richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

EM 2016: Viertelfinale 1 – POL : POR

EM-2016-VF-1

Gedanken zum Viertelfinale der Europameisterschaft in Frankreich 2016

POLEN : PORTUGAL 1:1   3:5 n. E.

Ojemine. Portugal hat nun auch den Effizienzfußball für sich entdeckt. Viele Jahre lang spielte die Selecao einen wunderbaren Offensivfußball, ja, die goldenen Generation, rund um Figo, Conceição oder Rui Costa, verzückte Fans und Fußballgourmets auf der ganzen Welt. Aber wie so oft, wenn eine Mannschaft ›für die Galerie spielt‹, bleiben die Resultate aus. Die bitterste Niederlage für die portugiesische Nationalmannschaft (und für den schönen Fußball selbst) war die Finalniederlage bei der Heim-EM gegen die Antithese des Offensivfußballs Griechenland. Damals zeichnete sich am Horizont bereits ab, dass spielschwache Teams erst gar nicht versuchen würden, in Zukunft spielerisch besser zu werden, sondern vielmehr Mittel und Wege suchten, um das Offensivspiel der Gegner mit einer disziplinierten und geordneten Defensivtaktik zu neutralisieren. Die Auswüchse können wir nun bei jeder Europa- oder Weltmeisterschaft beobachten – interessanterweise sind es vor allem die europäischen Mannschaften, die vergessen haben, worum es in erster Linie geht: schönen Fußball zu spielen. Falls Sie nicht meiner Meinung sind, gut, dann dürfen Sie sich auch nicht wundern, wenn eine Partie wie Kroatien : Portugal nicht die Ausnahme, sondern die Regel in zukünftigen Bewerben darstellen wird. Man muss sich dann freilich fragen, warum überhaupt noch Turniere abgehalten werden sollen, wenn Mannschaften einfach aufhören, Fußball zu spielen. Früher einmal – es mag lange her sein – als noch nicht Millionen- und Milliardenbeträge die Seele des Fußballs aufgefressen haben, wollten die Spieler am Rasen in erster Linie nur eines machen, die Fans nur eines sehen: Tore! Außerhalb Europas ist dies tatsächlich noch der Fall – jedenfalls so lange, bis ein europäischer Trainer das kontrollierte Defensivsystem einführt und damit den Spielern jede offensive Spielfreude nimmt. Kurz, wenn es nur noch um Ergebnisorientierung und -verwaltung geht, wenn also die wichtigste Nebensache der Welt mit dem seelenlosen Händlergeist durchsetzt ist, was bleibt dann noch?

Das erste Viertelfinalspiel dieser EM zwischen Polen und Portugal hatte wenig zu bieten. Es fehlte die Dramatik – weil keine der beiden Mannschaften den Sieg während der 90 bzw. 120 Minuten mit allen spielerisch-kämpferischen Mitteln erzwingen wollte. So musste am Ende – wieder einmal – das Elfmeterschießen herhalten, in dem Portugal das glücklichere Ende für sich hatte. Wird sich Portugal im Halbfinale an ihre alten Tugenden erinnern und endlich Fußball spielen? Ich bezweifle es. Für Ronaldo & Co steht zu viel auf dem Spiel. Vor zwölf Jahren wurde der Selecao mit griechisch-grottigem Defensivkick der Europameistertitel entrissen. Es wäre demnach ausgleichende Gerechtigkeit, würden sich nun die Portugiesen den Titel mit lähmenden Schlafwagenfußball zurückholen. Aber man möchte sich gar nicht erst vorstellen, welche Botschaft damit in die weite Fußballwelt gesendet werden würde.

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