richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

EM 2016: Spieltag 3

EM-2016-Spieltag3

Spieltag 3 der Europameisterschaft in Frankreich 2016

TÜRKEI : KROATIEN 0:1

Von Beginn an zeigten die Kroaten, dass sie gewillt waren, das Spiel gegen die Türken zu machen. Aber es brauchte eine Weile, bis die Nervosität aus den Köpfen und Beinen der Spieler vertrieben werden konnte. Die kroatische Mannschaft presste, drückte, rackerte, gab keinen Ball verloren; die Türkei wirkte eingeschüchtert und ratlos. Srna, einer der besten Außenverteidiger, legte seine Rolle wie gewohnt offensiv an – beinahe könnte man glauben, er hätte die Position eines Flügelstürmers eingenommen. Von seiner rechten Seite kamen oftmals die hohen Flanken in den Strafraum. Überhaupt schien es das Rezept der Kroaten zu sein: Flügellauf, hohe Flanke hinein und hoffen, einen guten Kopfball anbringen zu können. Aber die Abwehr der Türken klärte mit Köpfen und Füßen. Minuten vor dem Halbzeitpfiff war es dann eine missglückte Klärung eines Türken, die Modric zwanzig Meter vor dem Tor zu einem brachialer Volleyschuss einlud. Und weil Torhüter Volkan Babacan wie ein Bahnschranken umfiel – man vergleiche die gestrige Überreaktion des russischen Torhüters Akinfeev, der einen ähnlichen Hammer von Rooney entschärfen konnte – hieß es 1:0 für Kroatien.

In der zweiten Halbzeit machten die Kroaten weiterhin das offensive Spiel, dachten nicht daran, sich zurückzuziehen und die Defensive zu verstärken. Zugegeben, die Türken strahlten kaum Gefahr aus – obwohl, hin und wieder blitzte ein gelungenes Kombinationsspiel auf, aber vor dem Strafraum war zumeist Endstation. Auf der anderen Seite hatten die Kroaten auch noch drei Lattenschüsse und mehrere gute bis sehr gute Chancen, den Sack zuzumachen. Der Sieg der Kroaten war sicherlich verdient, darüber wird wohl niemand zweifeln. Die einzig offene Frage ist die: Sind die Kroaten so gut gewesen oder die Türken so schwach? Vermutlich liegt die Antwort irgendwo dazwischen.

Ob die Taktik der Kroaten – hohe Flanke in den Strafraum und hoffen – auch in den nächsten beiden Spielen gegen Spanien und Tschechien funktioniert, wird sich weisen. Aber die Mannschaft hat das spielerische Potenzial, mit Direktspiel, Dribblings und Lochpässen jeden Gegner in Bedrängnis zu bringen. Einsatz und Wille sind jedenfalls bei den Kroaten reichlich vorhanden – summa summarum ist mit den Kroaten bei dieser EM zu rechnen – so lange sich nicht einer der Schlüsselspieler verletzt. Die Ersatzspieler haben nämlich bei weitem nicht die Qualität der Stammspieler.

Die Türken haben wenig gezeigt und nicht überzeugt. Bezeichnend, dass Superstar Arda Turan vorzeitig ausgewechselt wurde und Trainer Fatih Terim zwanzig Minuten vor Schluss sogar die junge Hoffnung Emre Mor ins Feuer schickte. Man möchte es nicht glauben, aber diese Einwechselung löste tatsächlich einen Ruck in der türkischen Mannschaft aus. Ist es ein Zeichen für die kommende Aufstellung? Wie dem auch sei, fest steht, wenn sich Fatih Terims Spieler nicht steigern können, werden sie die Gruppenphase nicht überstehen. Aber wenn ich eines gelernt habe, dann ist es, dass man die Türken nie abschreiben sollte.

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POLEN : NORDIRLAND 1:0

Gähn. Also, das war ja wohl ein lauer Sommerkick. Jedenfalls bis zum Führungstreffer der Polen in der 51. Minute. Bis dahin versuchten die Nordiren nur bloß kein Tor zu bekommen. An eines zu schießen, nein, daran dachten sie nicht. Ich fragte mich ja klammheimlich, wie es die Nordiren überhaupt zur EM schafften und siehe da, sie gewannen (!) die Gruppe F und ließen Mannschaften wie Rumänien, Ungarn und Griechenland hinter sich. Mit anderen Worten: die nordirische Mannschaft dürfte sehr wohl wissen, wie man Tore schießt. Ob sie es in den nächsten beiden Spielen zeigen werden, wird man sehen. Spielerisch darf man jedenfalls nicht viel von ihnen erwarten und über den Einsatz allein wird es mit Sicherheit nicht gehen. Die Polen wiederum versuchten von Anfang an die Entscheidung herbeizuführen – gar nicht einfach, da die Nordiren mit Mann und Maus die Räume dicht machten und sich gegen die Angriffe stemmten. Wirklich gefordert waren die Polen eigentlich nie. Deshalb wird erst die nächste Partie gegen Deutschland zeigen, was in ihnen steckt. Dass sie in der Lage sind, die Deutschen zu schlagen, wissen wir seit der EM-Qualifikation.

