richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

343 Stufen den Wiener Stephansdom hinauf und wieder hinunter

steffl_stufen

Manchmal verschlägt es mich am Morgen zum Wiener Stephansplatz. Dann bleibt nichts anderes übrig als im Schanigarten einer Wiener Kaffeehauskette einen Verlängerten zu schlürfen und dazu eine Topfengolatsche zu verputzen. Wenn man Glück hat, ergattert man ein Plätzchen mit Sicht auf den Steffl. Herz, was willst du mehr? Gegen 10 Uhr wird es dann freilich ein wenig unangenehm, weil Touristenschwärme summen und zirpen. Aber bis dahin hat man wohl schon in sein Tagebuch gekritzelt und ist bereit, für neue Abenteuer. Und weil ich noch nie den Südturm bestiegen habe, dachte ich mir, dass es nun an der Zeit sei. Gesagt, getan.

Für €4,50 darf man nicht nur 343 Stufen hinauf- und hinuntersteigen, sondern erhält als Bonus einen beachtlichen Drehwurm. Als ich gerade die ersten Stufen nehmen wollte, kam mir ein asiatisches Touristenpärchen entgegen – beiden waren ziemlich gezeichnet vom Abstieg. Die junge Frau schien mir in einer besseren Verfassung zu sein als der junge Mann, der scheinbar dem Hergott dankte, wieder zu ebener Erd gehen zu können. Ja, die enge Wendeltreppe ist kein Zuckerschlecken, da büßt man schon ordentlich Kalorien ein. Der „Gegenverkehr“ gestaltete sich aber nicht so schlimm wie anfänglich befürchtet – der eine drückt sich an die Mauer, der andere schiebt sich vorbei. Easy.

Das Glocken- und das Turmzimmer sind schon die Anstrengung wert. Mit dem Aufzug kann ja heutzutage jeder fahren. Aber 343 Stufen zu erklimmen, das hat schon durchaus etwas Gottergebenes. Vergessen wir nicht, dass bereits vor über einem halben Jahrtausend hier Menschen auf- und abgelaufen sind. Später sollte hier die Pummerin (türkische Kanonen!) bis 1945 ihren Platz finden – kaum zu glauben, wie man diese 20 Tonnen schwere Glocke damals durch halb Wien bewegen und in rund 60 Meter Höhe befestigen konnte. In den Nachtstunden hat der Turmwächter im Turmzimmer nach einem möglichen Feuer Ausschau gehalten und gegebenenfalls Alarm geschlagen. Ja, Feuer war seit jeher die größte Gefahr in einer von Wehranlagen eingegrenzten und dicht an dicht gebauten mittelalterlichen Stadt. The Great Fire of London, im Jahr 1666, zeigt, wie schnell ganze Häuserzeilen in Schutt und Asche übergehen können – im Tagebuch von Samuel Pepys ist dieses Großfeuer in aller emotionaler Deutlichkeit beschrieben.

Ja, manchmal braucht es ein Feuer. Ein inneres, versteht sich. Dieses innere Feuer – ist es göttlicher Natur? – wird am Ende all die bösen und dunklen Gedanken verbrennen, die einen plagen. Gerade in einer Zeit, in der man an einer Weggabelung steht, braucht es 343 Stufen und einen Drehwurm, um zu verstehen, worum es im Leben wirklich geht. Bedenken wir, dass der Stephansdom, in all seiner Größe, in all seiner Detailverliebtheit, vor über 500 Jahren Stein für Stein gebaut wurde. Unglaublich, dünkt es einen. Und doch hat der Mensch dieses unglaubliche Werk vollbracht. Daran soll man ermessen, wozu der Mensch – so er gemeinsam mit Gleichgesinnten an der Zukunft schmiedet – fähig ist. Ja, das sollte wir niemals vergessen.

2 Antworten zu “343 Stufen den Wiener Stephansdom hinauf und wieder hinunter

  1. kunstfenster Freitag, 30 September, 2016 um 10:14

    Ich stehe auch an einer Weggabelung, Noch vor kurzem dachte ich, ich wäre schon in die eine oder andere Richtung…eingebogen, und hätte den richtigen Weg gefunden. Der Turmaufstieg, ja, der muss es in sich haben, hinunter vielleicht noch schlimmer, kenne das nur von einen der Türme der Sagrada Familia in Barcelona. Ist ein schöner Vergleich der Weggabelung und den Gedanken die einen auch schwindlig machen, Mir ist tatsächlich auch ohne Schnecken Treppen schwindlig, es ist schön zu wissen, dass es anderen auch so ergehen kann, wie einem selbst, auch wenn mans niemandem wünscht. „Sentimentale Poprock Fahrt“: Youtube https://www.youtube.com/watch?v=rUkJNQPuGQA
    Danke für diesen sehr schönen Bericht aus einem deiner Vormittage in Wien. Liebe Grüße
    Ali
    Ps. Gestern bis zum Odeon geschafft, aber dann zu müde für Vortrag,

    • Richard K. Breuer Sonntag, 2 Oktober, 2016 um 7:26

      Halleluja, das Ringelspiel im Wohnzimmer ist ja nicht von schlechten Eltern. Vielleicht wird man ja vom „im Kreis drehen“ nicht nur schwindlig, sondern auch high? Erinnert mich jetzt an diese tanzenden Derwische in ihren Röcken, die geben ordentlich Gas.

      Die Wendeltreppe der Sagrada Familia in Barcelona habe ich auch schon bestiegen. Aber die ist ja eine Gefahr für Leib und Seele, die letzten Stockwerke geht’s an der Seite gaaanz tief nach unten. Da hab ich mir ein bisserl ins Hoserl gemacht. Da sieht man wieder, im Spanien des 20. Jahrunderts war man vermutlich mehr gottergeben als in Wien des späten Mittelalters.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: