richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

EM 2016: Spieltag 7

EM-2016-Spieltag7

Spieltag 7 der Europameisterschaft in Frankreich 2016

ENGLAND : WALES 2:1

Das soll also die Battle of Britain gewesen sein? Die erste Halbzeit war wohl mehr Krampf denn Kampf. Folgerichtig gelang das erste Tor des Spiels aus einer Standardsituation. Freistoß für Wales. Über 30 Meter vom englischen Tor entfernt. Bale. Natürlich Gareth Bale. Hart. Natürlich Joe Hart. Der eine mit unnachahmlicher Schusstechnik. Der andere mit eigentümlicher Bahnschrankenmentalität. ORF-Analyst Helge Payer meinte, Hart hätte alles falsch gemacht, was ein Torhüter falsch machen kann – was man mit laienhaften Auge freilich auch sehen konnte. England und seine Torhüter – eine langjährige Komödie mit tragischen Elementen.

In der ersten Halbzeit gab es jedenfalls kaum flüssige Kombinationen zu beklatschen. Spielzerstörende Fouls hüben wie drüben. Die Engländer waren bemüht, aber gegen die tief gestaffelte Abwehrreihe der Waliser fiel ihnen nicht viel ein. Außenverteidiger Walker beackerte zwar die rechte Seite und Routinier Rooney versuchte hin und wieder einen gefährlichen Pass in die Tiefe anzubringen, aber alles in allem waren die ersten 45 Minuten nur ein laues Offensivlüftchen. Das sollte sich mit der Hereinnahme von Jamie Vardy und Daniel Sturridge ändern – jene zwei Spieler, die von den Fans bereits im ersten Match gefordert, aber nicht von Trainer Roy Hodgson gebracht wurden. Zehn Minuten nach seiner Einwechselung stand Vardy genau dort, wo ein Stoßstürmer zu stehen hat und haute einen missglückten Klärungsversuch in die Maschen. Der Ausgleich beflügelte nun die Engländer und paralysierte die Waliser. Mit jeder Minute wurden die englischen Spieler selbstbewusster, ballsicherer – Sturridge konnte es sich sogar leisten, immer wieder mit (eigensinnigen) Dribblings hängen zu bleiben. Minuten vor Schluss, bereits in der Nachspielzeit, war es schließlich Sturridge, der sich im Strafraum überraschend behaupten und den Ball ins Netz spitzeln konnte. Zugegeben, die Waliser Verteidigung – mit den Kräften merklich am Ende  – dürfte mit den Gedanken bereits in der Kabine gewesen sein. Mit dem Gegentreffer war die Niederlage besiegelt, zerplatzte der walisische Traum. Nichtsdestotrotz hat es Bale & Co in der eigenen Hand, gegen Russland den Aufstieg zu fixieren.

Mit dem heutigen hart erkämpften Sieg der Three Lions dürften die Weichen endgültig für Jamie Vardy und Daniel Sturridge gefallen sein. Haben am Ende die Fans immer recht? Das  letzte Spiel gegen die Slowakei wird freilich kein Spaziergang für die Engländer werden, können Hamšík & Co nur mit einem Sieg fix ins Achtelfinale aufsteigen. Es riecht hier also nach einem Schlagabtausch. Leider verfügt das slowakische Team nicht über die notwendigen spielerischen Qualitäten um England aus dem Spiel heraus unter Druck setzen zu können. Es deutet demnach alles auf eine Kopie des Wales-Spiels hin: Die Slowaken werden tief stehen und auf eine Konterchance lauern, während die Engländer aus einer gesicherten Abwehr das Spiel zu kontrollieren versuchen. Aber eines ist klar: Fällt ein Tor, geht’s rund!

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UKRAINE : NORDIRLAND 0:2

Also, die erste Halbzeit können wir mal abhaken. Da gab es nicht viel zu sehen. Keine der beiden Mannschaften wollte aus sich herausgehen. Die Ukrainer versuchten zwar das Spiel zu machen, aber die Nordiren versperrten ihnen geschickt den Laufweg. Die zweite Halbzeit war dann schon dramatischer. Im stetig heftig werdenden Regen blühten die Nordiren förmlich auf. Keine fünf Minuten nach Wiederanpfiff köpfte der 36-jährige Gareth McAuley eine Freistoßflanke wunderbar gegen die Laufrichtung von Goalie Pyatov ins lange Eck. Der Führungstreffer weckte die Ukrainer zwar auf, aber sie taten sich dann doch recht schwer, das offensive Spiel zu machen. Die Nordiren riegelten den Strafraum konsequent ab – und die wenigen Verlegenheitsschüsse der Ukrainer trafen selten ihr Ziel. Eine kurze Spielunterbrechung – es hagelte für einige Minuten – änderte nichts am Status Quo. Das Team der Ukraine versuchte immer wieder den Ball in die gefährliche Zone zu bringen, aber die Nordiren machten die Räume eng und stellten die Räume zu. Bemerkenswert, dass sie noch gegen Ende der Spielzeit recht hoch verteidigten und so ein gegnerisches Powerplay am eigenen Strafraum gar nicht erst zuließen. In der Nachspielzeit – die Ukrainer waren mit ihren Kräften sichtlich am Ende – machten die pferdebelungten Nordiren schließlich das zweite Tor. Respekt. Ich schätze, in Nordirland wird die nächsten Tage das Bier knapp werden. Tröööt.

