richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

EM 2016: Spieltag 4

EM-2016-Spieltag4

Spieltag 4 der Europameisterschaft in Frankreich 2016

SPANIEN : TSCHECHIEN 1:0

Bis zur 87. Minute war es für beide Mannschaften nur eine Trainingseinheit. Die Tschechen hatten die Vorgabe, den Laden dicht zu machen und die Spanier, den Sack zuzumachen. Fußballspiel war es demnach keines. Dass die Tschechen durchaus gefährlich werden konnten, zeigten sie vielleicht zwei oder drei Mal in den 90 Minuten. Somit dürften sie das Angriffsspiel sehr wohl beherrschen. Die Spanier wiederum praktizierten das allseits bekannte Ballgeschiebe spielstarker Favoriten vor dem gegnerischen Strafraum und suchten die Lücke in den Verteidigungslinien. Das Ganze erinnerte frappant an das Spiel der Deutschen gegen die Ukraine, die ebenfalls tief gestaffelt alle Angriffsbemühungen zu vereiteln suchte. Dass ausgerechnet Innenverteidiger Piqué das entscheidende Tor für Spanien knapp vor Schluss erzielte, ist bezeichnend – schließlich hatte er die längste Zeit nichts zu tun. Zwei recht gute Chancen der Tschechen – einmal rettete Fàbregas auf der Linie in extremis, das andere Mal stand Goalie de Gea goldrichtig – möchte ich natürlich nicht unter den Teppich kehren. Es hätte demnach auch anders kommen können. Das wäre dann zwar ungerecht gewesen, aber, hey, so ist Fußball: Wer die Tore nicht schießt, der …

In der nächsten Begegnung treffen die Spanier auf die Türkei. Wir dürfen uns auf eine weitere Trainingseinheit freuen. Schützenfest nicht ausgeschlossen. Im Gegensatz dazu wird das Spiel Kroatien gegen Tschechien ein heißer Tanz. Rieche ich hier bereits einen offenen Schlagabtausch?

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IRLAND : SCHWEDEN 1:1

Also, die erste Halbzeit vergessen wir jetzt mal besser. Da gab es nicht viel Fußball zu sehen. Gut, die Iren versuchten es wenigstens und knallten den Ball mit Gefühl sogar an die Latte. Aber sonst war es eine verhaltene, nervöse, zerfahrene Kickerei. Gottlob schlenzte Wes Hoolahan Minuten nach Wiederbeginn den Ball wunderschön in die lange Ecke. Das Tor weckte endlich die schwedischen Geister und von da an liefen Ball und Beine. Die schwedischen Angriffsversuche wurde schließlich belohnt. Mittendrin und irgendwie auch nur dabei: Superstar Ibrahimovic. Sein Querpass köpfte Ciaran Clark ins eigene Tor. Ausgleich. Nun war es ein offener Schlagabtausch im Kleinformat – beide Mannschaften wollten den Siegestreffer erzielen, beide Mannschaften rackerten und kämpften bis zum Abpiff. Freilich, spielerisch konnten sowohl die Schweden als auch die Iren nicht sonderlich überzeugen. Die Stärke, vor allem der Iren, liegt nun mal darin, aus einer gesicherten Abwehr die Entscheidung herbeizuführen. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Iren mit Deutschland und Polen in der Gruppe D der EM-Qualifikation waren. Nicht nur, dass sie der Löw-Truppe eine Niederlage beibringen konnten, erhielten sie auch die wenigsten Tore in dieser Gruppe. Italien und Belgien, die nächsten Gegner, werden alles aufbieten müssen, um das irische Catanaccio zu knacken. Die Schweden wiederum hatten den Kampfgeist am rechten Fleck und ließen sich durch den Führungstreffer nicht aus der Verfassung bringen. Sie präsentierten sich als eine robuste und kompakte, aber zuweilen ideenlose Mannschaft, frei nach dem Motto: Ibra wird’s schon richten.

