richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Die Grube, die uns die 68er-Bewegung grub

Novalis_Paradies

Wer die U6-Parabel Wahlkampf in der U6 von Tom Rottenberger noch nicht gelesen hat, der sollte es nachholen, ist das Stück doch eine gelungene Auseinandersetzung zwischen persönlicher Wahrnehmung und politischer Wirklichkeit in Wien, anno 2016. Die Frage, die niemand bis dato gestellt hat, ist, wie es so weit kommen konnte, dass in der U-Bahn, am helllichten Tage, gedealt, randaliert, gepöbelt, gedroht und gestohlen wird. Warum gab es das nicht in den 1960ern oder 1970ern? Und nein, mit der (ersten) Migrationswelle der Gastarbeiter in den 1970ern hat das nichts zu tun. Diese sind eingeladen worden, um sich hier eine Existenz aufzubauen. Und das taten sie.

Der tatsächliche Grund liegt meines Erachtens in der 68er-Bewegung, die in Wien freilich erst in den 1970ern Fuß fasste. Wenn man den damaligen singenden Revoluzzern Gehör schenkt, dann muss Wien ein grauenhaft konservativer Ort gewesen sein, wo es schon reichte, als junger Mann, mit langen Haaren in eine Bim zu steigen um dann von den Fahrgästen mit unsanften Worten und klaren Drohgebärden (‚Ausse mit dem langzoterten Fetzenschädl!‘) zum Aussteigen gezwungen zu werden. Ja, damals war kein Platz für bunte und schon gar nicht für schräge Vögel.

Aber dank der weltweiten politischen Jugendbewegung änderte sich mit den Jahren die gesellschaftliche Geschlossenheit. Was noch zu meiner Kindheit ein Unding gewesen wäre, ist heute nicht mal mehr die Rede wert. Und da liegt der Hase im Pfeffer!

Durch die künstlich herbeigeführte Liberalisierung der Gesellschaft steht es nun jedem frei, zu tun und zu lassen, wie es einem gefällt. Du möchtest deine Haare rot färben und dir dazu Metallteile ins Gesicht stecken? Nur zu. Du fühlst dich nicht mehr wohl in deinem Männerkörper? Kein Problem, dann bist du von nun an eine Frau und darfst dich entsprechend kleiden und verhalten. Eine Gruppe junger Zuwanderer pöbelt in der Straßenbahn? Achselzucken ist angesagt, weil, wer hier einschreitet, macht sich der Diskriminierung einer Minderheit schuldig und könnte ins rechte Eck gestellt werden. Gleiches gilt auch für schwarzafrikanische Männer, die, so scheint es, ein wenig fad in manch einer der U-Bahn-Stationen herumstehen und warten. Worauf? Achselzucken.

Und nun stellen wir uns die eine oder andere Szene im Wien der 1960er Jahre vor. Was glauben Sie, wie die Sache für alle Beteiligten ausgegangen wäre?

Mehr Polizei, mehr Kontrollen, höhere Strafen, all das löst nicht die gegenwärtigen Probleme. Es bräuchte wieder eine homogene Gesellschaft, die an einem Strang zieht und weiß, was richtig ist und was nicht. Die 68er-Akteure, oben wie unten, haben es verstanden, die Jungen gegen die Alten, die Intellektuellen gegen die Arbeiter, die ›Liberalen‹ gegen die Konservativen auszuspielen. Das Resultat dieser gesellschaftlichen Umwälzung, dieser Befreiung, können wir nun in der U6 sehen. Anything goes!

