richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

EM 2016: Spieltag 12 – Entscheidung Gruppe C und D

EM-2016-Spieltag12

Spieltag 12 der Europameisterschaft in Frankreich 2016
Entscheidung Gruppe C und D

NORDIRLAND : DEUTSCHLAND 0:1
UKRAINE : POLEN 0:1

Die Fakten sprechen eine klare Sprache. Ballbesitz für Deutschland 70 : 30. Schüsse in Richtung gegnerisches Tor 28 : 2 – davon gingen 20 aufs Tor. Zwei Stangenschüsse von Pechvogel Müller und eine Reihe an ungenutzten, vernebelten, verstolperten Torchancen. Auch bei diesem Spiel sieht man wieder, wie schwer es ist, den Ball über die Torlinie zu bringen. Im Besonderen, wenn das Quäntchen Glück fehlt. Die Nordiren waren freilich weit davon entfernt, auch nur annähernd eine Gefahr für Manuel Neuer darzustellen. Obwohl es in den ersten Minuten nach dem Anpfiff so aussah, als hätte Trainer Michael O’Neill das Match gegen Polen eingehend studiert und versucht, mit Pressing die Deutschen in ihrer eigenen Hälfte in Verlegenheit zu bringen. Doch der Eindruck täuschte. Die Nordiren praktizierten, was sie am besten konnten: den Laden dicht machen und den Bus im Strafraum parken. Und die Deutschen praktizierten, was sie am besten konnten: Kurzpassspiel rund um den gegnerischen Strafraum, so lange, bis sich eine Gelegenheit zum gefährlichen Pass in die Tiefe oder zu einer Hereingabe von der Seite anbietet. Da Joachim Löw diesmal mit Mario Gomez auf einen Stoßstürmer setzte und mit dem offensiven Außenverteidiger Kimmich die Richtung vorgab, war das Spiel der deutschen Mannschaft geradliniger und torgefährlicher ausgerichtet – in der ersten Halbzeit brannte es im nordirischen Strafraum lichterloh. Nach einer halben Stunde nahm sich Müller ein Herz, marschierte mit dem Ball in den Strafraum und legte für Gomez auf, der staubtrocken das Tor machte. Der Führungstreffer ließ die Deutschen natürlich noch gelöster zu Werke gehen – vielleicht zu gelöst, sieht man sich an, welche Chancen sie leichtfertig vergeben haben. Aber am Ende hat es für den Gruppensieg gereicht – vor allem deshalb, weil Polen es verabsäumte, gegen die bereits ausgeschiedenen Ukrainer höher zu gewinnen.

Wie so oft bei großen Turnieren, stellt sich auch hier die Frage, welche Aussagekraft die Gruppenspiele haben. Hat der amtierende Weltmeister das Zeug, auch gegen große Mannschaften zu bestehen? Polen – kein überragendes, aber gut eingespieltes Team – zeigte den Deutschen bereits die Grenzen ihres Offensivspiels auf. Die Ukraine – das wohl schwächste Team in der Gruppe – brachte die deutsche Hintermannschaft das eine und andere Mal in eine peinliche Verlegenheit. Ich denke, dass die deutsche (genauso wie die spanische) Defensive vor allem von der gegnerischen Ängstlichkeit zehrt, den Deutschen (bzw. Spaniern) zu viel Raum in ihrem Angriffsspiel zu gewähren. Deshalb sind die gegnerischen Angriffsbemühungen nicht Fisch, nicht Fleisch – und zumeist eine leichte Beute für Boateng und Hummels. Somit bewahrheitet sich die geflügelte Phrase, dass der (vermeintliche) Angriff die beste Verteidigung ist. Könnte es nun den Fall geben, dass auch die deutsche Mannschaft in ihren Offensivbemühungen verhaltener agiert? Definitiv. Im Spiel gegen Polen konnte man gut bemerken, dass die deutschen Spieler einen gehörigen Respekt vor Lewandowski hatten und deshalb ihr besonderes Augenmerk auf ihn richteten. Ja, Fußballspiele entscheiden sich bei den besten Teams vor allem im Kopf. Im Viertelfinale, wenn die Deutschen gegen Italien oder Spanien antreten, wird man sehen, welche Mannschaft die mental stärkere ist.

