Hier steht es ja, schwarz auf weiß, nicht?

Könnte es sein, dass auch der Brockhaus die Absicht verfolgte, seiner Leserschaft und der Nachwelt den Wolferl als Wunderkind und Genie zu verkaufen? Warum? Könnte es damit zu tun haben, dass die Beteiligten Freimaurer gewesen sind? Da Frauen in den Logen für gewöhnlich nicht zugelassen sind, würde es natürlich erklären, warum Wolferl und nicht Nannerl die Lorbeeren einheimsen durfte.

Und falls Sie jetzt meinen, ich würde mich zu weit aus dem Fenster lehnen, empfehle ich einen Besuch des Mozarthauses in Wien. Lesen Sie dort die kleinen Tafeln. Sehen Sie sich in der geräumigen Wohnung um. Versetzen Sie sich in jene Epoche. Versuchen Sie herauszufinden, wie ein nach Wien kommender mäßig beliebter und bekannter Musikus innerhalb eines halben Jahres zum Star der Musikszene aufsteigen kann. Stellen Sie sich einen gefeierten und bejubelten Komponisten vor, damals, der mit Kind und Schüler, Hund und Sittich, Ehefrau und Dienerschaft, in einem Mietshaus in der City wohnt, dort Bittsteller und Freunde, Kollegen und Konkurrenten empfängt und nebenbei seine Auftritte selbst organisiert und deshalb sein Klavier aus der Wohnung, quer durch die Stadt, in den Saal und wieder zurück schleppen lässt. In all diesem Trubel soll also der gute Wolferl ein geniales Musikstück nach dem anderen aus dem Ärmel geschüttelt haben? Bedenken wir dabei, wie oft Komponisten ihre Wirkstätten in jenen Zeiten wechseln mussten, weil sie ihnen unpassend – zu laut, zu unruhig – schienen oder Querelen mit lästigen Nachbarn bzw. Vermietern zu vermeiden trachteten.

Wie man es auch dreht und wendet, die Geschichte rund um das ›Genie‹ Mozart stinkt zum Himmel. Dass die österreichische Bundeshymne  – KV 623a Maurergesang in F major – nicht (mehr) Mozart zugeschrieben wird, sondern seinem Logenbruder Johann Baptist Holzer (1753-1811), ist ja auch so eine Sache. Weil, auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen, so bleibt die Hymne Österreichs am Ende ein Lied der Freimaurer:

Lasst uns mit geschlungnen Händen,
Brüder, diese Arbeit enden
unter frohem Jubelschall.

Es umschlinge diese Kette,
so wie diese heilige Stätte,
auch den ganzen Erdenball!

Lasst uns unter frohem Singen
vollen Dank dem Schöpfer bringen,
dessen Allmacht uns erfreut.

Seht die Weihe ist vollendet;
war‘ doch auch das Werk geendet,
welches unsere Herzen weiht!

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