richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

EM 2016: Spieltag 1

EM-2016-Spieltag1

Spieltag 1 der Europameisterschaft in Frankreich 2016

FRANKREICH : RUMÄNIEN 2:1

Das war sie also, die Eröffnung der Fußball-Europameisterschaft in Frankreich. Man fragt sich ja klammheimlich, was wohl ein Georges Clemenceau (1841-1929) über die denkwürdige Zeremonie gesagt hätte. Einst schrieb der französische Politiker, dass Amerika, »die Entwicklung von der Barbarei zur Dekadenz ohne Umweg über die Kultur« mache. Anno 2016 können wir festhalten, dass Frankreich die Kultur links liegen lässt und geradeaus in die dekadente Barbarei, vielleicht auch barbarischen Dekadenz läuft. Ich schätze, das Enfant terrible der schreibenden Zunft Louis-Ferdinand Céline (1894-1961) hätte die passenden Worte für die Entwicklung Frankreichs (und damit der westlichen Kulturnationen) gefunden. Dank der benutzerfreundlichen Hetzparagraphen, die in all den aufgeklärten Staaten wie giftige Pilze aus dem Boden schießen, würde er heutzutage natürlich längst mit unzähligen Strafverfahren zum Schweigen gebracht worden sein. Man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen, dass es die französische demokratische Republik ist, nicht das Ancien Régime eines Ludwig XV. oder die präsidiale Diktatur eines Charles de Gaulle, die einen Voltaire in die Bastille werfen und dort verfaulen lassen würde. Gewiss, Voltaire kochte sein freimaurerischen Süppchen, das nicht er, sondern andere in späterer Folge auslöffeln mussten. Behalten Sie immer im Hinterkopf, dass in der Historie nichts ist, wie Sie es gelernt, gelesen oder gehört haben.

Kehren wir nun zum runden Leder zurück. Frankreich eröffnete also die Ballzauberei mit dem Spiel gegen Rumänien. Bereits nach wenigen Minuten war es auch für jeden Hobbytrainer augenscheinlich, dass es nur eine Mannschaft war, die mit Routine und Sicherheit am Rasen agierte: die Rumänen konnten die Qualifikation ohne Niederlage und nur mit zwei Gegentreffern abschließen. Während also die rumänische Elf unbeeindruckt ihr spielerisch-taktisches Konzept mustergültig umsetzte, haderte die französische mit sich und der Ausgangssituation und fand deshalb nie wirklich zu ihrem Spiel. Man stelle sich nur mal vor, was in den Köpfen gedacht, in den Bäuchen gefühlt worden wäre, hätte nach vier Minuten Bogdan Stancu den Ball aus wenigen Metern an Torhüter Lloris vorbeigeschoben. Es ist natürlich müßig darüber zu spekulieren – Lloris wehrte ab (besser: er stand goldrichtig) und die französischen Fans – nahe einem Herzinfarkt – konnten erleichtert ausatmen.

Und so wogte das Spiel hin und her. Chancen hüben wie drüben. Vielleicht zollten die Rumänen dem Hausherrn zu viel Respekt, hätten noch mehr Druck, noch konsequenter die Offensive suchen müssen. Andererseits, die Qualität der französischen Spieler, die fanatische Kulisse im Hintergrund und ein Schiedsrichter, der nichts falsch machen wollte, ließen dann doch die rumänischen Nerven flattern. Ein Unentschieden wäre alles in allem gerecht gewesen, ja, ich hätte es den Rumänen vergönnt, weil sie beherzt mitspielten und sich nicht ängstlich versteckten. Aber das Schicksal hatte andere Pläne und  wenige Minuten vor Schluss zog Dimitri Payet an der Strafraumgrenze ab und haute den Ball unhaltbar ins Kreuzeck. Für einen Fußballgourmet hätte ich mir natürlich den Führungstreffer fünfzehn oder zwanzig Minuten vor dem Ende gewünscht – weil die Rumänen dann mehr Zeit gehabt hätten, mit Mann und Maus zu stürmen und das Unentschieden zu erzwingen. Schlagabtausch in Reinkultur, das ist es, was ich sehen will. Gibt es leider viel zu selten. Sicherheit – im Leben wie am Rasen – steht hoch im Kurs.

Im nächsten Spiel bekommen es die Franzosen mit Albanien zu tun. In den beiden freundschaftlichen Qualifikationsspielen hat Albanien mit einem Sieg und einem Unentschieden gegen die Grande Nation aufgezeigt, dass sie keine Geschenke verteilt. Ein unangenehmer Gegner, natürlich.

Die Männer von Trainer Didier Deschamps, um eine abgedroschene Phrase zu verwenden, werden sich wohl steigern müssen. Was mir an Frankreich fehlt, ist die Geschlossenheit, die Kompaktheit. Ich sehe nicht eine Mannschaft, ich sehe zehn Akteure auf dem Rasen.

Für die Rumänen geht es im nächsten Spiel gegen die Schweiz. Auf dem Papier klingt diese Begegnung nach dem lauen Sommerkick zweier abgebrühter Routiniers – man erinnere sich an die Eidgenossen bei der WM 2014, deren Ziel es war, das Spiel des Gegners zu zerstören. Unansehnlich, aber effektiv. Auch im Fußball heiligt der Zweck längst die Mittel. Vorbei die Zeit, als jeder Fußballfreund auf die italienische Betonmischmaschine verächtlich herabblickte. Und doch, irgendwie, ich weiß nicht recht, spüre ich instinktiv, dass wir ein großes Spiel zu erwarten haben. Vermutlich ist der Wunsch der Alimente zahlende Papa dieses Gedankens. Aber träumen wird man ja noch dürfen, non?

Für den Fall, dass Sie wissen möchten, was denn die Franzosen im Stadion so inbrünstig schmettern, bitte sehr, hier die 3. Strophe der Marseillaise:

Was! Ausländisches Gesindel
würde über unsere Heime gebieten!
Was! Diese Söldnerscharen würden
Unsere stolzen Krieger niedermachen! (zweimal)
Großer Gott! Mit Ketten an den Händen
würden sich unsere Häupter dem Joch beugen.
Niederträchtige Despoten würden
Über unser Schicksal bestimmen!

Zu den Waffen, Bürger!
Schließt die Reihen,
Vorwärts, marschieren wir!
Das unreine Blut
tränke unserer Äcker Furchen!

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