Habe ich übrigens schon erwähnt, dass die 68er-Bewegung – von Kalifornien bis Paris – ein wohl durchdachter Eingriff im gesellschaftlichen Gefüge war? Ohne 68er hätte es weder einen extremen Sittenverfall noch eine ungezügelte Massenmigration gegeben – und damit wäre auch nicht der Ruf für eine starke Regierung laut geworden. Sehen Sie, wir sind am Ende des Arbeitstages nur Bauern auf dem Schachbrett der Elite, die vor allem eines im Sinn hat: eine globale Gesellschaft zu formen, in der jeder Einzelne kultur- und bodenlos, also grenzenlos, somit sinnlos, somit gottlos sein Paradies im Hier und Jetzt sucht. Keine Sorge, auch wenn uns das Paradies versprochen wird, immer und immer wieder – Globalisierung, TTIP, Einheitswährung, Bankenrettung, Wirtschaftsboom, Liberalisierung, Gleichheitsgrundsätze, usw. – die Hölle ist unseren Kindern sicher. Natürlich mit wertvollen Vitaminen.

2 Antworten zu “Die Grube, die uns die 68er-Bewegung grub

  1. kunstfenster Montag, 9 Mai, 2016 um 16:25

    Ist ein guter Bericht. Da könnt schon was dran sein. Es war in Wien auf alle Fälle auch in den Achtzigern ziemlich grau und in der Schule. na servas. Lehrer zu mir: “ Kannst du dich halbwegs wie ein Mitteleuropäer benehmen, oder lebst du unter Affen?! Oder wo kommens no´mal her?“
    Wien ist eine Stadt die groß ist aber keine Großstadt ist, hier hat die Aufklärung nicht Fuß gefasst. Nicht wie in London z.b. Es ist jeder herausgefordert, seine Courage an öffentlichen Orten, sei es eine U Bahn zu zeigen, wenn ihm etwas nicht passt, aber in einem normalen Ton. Da muss auch ich noch viel lernen. Die 68ger Generation hat nur so wenig weitergebracht. Ich glaube, es war einfach die Zeit reif für viele Veränderungen, vor allem für die Frauen. Und das war ja gut. Aber wie Du sagst, für die junge Generation, also die sind nicht zu beneiden. Einen Himmel gibts nur in der Wohnung mit Büchern und Platten und bei mir auch Malen und schreiben, das ist in Zeiten von Frieden ein Segen. Andere müssen sich tagtäglich ablagen um zu Überleben. Ich finde das großartig, dass du so konsequent und regelmäßig, wichtige Themen in die Öffentlichkeit trägst. Ich muss ehrlich zugeben, mir blieb jetzt einfach nur Zeit bis zu meiner Vernissage – nach langer Zeit endlich Malerei und so habe ich das gelesen. Bin darüber froh. Alles Liebe an dich Richard
    Ali

  2. Richard K. Breuer Dienstag, 10 Mai, 2016 um 8:24

    Nun, Veränderungen kommen von ganz allein im Laufe der Zeit, Revolutionen überspannen (mit Absicht) den Bogen. Was mit gut gemeinten und sinnvollen Änderungen beginnt, endet in einem blutigen Umsturz der alten Ordnung. Wem hilft das?, muss man sich immer und immer wieder fragen. Sicherlich nicht dem gewöhnlichen Bürger. Für eine funktionierende Gesellschaft, in der der kleine Mann gedeihen kann, braucht es Ordnung und Sicherheit. Nur Glücksritter, Abenteurer, lebensferne junge Leute, korrupte Politiker, geldgierige Kaufmänner und skrupellose Machtmenschen sehnen sich nach chaotisch-kriegerischen Zuständen, die sie zu ihrem Vorteil nutzen können.

    Die Aufklärung, auch wenn man es nicht gerne hören mag, dürfte bereits den Keim der Zerstörung der alten Ordnung in Umlauf gebracht haben. Deshalb war Österreich vielleicht auch für eine Weile die Insel der Seligen😉

    Die Maxime der Aufklärung lautet bekanntlich, dass man sich seines eigenen Verstandes bedienen soll. Aber tut man es, könnte man dafür mit dem Gesetz in Konflikt geraten – nicht nur in Österreich. Mit anderen Worten: Alle Tiere sind gleich nur manche Tiere sind gleicher.

    Ich drück dir die Daumen für deine frohes Schaffen, Ali.

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