richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

EM 2016: Gedanken vor den Viertelfinalspielen

EM-2016-Gedanken_VF

Gedanken zum Viertelfinale der Europameisterschaft in Frankreich 2016

POLEN : PORTUGAL
WALES : BELGIEN
DEUTSCHLAND : ITALIEN
FRANKREICH : ISLAND

Das sind sie also, die 8 besten Nationalmannschaften Europas. Durch den neuen Modus – 24 statt bisher 16 Teilnehmer – schafften es drei Underdogs ins Rampenlicht des Viertelfinales. Allen voran Island, das mit England eines der großen Fußballnationen eliminierte und sich nun daran macht, ausgerechnet Gastgeber Frankreich ein Bein zu stellen. Die Niederlage der Engländer hat enorme Wellen geschlagen. Trainer Roy Hodgson (Jahresgage: 5 Millionen Euro) nahm freiwillig den Hut – er wusste, dass man in der Heimat sowieso seinen Kopf gefordert hätte – und schert sich deshalb nicht mehr um die Sintflut, die er mitverschuldet hatte. Auf der gestrigen Pressekonferenz murrte er gleich zu Beginn ins Mikrofon: »I don’t really know, what I am doing here.« Am Ende dieser verkorksten Europameisterschaft müssen nun die englischen Nationalspieler die Krot fressen und sich mit dem wütenden Medienmob auseinandersetzen, der nicht gerade dafür bekannt ist, blamable Niederlagen – seien sie sportlich, seien sie politisch – zu verzeihen. Die englischen Fans wiederum pendeln zwischen phlegmatischem Schulterzucken und cholerischer Zerstörungswut. Während die einen es längst aufgegeben haben, vor einem Turnier Hoffnung auf ein gutes Ergebnis zu hegen, wetzen die anderen nach dem Ausscheiden die Messer und fordern einen radikalen Einschnitt in allen Bereichen des geldgierigen und seelenlosen Kommerzfußballs. Nur wenige Engländer können sich damit abfinden, dass das Geburtsland des Fußballs, mit der teuersten Liga in der Geschichte des Sports, auf nationaler Ebene nur noch eine Randfigur darstellt. Die Erinnerungen an den Weltmeistertitel von 1966 verblassen mit jeder weiteren fußballerischen Enttäuschung und werden doch immer und immer wieder aus dem hintersten Winkel des gesellschaftlichen Bewusstseins geholt, abgestaubt und auf ein verklärend sentimentales Podest gestellt. Die Parallelen zu Österreich sind unverkennbar. Auch wir zehren von der Erinnerung an das Wunderteam der 1930er Jahre, das für kurze Zeit die Fußballwelt auf den Kopf stellen und die Masse begeistern konnte. Der Einzelne sehnt sich bekanntlich, in der Gruppe oder Sippe oder Nation aufzugehen und Großes zu leisten und Sport, wenn man so will, ist die Fortsetzung des nationalen Kräftevergleichs mit fairen und friedlichen Mitteln. Gut möglich, dass die Sittenwächter deshalb bestrebt sind, dem Fußball das nationalistische auszutreiben. Der Erfolg der homogenen isländischen Mannschaft ist natürlich für die Prediger des multikulturellen und entwurzelten Einheitsmenschengebräu ein Schlag ins Gesicht. Sollte das kleine Island auch noch gegen die französische Kolonialmannschaft gewinnen, würden die politischen Folgen unabsehbar sein – jedenfalls für Island. So könnte der Druck der europäischen Gemeinschaft auf die isländische Regierung erhöht werden, mehr Asylsuchende im Land und in der Nationalmannschaft aufzunehmen. Im letzten Jahr wurden 159 der 171 Asylanträge abgelehnt.

Wales? Wird unter die belgischen Räder kommen. Eine Überraschung halte ich für ausgeschlossen. Könnte ich mich irren? Natürlich. Gegen welche starken Gegner hat Wales gleich noch mal gespielt? Russland? Haha. Slowakei? Haha. Nordirland? Haha. England? Hahaha. Sie sehen, die Waliser wissen noch nicht mal, was im Viertelfinale auf sie zukommen wird, wenn sie meinen, sie hätten bisher überzeugenden Fußball gespielt. Hahaha.

