‚Finis Germania‘, ‚Vergesst Auschwitz!‘ und ‚Der Treppenwitz der Geschichte‘

Broder-Sieferle

Conclusio für den eiligen Leser: Rolf Peter Sieferles Buch Finis Germania ist eine Empfehlung. Mit Einschränkung. Henryk M. Broders Vergesst Ausschwitz! eine Zumutung. Ohne Wenn und Aber.

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Alles beginnt damit, dass ein Spiegel-Redakteur das posthum erschienene Büchlein des deutschen Historikers Rolf Peter Sieferle mit dem recht pessimistischen Titel Finis Germania der breiten Leserschaft empfiehlt. Das wiederum stößt einigen anderen Kollegen der journalistischen Zunft säuerlich auf, weshalb das Buch wieder von der Empfehlungsliste verschwindet. Dieses Verschwinden lassen – ein Zaubertrick unserer Zeit  – erweckte aber in manchem Medienkonsument den Eindruck der blanken Zensur, weshalb diese „Auslese“ damit begründet wird, dass das Buch rechtsradikal, antisemitisch und geschichtsrevisionistisch sowie eine völkische Angstfantasie sei.

Dieser Sturm im medialen Mainstream-Wasserglas hat mich freilich neugierig gemacht. Kurz und gut, ich musste mir das Büchlein (beim Verlag) bestellen. Wie es der Zufall wollte, fiel mir zur gleichen Zeit das Buch Vergesst Auschwitz: Der deutsche Erinnerungswahn und die Endlösung der Israel-Frage von Henryk M. Broder in die Hände. Der Titel zog mich magisch an. Wie kann es sein, fragte ich mich, dass ein deutscher Autor in einem deutschen Verlag solch einen provokanten Titel aufs Buchcover bringen konnte. In meinen Ohren klingt diese Aufforderung rechtsradikal, antisemitisch und geschichtsrevisionistisch. Skandal dürfte es trotzdem keinen ausgelöst haben. Warum eigentlich nicht? In Deutschland gibt es den Paragraf 130 im Strafgesetzbuch, die Volksverhetzung. Nach Absatz 3 wird mit Haft bis zu fünf Jahren bestraft, wer den deutschen Massenmord an Juden billigt, leugnet oder verharmlost. Bereits 1994 urteilte das Bundesverfassungsgericht, dass die grundgesetzlich geschützte Meinungsfreiheit hier nicht zähle. Wer den Holocaust leugne, behaupte eine erwiesen unwahre Tatsache – und äußere keine Meinung oder Wertung.

Es ist eine dieser Ironien, dass Historiker Sieferle in eine ähnliche Kerbe schlägt wie Publizist Broder, obwohl beide Bücher unterschiedlicher nicht sein könnten. Das eine ist zuweilen intellektuell und akademisch, also einschläfernd, das andere marktschreierisch und populär, also ohrenbetäubend. »Die Deutschen«, heißt es auf der Umschlagseite des Broder-Buches großspurig, »leiden an Hitler wie an Schuppenflechte. Aus dem Versuch, sich gegen die eigene Geschichte zu immunisieren, ist eine Autoimmunkrankheit geworden.« Allerhand, finden Sie nicht?

Sieferle geht im Kapitel Der ewige Nazi soweit, festzustellen, dass ‚Auschwitz‘ zum »Inbegriff einer singulären und untilgbaren Schuld« geworden ist und es deshalb keine Erlösung, keine Errettung geben kann. Der Deutsche, wenn man so will, ist ein ewiger Gefangener der Erbschuld und somit unfrei. Am Ende, resümiert der Autor pessimistisch bis zum Anschlag, steht das Verschwinden der Deutschen bzw. des Deutschtums. Übrig bleibt dann eine Masse abstrakter „Menschen“ (die Anführungszeichen sind im Buch so angegeben; man kann sich demnach vorstellen, dass Sieferle davon ausgegangen ist, dass diesen „Menschen“ nichts mehr menschliches anhaften wird).

Folgt man Sieferles Gedankengängen, glaubt man tatsächlich an die kommende Gotterdämmerung. Doch halt! Henryk M. Broder ist zur Stelle und will mit dieser untilgbaren Schuld aufräumen. Klingt es nicht zu gut, um  wahr zu sein? In der Tat gibt es einen klitzekleinen Haken. Die Erbschuld würde er den Deutschen schon nehmen, dieser Broder, dafür müssten sie Stein und Bein schwören, für Israel in die Bresche zu springen, in schlechten wie in guten Zeiten, und Kritik an Israels Außen- wie Innenpolitik als Antisemitismus abstrafen. Ach, schlägt man sich mit der flachen Hand an die Stirn, deshalb darf Broder schreiben, was er schreibt und wird nicht der Verharmlosung des Massenmords belangt. Man stelle sich vor, ein Autor würde sich in dieser religiös anmutenden Angelegenheit nicht für Israel, sondern für Germania aussprechen. Der gute Sieferle war nahe dran, dürfte aber in seinem Alterspessimismus so verfangen gewesen sein, dass er den Sturz seines Volkes in die Tiefe für unausweichlich hielt. Finis Germania. Der Letzte mache bitteschön das Licht aus oder bestelle den Garten. Cela est bien dit, répondit Candide, mais il faut cultiver notre jardin.