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DEUTSCHLAND : POLEN 0:0

Das war sie also, die erste Nullnummer bei der Europameisterschaft. Man könnte meinen, es wäre eine träge und langweilige Partie gewesen. Mitnichten. Jedes Spiel Der Mannschaft ist ein intensives, emotionsgeladenes und keine Sekunde lang darf man als Zuschauer (oder Gegner) glauben, die Löw-Truppe würde im Spiel kein Tor mehr erzielen. Ja, unsere großen Nachbarn sind immer für ein Tor gut – egal wann, egal wo, egal wer. Die Polen wussten das natürlich und stellten sich deshalb recht defensiv auf. Trotzdem war es keine ukrainische Abwehrschlacht – vielmehr waren die Polen sogar bereit, das eine oder andere Mal die Deutschen in ihrer eigenen Hälfte anzupressen, unter Druck zu setzen und sie so zu – man kennt es sonst nicht von ihnen – Abspielfehlern zu zwingen. Tatsächlich, wenn die Polen durch Pressing den Ball erkämpfen und eine Offensivaktion gegen die noch ungeordnete deutsche Hintermannschaft einleiteten konnten, waren sie brandgefährlich. Man muss jetzt kein Freund der Polen sein, aber die zwei Großchancen von Milik waren die besten im Spiel – somit hätten sich Löw & Co nicht über eine Niederlage beschweren dürfen. Ach, der gute Milik – warum er wenige Meter vor dem Tor so stümperhaft agierte, bleibt ein ungelöstes Rätsel. Und Superstar Lewandowski ließ sich bei einem Schussversuch dann doch (ungewöhnlich) viel Zeit, weshalb Boateng gerade noch rechtzeitig den Schuss blocken konnte. Aber gehen wir mit den polnischen Spielern nicht zu hart ins Gericht, spielten sie doch gegen den amtierenden Weltmeister. Da können schon mal die Nerven flattern.

Das polnische Team war also perfekt auf das deutsche Spiel eingestellt und konnte die taktische Vorgabe ihres Trainers Adam Nawałka über 90 Minuten lang umsetzen. Nach den letzten beiden Gruppenspielen scheint man nun ein Rezept gegen die Deutschen gefunden zu haben: Das Zentrum mit zwei Defensivketten absichern, überfallsartige Pressingaktionen einleiten und den daraus resultierenden Ballgewinn für eine gefährliche Offensivaktion – die deutsche Defensive sollte noch in Unordnung sein – nützen. Gewiss, ein Konzept zu haben und es am Rasen umzusetzen sind zwei Paar Schussstiefel.

Für die Polen ist sogar der Gruppensieg in greifbare Nähe gerückt, geht es doch im letzten Spiel gegen die bereits ausgeschiedene Ukrainer, während die Löw-Truppe gegen unangenehm motivierte Nordiren antreten müssen, die noch alle Chancen haben, ebenfalls das Achtelfinale zu erreichen. Sollte es für den Weltmeister knüppeldick kommen, könnte es am Ende nur für den dritten Platz reichen. Aber wer mag ernsthaft glauben, dass sich Deutschland gegen Nordirland eine Blöße geben wird? Eben. Das Match – ich sehe es bereits vor mir – wird ein Geduldsspiel: Die Nordiren werden mit Mann und Maus rund um ihren Strafraum stehen und versuchen, die Räume eng zu machen, sie werden mit langen Bällen ihre wenigen Offensivaktionen einleiten und auf Standardsituation hoffen. Die Deutschen wiederum werden ein 90-minütiges Powerplay in der gegnerischen Hälfte aufziehen. Alles wie gehabt.

Zurück zum gestrigen Spiel. Man stellt sich die Frage, ob Löw nicht bereits von Anfang an mit Stoßstürmer Gomez beginnen hätte sollen? Götze war als Solospitze zwar bemüht, fand sogar eine der besseren Chancen vor (die er vermutlich vor zwei Jahren genutzt hätte), war aber – wie seine Kollegen – mit dem polnischen Abwehrbollwerk überfordert und für ein Kopfballtor zehn Zentimeter zu klein. Im Besonderen rächt es sich, dass noch immer kein adäquater Ersatz für Philipp Lahm gefunden worden ist. Höwedes strahlt auf der rechten Seite keine Torgefahr aus, kann auch – als gelernter Innenverteidiger – kaum offensive Akzente setzen. Wir sollten aber nicht vergessen, dass noch nicht alle Spieler zur Normalform gefunden haben: Khedira war anfänglich geistig abwesend, kassierte auch gleich eine gelbe Karte für ein taktisches Foul, fand aber dann doch mit Einsatz zurück ins Spiel. Hummels, nach seiner Verletzungspause, wirkte zuweilen unsicher. Özil war/ist eine schattenhafte Erscheinung – zuerst weiß man gar nicht, ob er aufgestellt wurde und dann prüft er Torhüter Fabianski mit einem prächtigen Volleyschuss. Müller müllerte noch immer nicht. Götze suchte seine Torgefährlichkeit von anno 2012. Hector spielte brav mit,  Ausnahmetalent ist er keines. Aber auch, wenn viele Spieler noch nicht die Normalform erreicht haben, den Halbfinaleinzug sehe ich nicht in Gefahr, dazu muss man sich nur all die anderen Favoriten angucken, die bei weitem noch nicht überzeugen konnten. Und wenn Die Mannschaftsmaschine schließlich und endlich ins Laufen kommt, dann ist sie für gewöhnlich nicht mehr zu stoppen: There is nothing new under the sun and on the pitch.

Moment, Italien und Spanien sind ja noch gar nicht ausgeschieden …

 

 

 

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