Polen? Hm. Gegen Deutschland, den amtierender Weltmeister, haben sie eine taktisch und kämpferisch überzeugende Partie abgeliefert. Gegen die Schweiz – ein zäher Brocken – haben sie sich schlussendlich im Elfmeterschießen durchgesetzt und Nervenstärke bewiesen. Sie werden Portugal sicherlich fordern – gewinnen werden sie nicht.

Frankreich? Ich sehen dunkle Wolken am Horizont auftauchen. Die erste Hälfte gegen Irland hat gezeigt, dass die Equipe von Trainer Deschamps mit einfachen, freilich kräfteraubenden Mitteln, unter Druck gesetzt und damit aus dem Spiel genommen werden kann. So wird wohl am Ende das Nervenkostüm der Franzosen über Sieg oder Niederlage entscheiden – und wenn wir eines wissen, dann gibt es bei ihnen nur Extreme. Läuft es gut, walzen sie jeden Gegner nieder. Läuft jedoch nichts zusammen, bricht die Mannschaft auseinander und reibt sich in Schuldzuweisungen auf. Siehe Weltmeisterschaft 2002, als Frankreich als amtierender Weltmeister sang-, klang- und torlos in der Gruppenphase ausschied. Oder Europameisterschaft 2008. Oder Weltmeisterschaft 2010 und der Aufstand der rebellischen Spieler gegen Trainer Domenech – das scheint lange her zu sein und doch finden sich noch drei Spieler im jetzigen Kader, die diese Blamage miterleben mussten. Kurz und gut, eine Niederlage gegen Island ist für die Grande Nation unvorstellbar. Ah, mon Dieu, man möchte sich erst gar nicht vorstellen, was der Mob alles kurz und klein schlagen wird, wenn Frankreich gegen Island ausscheidet.

Belgien? Sollten sie gegen Bale & Co wirklich straucheln? Ist es vorstellbar? Zugegeben, gegen sattelfeste Schweden, die recht konventionell zu Werke gingen, taten sie sich schwer, ein Tor aus dem Spiel zu machen – so musste ein Tausendguldenschuss die Entscheidung herbeiführen. Die belgische Mannschaft zählt mit Sicherheit zu den besten, wenn der Gegner Räume lässt und in der Defensive ungeordnet steht – sollten die Belgier demnach in einem Spiel in Führung gehen, hat die gegnerische Mannschaft so gut wie verloren – siehe Irland, siehe Ungarn. Auf der anderen Seite, wie bereits erwähnt, haben die Belgier große Probleme ihr Offensivspiel gegen eine geordnete und disziplinierte Defensive ins Laufen zu bringen – siehe Italien, siehe Schweden. Sollte es also Gareth Bale ein weiteres Mal mittels einer Einzelaktion gelingen, die Waliser in Führung zu bringen, ist eine Überraschung durchaus möglich. Vorstellbar ist es freilich nicht.

Portugal? Wenn die Mannschaft weiterhin so trocken und lustlos – aber diszipliniert und ergebnisorientiert – ihre Spiele abspult wie gegen Kroatien, dann ist der Finaleinzug sicher.Technisch und spielerisch zählten die Portugiesen zum Besten, was der Fußball zu bieten hatte, aber Disziplin und Defensivbemühungen führten ein Schattendasein im von vielen Egos getriebenen Offensivspiel. Mit Trainer Santos hat sich das geändert. Nun sind sich Ronaldo & Co nicht zu schade, die einschläferndste Partie dieser EM abzuliefern, um ein starkes Kroatien aus dem Bewerb zu werfen. Sollte das Halbfinale Portugal : Belgien heißen – was recht wahrscheinlich ist – wird Schlafwagenfußball eine neue Dimension erreichen. Warum ich nicht an einen Schlagabtausch glaube? Sehen Sie sich die beiden Superpärchen beider Mannschaften an: Ronaldo & Nani – Hazard & De Bruyne! Jeder dieser vier Spieler, so man ihm Platz und Raum gewährt, kann ein Match entscheiden. Ungarn hat versucht, das Spiel offen zu halten (Danke, dafür!), und geriet unter die Räder. Kroatien hat es gegen Portugal gar nicht erst versucht – obwohl es das Spielermaterial dazu gehabt hätte. Der Respekt vor Ronaldo & Co war wohl doch zu groß. Kurz und gut: Mit Portugal und Ronaldo ist diesmal zu rechnen. Punktum.