Ehrlich gesagt, Historiker Sieferle und sein letztes Büchlein sind eine große Enttäuschung. Ich habe nicht den Eindruck, dass er in dieser so wichtigen Angelegenheit über den Tellerrand geguckt hatte. In einem Vakuum mögen seine Gedanken und Überlegungen seine Richtigkeit haben, aber als Historiker hätte er doch wissen müssen, dass die Geschichte ein Zusammenspiel vieler, sehr vieler Faktoren ist. Allein Norman Finkelsteins (lt. Broder übrigens ein Antisemit) Mainstream-Buch The Holocaust-Industry hätte Sieferle Anstoß genug sein können, um zu bemerken, dass es bei jedem Sachverhalt ein cui bono? gibt. Er hätte sich an John Stuart Mills On Liberty (1859) halten können. Darin, so Finkelstein in einer Lecture, gehe Mill davon aus, dass die Wahrheit, die unterdrückt werden würde, früher oder später ans Licht komme, einfach weil die Zeit reif dafür ist. Die sog. presumption of infallability, also die Anmaßung, sich für unfehlbar zu halten, wenn es um Standpunkte in einer Debatte geht, möchte ich als Gedankenanreiz einwerfen.

Mag sein, dass der Akademiker Sieferle den britisch-deutschen Autodidakt der Geschichte William Lewis Hertslet ignorierte, aber dessen Buch Der Treppenwitz der Geschichte: Geschichtliche Irrtümer, Entstellungen und Erfindungen (Leipzig, 1905) hätte ihm angezeigt, dass auch die volkstümlichsten Mythen, die sich ins kollektive Bewusstsein der Masse förmlich eingegraben haben, aufgedeckt und entlarvt werden können. Freilich, es braucht seine Zeit. So zitiert Hertslet einen Kollegen wie folgt:

»[…] je erregter die Zeiten, je größer die Ereignisse, je bestrittener die Entscheidungen sind, um die es sich handelt, desto weniger werden die Mitlebenden, die Mithandelnden von dem, was geschehen ist, wenn der Ausdruck erlaubt ist, achromatische Sehbilder [Anm: als eine Fotografie zu verstehen] zu geben im stande sein; erst allmählich wird die Beruhigung der Gemüter, die Klärung der Meinung, die größere Weite der Auffassung eintreten, deren es zur fachgemäßen Darlegung des Geschehenen bedarf.« (Droysen, Geschichte des Hellenismus II, S. 376)

An anderer Stelle schreibt Hertslet:

»Ebenso haben die Menschen das Bedürfnis, nachzuweisen, daß derjenige, welcher in einem Kampfe den Sieg davongetragen, auch der wäre, dem man den Sieg hätte wünschen müssen (›die Weltgeschichte ist das Weltgericht‹); sie stellen sich somit bei der Lehre von dem survival of the fittest, dem Überleben des Passendsten, immer auf den sittlichen Standpunkt. Ihrem Herzen macht dies alle Ehre, ihrem Kopfe sehr wenig. […] Auch muß nach ihnen, selbst wenn Völker mit einander gerungen, immer das tugendhaftere den Sieg davon getragen haben; das ist durchaus falsch. Die langweiligen Völker siegen mit ihren greulichen Quäleinrichtungen: die Spartaner, die Römer, dieses urlangweilige Volk, kurz, die, bei denen das einzige, was des Lebens wert ist, die freie und schöne Entfaltung der Persönlichkeit, in großem Maßstab unterdrückt und verhindert wird. Freilich bei den meisten ist nichts zu entfalten. Der „Fabrikware der Natur“ ist das kein Bedürfnis; ihr liegt mehr an Vervielfältigung der Persönlichkeit, und deren Folgen sind die Armut und der Krieg.« (S. 16)