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DEUTSCHLAND : UKRAINE 2:0

Respekt. Die deutsche Nationalelf zeigte gegen die Ukraine einmal mehr, warum sie zum Favoritenkreis gezählt werden muss. Mit dem Selbstvertrauen eines amtierenden Weltmeisters ließen die deutschen Spieler den Ball zirkulieren und setzten die Ukraine in ihrer eigenen Hälfte unter Druck – ohne dabei Angst zu haben, in einen Konter zu laufen. Ein klein wenig erinnerte ihre riskante Spielweise an die legendäre Begegnung bei der WM 2014 gegen Algerien – damals wie gestern standen die Deutschen sehr hoch, versammelten sich beinahe zur Gänze in der gegnerischen Hälfte und zogen ihr Offensivspiel auf. Aber während Algerien mit äußerst gefährlichen Konterangriffen die Deutschen an den Rand einer Niederlage bringen konnte, war die Ukraine dann doch zu eingeschüchtert, zu verhalten und wirkte zuweilen wie die Maus vor der Katze. Gut möglich, dass der recht frühe Führungstreffer in der 20. Minute – nicht aus dem Spiel heraus, sondern durch eine Standardsituation – die ukrainische Mannschaft aus dem Konzept brachte. Mit dem 1:0 im Rücken konnten die Deutschen natürlich noch befreiter, noch sicherer auftreten, während die Ukrainer Mühe hatten, den Laden zusammenzuhalten.

Nun mache man aber nicht den Fehler, zu glauben, es wäre für die deutsche Elf ein Spaziergang gewesen. Mitnichten! Die erste Chance hatte die Ukraine – der Volleyschuss wurde von Torhüter Neuer – wie so oft ein Fels in der Brandung – abgewehrt. Und nach dreißig Minuten leckten die Ukrainer Blut und setzten die deutsche Hintermannschaft das eine oder andere Mal sichtlich unter Druck. Hier liegt dann wohl der Hase im Pfeffer. So überragend die Deutschen in der Offensive und bei Ballbesitz agierten, die Defensive zeigte Nerven, übte sich im Schwimmen und konnte den Gegner im Strafraum kaum bändigen. So kam die Ukraine beinahe zu ihrem Tor – aber eine spektakuläre Rettungsaktion von Boateng auf der Linie, eine Abseitsstellung sowie ein toller Reflex von Neuer verhinderten den Ausgleich. Dass der EishockeyBodycheck von Neuer gegen Selesnjow im Strafraum nicht geahndet wurde, nun, müssen wir wohl als eine glückliche Fügung für die Löw-Truppe abhaken.

Oberflächlich betrachtet könnte man bereits zur Feststellung gelangen, dass die Deutschen bereits Europameister sind. Bedenkt man, dass beispielsweise Müller, Götze oder Özil nur eine unterdurchschnittliche Form an den Tag legten, dass Draxler, Höwedes und Hector nicht sonderlich in Erscheinung traten, dann kann man sich vorstellen, was die deutsche Elf mit einem fitten Hummels in der Abwehr, mit einem fitten Schweinsteiger im Mittelfeld und mit einem torgefährlichen Gomez im Sturm zu leisten im Stande wäre. Vorausgesetzt Neuer, Boateng, Kroos und Khedira halten die gezeigte Topform.

Die kommende Begegnung mit Polen wird Aufschluss geben, wie stark die deutsche Elf tatsächlich ist – die Ukraine, das sollten wir nicht vergessen, hatte sich eigentlich nur mit Müh und Weh qualifiziert. Trotzdem ertappe ich mich auch jetzt wieder, bereits darüber nachzudenken, welcher Gegner den Deutschen überhaupt Paroli bieten würde können. Nicht auf spielerischem Niveau, versteht sich, sondern im selbstbewussten Auftreten. Frankreich und England scheiden hier schon mal aus. Bleiben nur die üblichen Verdächtigen: Spanien und Italien. There is nothing new under the sun.

Ach ja, eines noch. Könnte der DFB Joachim Löw nicht einen Herren von Knigge zur Seite stellen, der darauf acht gibt, dass sich der Trainer nicht vor aller Welt blamiert?

 

 

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