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BELGIEN : ITALIEN 0:2

Hola. Das war mal ein Spiel nach meinem Geschmack. Die beiden Mannschaften schenkten sich nichts. Belgien – seit der WM 2014 der geheimste aller geheimen Favoriten – machte gegen Italien von Beginn an Druck. Mit technisch versierten Spielern wie Hazard, De Bruyne oder Witsel konnten sie das eine oder andere Mal die gegnerische Fünferkette in Verlegenheit bringen. Es war schon imposant, was die routinierte (und bereits angegraute) Hintermannschaft des italienischen Teams leistete. Goalie Buffon, mit 38 Lenzen, möchte wohl noch den Altersrekord von Torhüterlegende Dino Zoff brechen, der sich ja noch mit 40 gegen die Angriffe stemmte (freilich konnte er sich damals auf die weltbeste Betonabwehr verlassen). Gianluigi Buffon dirigierte seine Vorderleute, feuerte sie an und konnte auch noch die eine oder andere brenzlige Situation meistern. Respekt.

Die beiden Formationen der Italiener überraschten mich dann doch: ein 5-3-2 im Defensiv-, ein 2-5-3 im Offensivspiel. Noch mehr überraschte mich aber, dass die Italiener schnörkellos und überfallsartig nach vorne spielten. So probierten sie es sowohl mit schnellem Kurzpassspiel als auch mit langen Bällen, um die belgische Abwehr auszuhebeln und hin und wieder blitzte eine unglaubliche Spielkombination auf. Leider verschenkten sie beim Vorwärtsspiel immer wieder leichtfertig die Bälle und leiteten so gefährliche Gegenstöße der Belgier ein. Wäre Lukaku abgebrühter gewesen, hätte er die größte Chance im Spiel verwertet. Das Konterspiel, das diese Chance erst ermöglichte, gehört jedenfalls in jedes Schulbuch für angehende Fußballprofis: mustergültig in Szene gesetzt, über drei Stationen gehend und im Vollsprint ausgeführt. Herrlich zum Anschauen. Apropos. Den Führungstreffer der Italiener konnte man sich auch auf der Zunge zergehen lassen: Weite Flanke von Bonucci in den Strafraum, über die Köpfe der belgischen Abwehr, der kleine Giaccherini nimmt den Ball mit links an und schlenzt ihn mit dem rechten Fuß ins lange Eck. Bravo!

Wer sich nun dachte, dass die Italiener nach dem Führungstreffer mit Mann und Maus verteidigen und Beton anrühren würden, der irrte. Kamen sie in Besitz des Balles, versuchten sie erst gar nicht, das Spiel durch langweilige Querpässe zu beruhigen, sondern sie schalteten fulminant in die Offensive. Wie bereits erwähnt, immer wieder schlichen sich dabei dumme Abspielfehler oder Ballverluste ein – drei Mal musste deshalb die mit einer gelben Karte geahndete Notbremse gezogen werden, um einen gefährlichen Gegenstoß zu verhindern. Das kann auch mal ins Auge gehen.

Die nächsten beiden Begegnungen werden zeigen, wie sich die Squadra Azzurra gegen defensiv ausgerichtete Mannschaften schlägt. Tore schießen können sie jedenfalls. Der Sieg hat mit Sicherheit den Spielern und den Fans das verlorene Selbstbewusstsein zurückgegeben und ich gehe davon aus, dass ein italienischer Frühling vor der Tür steht und das Pensionsantrittsalter für Torhüter und Verteidiger erhöht wird.

Und Belgien? Die Niederlage zeigte einmal mehr, dass spielerische Überlegenheit keinen Pokal nach Hause bringt. Andererseits, wären die Belgier im Strafraum konsequenter, abgebrühter gewesen, hätten sie einen Stürmer mit Killerinstinkt in ihren Reihen gehabt, die Sache wäre vielleicht ganz anders verlaufen. Dass die belgische Mannschaft das Potenzial hat, jeden Gegner zu schlagen, hat man bereits vor der EM gewusst, und dass sie die nächsten beiden Spiele – Irland und Schweden – für sich entscheiden werden, steht außer Frage. Aber reicht es, um weiterhin als Geheimfavorit zu gelten?

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