richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Notwendige Gedanken zur Epoche ‚WhatsApp‘

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Ich habe mich sehr lange gegen ein SmartPhone gewehrt, aber die weltlichen Umstände – immer sind es diese, die Ungläubige zum Glauben bringen – ließen mir keine andere Wahl. Seit mehreren Monaten trage ich also ein elektronisches Schweizermesser mit mir herum. Und wahrlich, es spielt alle Stücke und die ganze Klaviatur. In meiner Kindheit, in meiner Jugend, ich hätte alles für so ein Wunderding gegeben. Man stelle sich vor, es gab zu meiner Zeit, in meiner Epoche, öffentliche Telefonzellen auf der Straße und gerade einmal zwei TV-Kanäle für den gefühlt ne Tonne wiegenden Röhrenapparat – später traute ich meinen Augen nicht, als Telekabel in Testgebieten eine Hand voll ausländischer TV-Sender in die Wohnzimmer zauberte. Die „digitale“ Kommunikation lief damals über fest angeschlossene (Viertel-)Telefone der Post – heutzutage kennt man das Ganze unter dem Begriff „Festnetz“ – und die behördlichen Auflagen waren ziemlich streng. Damals verärgerte mich diese Einschränkung – kein Wunder also, wenn ich Anfang der 1990er Jahre ein in Österreich nicht zu habendes US-Schnurlostelefon (samt Anrufbeantworter) bei mir zu Hause „installierte“. Ja, wer damals auf moderne Technik setzen wollte, musste gehörig viel Geld, Geduld und Mut mitbringen. Wahrlich, diese gelebte Vergangenheit fühlt sich wie eine längst vergangene Epoche an, die – so kommt es einem vor – bereits in der Bibel beschrieben ist.

Ich frage mich, ob wir uns als Gesellschaft überhaupt Gedanken machen, was diese revolutionäre Kommunikationstechnologie mit uns und unseren Kindern anstellt? Auch wenn es kein Politiker und Kaufmann gerne hören möchte, aber es gibt da draußen sehr wohl kritische Stimmen bezüglich der Über-Digitalisierung unserer Lebens- und Gehirnwelt. Gehirnforscher Manfred Spitzer ist einer der Kritiker. Aber wirklich Gehör wird ihm nicht geschenkt. Lokalpolitiker brüsten sich viel eher damit, Kindergärten mit Tablets auszurüsten – weil, man möchte ja nicht hinterherhinken, als Gesellschaft, als Staat und ganz vorne in der Job-Liga mitspielen. Von den möglichen negativen Auswirkungen dieser Geräte auf alte und junge Gehirne (und Seelen), davon will niemand etwas wissen und später gewusst haben. Nothing new under the sun.

Was ich nun bemerke, wenn ich mir so mein hübsches SmartPhone angucke, dann ist es diese absolute Erreichbarkeit. Kann man oder frau überhaupt abschalten? Der Punkt ist, dass einem das schlechte und unangenehme Gewissen sofort übermannen oder überfrauen würde, würde man das Telefon – ohne triftigen Grund – für eine Weile stumm schalten. Man stelle sich vor, man versäumte einen lebenswichtigen Anruf – im Positiven wie im Negativen. Es mag unwahrscheinlich sein, leider ist es aber niemals auszuschließen. Und mit dieser (sehr geringen) Wahrscheinlichkeit machen Kaufleute und Politiker ihre Geschäfte. Schlag nach bei der Hai-Phobie, die erst ein Kinofilm (der den Begriff Blockbuster miterfand) in den späten 1970ern auslöste. Davor dachte kein Tourist, der ans Meer reiste, ernsthaft über (zuschnappende) Haie nach.

Wie dem auch sei, diese absolute Erreichbarkeit gepaart mit dem (Herdentier-)Wunsch, zu einer Gruppe zu gehören – schließlich will der Mensch von seinesgleichen anerkannt, akzeptiert und geliebt werden – zwingt den Einzelnen förmlich in eine virtuell-digitale Kommunikationswelt. Für all jene, die nicht mit beiden Beinen fest am Boden stehen, sozusagen geerdet sind – stellt diese virtuelle Gruppenkommunikation eine besondere Belastung dar. Wird die jüngere Generation lernen, diese Herausforderung zu meistern? Natürlich. Genauso wie die Menschheit die Einführung und Verbreitung des Telefons verarbeitet hat. Aber ich fühle instinktiv, dass mit jedem neuen technologischen Schritt ein Teil unseres Mensch-Seins verloren geht. Vielleicht beißt sich hier die Katze in den Schwanz. Vielleicht sehnen wir uns innerlich und unbewusst nach mehr Mensch-Sein und gehen davon aus, es mit jeder Einführung einer neuen Technologie erreichen zu können. Tatsächlich aber ist genau das Gegenteil der Fall.

Wird demnach in ferner Zukunft die Gesellschaft von seelenlosen Smombies heimgesucht werden? Eine gute Frage, die ich leider nicht beantworten kann, ich muss jetzt mal WhatsApp und facebook checken …

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10 Antworten zu “Notwendige Gedanken zur Epoche ‚WhatsApp‘

  1. Reinhard Rausch Mittwoch, 22 März, 2017 um 14:25

    Lieber Richie, warte erst ab wenn du deinen ersten kleinen Roboterhund in deiner Wohnung trainierst und pflegst und deine gechipte Milchpackung wenn sie leer ist im Online-Shop die Bestellung für dich aufgibt. Dann bist du auf dem Technik-Toplevel 🙂

    lg
    Reinhard

  2. Wortman Mittwoch, 22 März, 2017 um 21:27

    Wenn es dich beruhigt, ich habe auch erst seit einem halben Jahr ein Smartphone 😉

  3. zip Donnerstag, 23 März, 2017 um 20:02

    Dem Spitzer wurde nicht nur „nicht Gehör geschenkt“, der ist für seine Thesen regelrecht durch die Medien geprügelt worden.

    Eine weitere vernachlässigte Größe der „revolutionären Kommunikationstechnologie“ ist, dass immer mehr Daten über uns anfallen, über die wir keine Verfügung mehr haben, die aber andere „Interessensgruppen“ sehr gerne für uns einsammeln.

    • Richard K. Breuer Donnerstag, 23 März, 2017 um 22:29

      Wer die moderne Technologie mit kritischen Augen sieht, ist der neue Ketzer. Der virtuelle Scheiterhaufen, aufgerichtet durch Medien und Interessensgruppen, hat schon so manches Opfer gefordert. Ähnliches geschieht ja auch in der „Wissenschaft“ und in der „Medizin“, wo viele „Wissenschaftler“ mit dem (Fördergeld-)Strom schwimmen und es kaum einer mehr wagt, am Mainstream-Narrativ zu rütteln.

      Also, mich würde ja brennend interessieren, wie groß die „Harddisk“ der Datensammler so ist. Ich schätze, die Antwort würde mein kleines Gehirn gar nicht verarbeiten können 😉

    • Richard K. Breuer Samstag, 25 März, 2017 um 8:57

      Der (engl.) Wiki-Eintrag hinkt seiner Zeit ziemlich hinterher. Im Jahr 2013 schätzte Forbes, dass die Speicherkapazität zw. 3 and 12 exabytes liegen würde.

      „Five exabytes, as it happens, is equivalent to all words ever spoken by humans since the dawn of time.“

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