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KROATIEN : SPANIEN 2:1
TSCHECHIEN : TÜRKEI 0:2

Schlapperlot. Die Kroaten haben tatsächlich die Spanier am falschen Fuß erwischt. Wie so oft, wenn die spielbestimmende Mannschaft meint, sie hätte alles im Griff und würde den Gegner kontrollieren, bricht wie aus heiterem Himmel das Ungemach herein. Die selbstbewussten Spanier – zwei ungefährdete Siege ließen die Brust schwellen – zogen wieder ihr Ballgeschiebe in der gegnerischen Hälfte auf. Es erinnerte an die Tiki-Taka-Trainingseinheiten vergangener Tage. Gottlob sind die Zeiten vorbei. Weil sich hundert Mal den Ball von rechts nach links und von links nach rechts zuzuscheiberln und dabei den Gegner ins Leere laufen  zu lassen nun mal nichts mit einem Fußballspiel zu tun hat. Gewiss, die Experten sehen das anders und schnalzen mit der Zunge. Aber da es mir in erster Linie um spannende und ausgewogene Begegnungen geht, ist Tiki-Taka Gift für meine empfindliche Seele. Deshalb freut es mich natürlich, dass am Ende die Kroaten doch noch das Siegestor schossen – der Antritt von Ivan Perišić Minuten vor Schluss beweist, dass Kondition und Laufbereitschaft spielentscheidende Faktoren sein können. Dabei hätten die Spanier – mit dem Führungstreffer im Rücken – bereits lange vorher alles klar machen können, waren aber zu lässig, vielleicht sogar zu hochnäsig, mit ihren Chancen umgegangen – ein vergebener Elfmeter – mäßig geschossen von Kapitän Sergio Ramos – unterstreicht es. Auf der anderen Seite nutzte die kroatische Mannschaft die wenigen Chancen, die sie vorfand. Die Spieler von Trainer Ante Cacic stemmten sich bissig und aggressiv gegen den Ballbesitz der Spanier und zeigten, dass sie sich nicht mit dem Unentschieden abfinden wollten. Gewiss, für die einen ist es effizienter, für die anderen einfach nur ungerechter Fußball. Aber so ist das. Mit der Niederlage treffen nun die Spanier im Achtelfinale ausgerechnet auf Italien, während die Kroaten den Dritten der Gruppe F empfangen werden – gehen wir mal davon aus, dass es Österreich sein wird, nicht wahr? Die Niederlage der Spanier im letzten Gruppenspiel tut demnach doppelt weh – wer möchte schon gegen eine italienische Mannschaft spielen, die Blut geleckt hat?

Die Türken – wie bereits bei der EM 2008 – überraschen auch diesmal wieder den unbedarften Zuschauer. Mit einem klaren Sieg haben sie sich aus dem (Medien)Sumpf ziehen und die Chance auf einen Achtelfinalplatz aufrecht erhalten können. Wer hätte das gedacht – nach den zwei äußerst schwachen Vorstellungen in der Vorrunde? Die Tschechen wiederum haben gänzlich enttäuscht. Die Zeiten, als sie jede Mannschaft ärgern und schlagen konnten, sind längst passé. Wie die Schweden, wie die Russen, sind die Tschechen in die Jahre gekommen und spielen einen antiquierten Fußball. Für die Zukunft braucht es wohl einen totalen Umbau – so das Spielermaterial vorhanden ist. Das Dilemma ist ja, dass all die Ligen der kleinen Länder kaum noch Anreize für junge Menschen bieten und der wenige Nachwuchs mit gutem Geld gehegt und gepflegt werden muss. Keine leichte Aufgabe. Auf der anderen Seite braucht es nicht viele Fußballer, um eine Mannschaft zu formen und zur Europameisterschaft zu bringen. Siehe Island, das beinahe um die Hälfte weniger Einwohner hat als Luxemburg (320.000 : 540.000).

 

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