Deutschland? Ist bisher noch nicht ernsthaft gefordert worden. Freilich, das Spiel gegen Polen hat gezeigt, dass auch der amtierende Weltmeister unter Druck gesetzt und zu Fehlern gezwungen werden kann. Müller, Götze und Özil sind noch nicht in Form, Kimmich und Mustafi müssen sich beweisen und der rekonvaleszente Schweinsteiger scheint mehr Maskottchen als spielerische Stütze zu sein. Trotzdem ist Deutschland ein Anwärter auf den Finaleinzug – taktische Ausrichtung, Disziplin und Kämpferherz sowie die Qualität einzelner Spieler stellen jeden Gegner vor größte Probleme. Auf den spitzfindigen Punkt gebracht: Die Angst in den Köpfen der gegnerischen Spieler und Trainer ist der zwölfte Mann der deutschen Mannschaft. Bestes Beispiel dafür ist die Selbstaufgabe der Slowaken bereits nach Anpfiff des Achtelfinalspiels gegen Deutschland. Die Frage aller Fragen lautet demnach: Wer hat (keine) Angst vor the national Meister?

Italien? Die wundersame Heilung eines Todgeweihten. Längst abgeschrieben, hat die italienische Mannschaft in den letzten Spielen gezeigt, was in ihr steckt – und das ist eine ganze Menge. Mit ihren Siegen gegen Belgien, Spanien und Schweden haben sie ein lautes Ausrufezeichen gesetzt, das auch Löw und seine Spieler nicht überhören konnten. Ausgerechnet Italien!, wird sich der deutsche Fan denken und all die schmerzlichen Niederlagen, die sich längst im kollektiven Bewusstsein eingebrannt haben, ziehen wie ein Film vor dem geistigen Auge vorüber. Ausgerechnet Italien hat bei dieser EM mit Antonio Conte einen Trainerfuchs auf der Bank sitzen, der sein deutsches Gegenüber locker in die Tasche steckt – nicht nur, dass Conte besser gekleidet ist und sich in der Öffentlichkeit zu benehmen weiß, auch ist er Ausdruck gelebter Fußballleidenschaft. Seine taktischen Vorgaben gegen die beiden Schwergewichte Belgien und Spanien waren nicht nur erfolgreich, sie beeindruckten auf ganzer Linie. Können die Italiener ihren Erfolgslauf fortsetzen, auch gegen den amtierenden Weltmeister? Definitiv. Die Azurris müssen nur achtgeben, nicht übermotiviert zu Werke zu gehen und zu viel zu wollen. Bezüglich der Taktikvorgabe gehe ich davon aus, dass Conte ähnlich verfahren wird, wie im Match gegen Spanien: Da die Deutschen ihre Stärke ebenfalls im Ballbesitz-Kombinationsspiel haben, müssen die Passwege zugestellt, die ballführenden Spieler unter Druck gesetzt und bei Ballgewinn schnell in das Offensivspiel umgeschaltet werden. Diese Taktikvorgabe ist freilich kräfteraubend und fordert ein Höchstmaß an Konzentration – gegen Spanien reichten die Kräfte für etwa 70 Minuten und deshalb verwundert es nicht, dass in der letzten Viertelstunde des Spiels die Spanier zu den größten Torchancen kamen. In Sachen Kondition haben die Deutschen deshalb einen klaren Vorteil – während sie gegen die Slowaken eine Form von beweglichem Stehfußball praktizierten, mussten sich die Italiener gegen die Spanier die Hacken ablaufen. Ein Sieg gegen Deutschland, so viel ist mal sicher, wäre für ganz Italien der Anfang eines SommermärchensCredi alle fiabe e vivrai fiabe, trovando quella scritta solo per te.

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