richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Das Ende der Qualitätszeitung ist nah

Es gab eine Zeit, als der Leser eine Qualitätszeitung als Leuchtfeuer für Wahrheit und Freiheit gesehen hat. Doch diese Epoche geht nun dem Ende zu.

standard_conspiracy

Der Standard, Album A3, 11.Februar 2017

 

Dank dem allwissenden und nicht so leicht vergessen könnenden Internet vermutet der aufgeklärte Bürger, dass hinter dem gedruckten Zeitungspapier eine Redaktion steht, die von einem Management ausgesucht und ausgewählt wurde, um eine ‚von oben‘ vorgegebene politisch-wirtschaftliche Richtung (Agenda) umzusetzen. Mit anderen Worten, eine Zeitung (besser: Medienkonzern) wird niemals bereit sein, sich mit einer unangenehmen Wahrheit auseinanderzusetzen, die der Agenda widersprechen könnte. Vielmehr wird die Redaktion alles tun, um den Leser in seiner Unwissenheit (besser: konditionierten Wissensblase) gefangen zu halten. Was wir Qualitätsjournalismus nennen, ist heutzutage nur eine intelligentere Ausprägung der Propaganda, deren Aufgabe es ist, die breite Masse zu formen und zu führen. Diesbezüglich ist es Aufschlussreich, das Buch Propaganda von Edward Bernays, Sigmund Freuds Neffe, zu kennen. Darin macht sich der in den USA lebende Bernays bereits in den 1920er Jahren Gedanken darüber, wie eine gebildete Elite die öffentliche Meinung steuern könne und müsse:

»Wie immer man auch darüber denken mag, es bleibt eine Tatsache, dass wir in so gut wie allen Aspekten unseres Lebens, sei es in politischen oder wirtschaftlichen Angelegenheiten, sei es in unserem Sozialverhalten oder in unserem Moralverständnis, von einer relativ kleinen Gruppe dominiert werden, welche die Denkvorgänge und die sozialen Verhaltensmuster der Masse verstehen. Diese Gruppe ist es, die die Fäden zieht, welche die öffentliche Meinung steuern, diese Gruppe ist es, die sich alte gesellschaftliche Zwänge nutzbar macht und neue Wege findet, um die Welt zusammenzuhalten und zu führen.«

Im Album der Wochenendausgabe Der Standard schreibt der Kulturwissenschafter Wolfgang Müller-Funk über die Magie der Weltverschwörungsnarrative. Nach Lektüre des Eassays habe ich mich gefragt, ob der Autor tatsächlich eine so begrenzte und naive Sicht auf die Dinge hat – oder ob er am Ende dem Leser nur etwas vorgaukelt, ihnen etwas vormacht? Sind all die Journalisten, Chefredakteure und Ressortleiter tatsächlich so ahnungslos, wie sie immer schreiben – oder stellen sie sich einfach nur dumm und erhalten dafür Schweigegeld? Der damalige FAZ-Mitherausgeber Paul Sethe erkannte bereits 1957 die Zeichen an der Wand:

»Ich habe [dort] über unabhängige Presse gesprochen und die These vertreten, daß der Dämon des Geldverdienens nicht nur den bürgerlichen Idealismus im allgemeinen, sondern auch die Wahrheitsliebe der Presse zu zerstören begonnen habe und sie schließlich völlig zerstören werde.«

Der aufgeklärte Medienkonsument erlangt nun in einem langsamen und sicherlich schmerzlichen Prozess zur Erkenntnis, dass er von seiner geliebten Qualitätszeitung hinters Licht geführt wird, ja, dass er (und damit die Gesellschaft) seit Jahr und Tag von dieser verraten und verkauft wurde!

Die Elite in den Führungsetagen weiß natürlich längst, dass der Verlust an Glaubwürdigkeit das Ende des (teuren) Qualitätsjournalismus einläutet. Aber sollte es mit der Konditionierung/Einschüchterung* der einen und der Verdummung der anderen so weitergehen, dann muss sich die Elite in Zukunft nur noch um gute Unterhaltungsprogramme Gedanken machen.

»Es gab eine ganze Reihe von Abteilungen [im Ministerium für Wahrheit], die wertlose
Zeitungen produzierten, die nur Sport, Verbrechen und Horoskope enthielten.«
1984
George Orwell

—-

*) »Andererseits ist es zweifelhaft, ob das offizielle Narrativ [eines vergangenen Ereignisses] kontrolliert werden kann, auch wenn diesem Vorhaben beinahe unlimitierte Ressourcen zur Verfügung gestellt werden.« // »Still it’s doubtful wheter memory can be controlled, even when almost unlimited resources are devoted to this goal«, Ofri Illany, Netanyahu Proved That Even the Holocaust Isn’t a Consensus in Israel, Haaretz (29.10.2015) – meine Übersetzung.

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Eine Antwort zu “Das Ende der Qualitätszeitung ist nah

  1. Leser (PM) Mittwoch, 15 Februar, 2017 um 7:36

    So isses. Und wenn man dann noch in Rechnung stellt, dass nur fünf bestimmende Presseagenturen einen Großteil aller Nachrichten über den Erdball jagen und dass acht Medienhäuser mehr Finanzvolumen aufweisen als das gesamte restliche Kleinvieh, dann könnte man sich ja mal hinsetzen und sich überlegen, wie es um Meinungsfreiheit und Meinungsvielfalt wirklich bestellt ist.

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