So bleibt für mich unbegreiflich, wie ein kluger Kopf all die Indizien einer bewusst herbeigeführten Mythenbildung übersehen haben kann. Man muss schon recht schwerhörig sein, will man nichts von Edward Bernay – dem Doppelneffen Sigmund Freuds – und seinem äußerst aufschlussreichen Werk Propaganda aus dem Jahr 1928 gehört haben. Dessen Schwager Murray Bernays wiederum war der geistige Vater des Internationalen Militärtribunals in Nürnberg, das Harlan Fisk Stone, Richter am Obersten Gerichtshof, als „high grade lynching party“ bezeichnete. Und dann gäbe es da noch die angloamerikanischen Abteilungen der Psychologischen Kriegsführung, die nach 1945 alle Hebel in Bewegung setzten, die Deutschen zu entnazifizieren und die Saat für die American way of life-Kultur (der Wiener Reiseschriftsteller Colin Ross nannte es noch in den 1930er Jahren: Ballyhoo-Kultur nach dem ersten amerikanischen Gossip-Magazin) zu säen. Im Jahre 1946, ein Jahr nach Ende der Kampfhandlungen, schreibt Robert McClure von der Information Control Division (ICD) in Deutschland:

»Wir kontrollieren nun 37 Zeitungen, 6 Radiostationen, 314 Theater, 642 Kinos, 101 Magazine, 237 Buchverlage, 7 384 Buchhändler und Druckereien, und führen rund 15 Meinungsumfragen pro Monat durch, weiters geben wir eine Zeitung mit einer Auflage von 1,5 Millionen und 3 Magazine heraus, wir führen die Associated Press of Germany (DANA) und leiten 20 Zentralbibliotheken. Die Unternehmung ist enorm.«

Über die (globale) Kulturrevolution in den 1960ern, die Friede, Freude und Eierkuchen versprach, aber am Ende noch mehr blutige Konflikte, noch mehr too big to fail-Konzernkonglomerate, noch mehr Vereinzelungen, noch mehr Süchte und noch mehr Verdummung in die Welt gebracht hat, und m. E. ganz im Sinne Edward Bernays von der gebildeten Oberschicht (the intelligent few) in Gang gesetzt wurde, dürfte Sieferle genausowenig gewusst oder geahnt haben. Es ist jene Epoche, in der die Würfel für die Erbschuld fallen, weil eine junge deutsche Nachkriegsgeneration willig gemacht wird, die von Alliierter Seite vorgeworfene Schuld ihrer Väter auf sich zu nehmen – ohne zu ahnen, dass sie in eine Falle gelockt und vom Teufel um ihre Seelen (und der aller Nachfolgegenerationen) gebracht werden würden. Bedenken wir, dass Westdeutschland seinerzeit ein besetztes Land war und noch heute auf einen Friedensvertrag wartet.

Würde man all diese losen Fäden zusammenführen, der aufgeklärte Bürger müsste stutzig werden. Doch weder das Zusammenführen noch das Stutzig werden ist gesetzlich erlaubt und steht unter Strafe, da die Obrigkeit davon ausgeht, dass man damit den Tätern »eine Wiederholung der Naziherrschaft« erleichtern würde.

Die Türwächter und Gatekeeper, hüben wie drüben, sorgen deshalb dafür, dass kein Historiker die vorgegebenen Pfade verlässt, dass kein Bürger falsche Götzen anbetet und den wahren Gott ableugnet. Der gute Denis Diderot musste noch 1749 ins Gefängnis, weil er es wagte, in einem Aufsatz über die Unmöglichkeit des Gottesbeweises zu fabulieren. Warum Sieferle gegen Ende seines Lebens die moderne Inquisition nicht mit klaren Worten zur Diskussion gestellt hat, ist mir ein Rätsel. Er hätte ja nichts mehr zu verlieren gehabt – und was gibt es Bewundernswerteres als gegen die Repressionen des Ersten Standes im Ancien Régime mit aufklärerischen Worten – ganz im Sinne der Enzyklopädisten – anzuschreiben? Statt dessen zeichnete er in seinen Aufsätzen ein dunkles Zukunftsbild und deutete zwischen den Zeilen an, dass es wohl keinen Sinn mehr machen würde, in den Ablauf einzugreifen. Der tiefe Fall des Ikarus ist unausweichlich, weil es in der europäischen Geistesgeschichte nun möglich ist, dass »dreihundert Jahre Erkenntniskritik von einer historischen Offenbarung dementiert« werden kann (vgl. George Orwells Doublethink in seinem Roman 1984).

Ein wenig hege ich die Befürchtung, dass dieser Sturm im medialen Mainstream-Wasserglas nicht zufällig geschah. Finis Germania bringt den aufgeklärten und hoffnungsfrohen Bürger nämlich kein Stück weiter. Im Gegenteil. Es macht ihn seufzend. Trotzdem will ich nicht zu hart mit Sieferle und seinem letzten Werk ins Gericht gehen. Immerhin hat es mich zu diesem Beitrag inspiriert. Und wer weiß, vielleicht gibt es da draußen noch den einen oder anderen Leser, der, ebenfalls vom Geistesblitz getroffen, Überlegungen anstellt und dabei seinen eigenen Verstand benutzt. Immanuel Kant wäre sicherlich stolz. Oder hat man ihn und seine Bücher bereits auf den Index gesetzt? Aus Gründen.

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