Denkverbote #0: Reden wir darüber

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Die gemeinsten Meinungen und was jedermann für ausgemacht hält,
verdient oft am meisten untersucht zu werden.

Georg Christoph Lichtenberg (1742-99)
erster Professor der Experimentalphysik

Begibt man sich als skeptischer Zeitgenosse auf eine Reise zum Mittelpunkt der Wahrheit, dann begegnet einem auf dem Weg eine Reihe von Denkverboten. Gewiss, diese Verbote werden für gewöhnlich nicht direkt ausgesprochen und zielen auch nicht auf das Denken selbst ab – noch darf und kann man denken, was man will. Aber wehe, man brächte ketzerischen Gedanken zur Sprache oder aufs Papier, trüge diese auf Händen in die Öffentlichkeit. Mit einmal würde das Gesagte oder Geschriebene oder Gezeichnete auf die goldene Waagschale gelegt. Maßstäbe, die vor Gericht ‚offenkundige Tatsachen‘, im Alltag ‚Allgemeinwissen‘ heißen, werden angelegt. Urteile werden gefällt, mediale Pranger aufgestellt, Bücher verbrannt und Scheiterhaufen entzündet. Der Ungläubige hat abzuschwören und vor den erbosten Richtern einzugestehen, auf dem falschen Weg gewandelt zu sein. Weigert er sich – sei es aus Prinzip, sei es aus gekränktem Stolz – ist seine Existenz keinen Pfifferling mehr wert. Nach Verbüßen der ihm auferlegten Strafe wird er zum Paria erklärt und stirbt eines einsamen Todes. Wer sich dieser modern-kafkaesken Hexenverfolgung nicht ausliefern möchte, muss schweigen und vergessen lernen. Vielleicht, seufzt der Frevler in einem melancholischen Moment, hätte ich besser die ketzerischen Gedanken nie gedacht.

Während in dunklen Zeiten, so heißt es, Religion und Kirche die absolute Wahrheit für sich in Anspruch genommen haben, ist es in der Moderne die Wissenschaft. Was „wissenschaftlich erwiesen“ ist, ist wahr. Punktum. Stellt man das „Bewiesene“ in Frage, möchte man herausfinden, wie und von wem dieser „Beweis“ in welchen Umständen mit welchem Geld gefunden bzw. festgelegt wurde und sieht darin eine verborgene Agenda des Establishments, der Cabal, rüttelt man gefährlich an einem festgeschriebenen Welt- und Glaubensbild.

Woher wissen wir, was wir wissen?

Ist es wirklich so, dass die Mehrheit, also die Masse der Gelehrten und die Masse der Dummschwätzer, immer Recht haben und niemals irren? Könnte es nicht auch sein, dass eine „bewiesene Tatsache“, ein festgelegtes Weltbild, einfach nur jene Hypothese ist, auf die sich gebildete und gut vernetzte Meinungsmacher in Politik und Medien – Edward Bernays intelligent few – geeinigt haben und die mittels gesellschaftlicher Einflussnahme – social engineering – in die Köpfe der gewöhnlichen Menschen verankert wurde und wird?

Würden wir in einer Gesellschaft ohne Denkverbote leben, könnte jedermann jedes Thema jederzeit zur Diskussion stellen und seine Meinung darüber kundtun. Medienhäuser würden Antworten zu offenen Fragen einfordern und alternative Theorien sachlich und seriös – ohne Vorurteil – präsentieren. Wissenschaftler und Gelehrte dürften endlich Untersuchungen anstellen und diese in Publikumsverlagen publizieren, ohne dafür diffamiert und ihrer beruflichen Existenz beraubt zu werden. Lehrer würden Schüler endlich über die zwei Seiten einer Medaille aufklären können. Universitäten wären wieder ein Hort der Diskussion und freien Meinungsäußerung, nicht der Indoktrinierung und der Totschlagargumente.

Und wenn alle anderen die Lüge, die die Partei verbreitete, akzeptierten – wenn alle Aufzeichnungen das Gleiche erzählten -, dann ging die Lüge in die Geschichte ein und wurde Wahrheit.
George Orwell, 1984

Diese Serie macht sich zur Aufgabe, Themen zur Sprache zu bringen und mit Anmerkungen zu versehen, die einem Denkverbot unterliegen, um Bürgern Mut zu machen, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen. Eine zweite Aufklärung tut in diesen Zeiten dringend Not.

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2 Kommentare zu „Denkverbote #0: Reden wir darüber“

  1. Einspruch! Es ist nicht die Wissenschaft, es sind Personen, die ihre Ansichten als wissenschaftlich bezeichnen, häufig ohne peer review oder im selbstreferenziellen Zitierkreis. Nicht alles, was Wissenschaft genannt wird, ist es auch.

    1. Öster.-britischer Physiker Thomas Gold (1920-2004), Professor in Harvard und Cornell schreibt:

      Whenever the established ideas are accepted uncritically, but conflicting new evidence is brushed aside and not reported because it does not fit, then that particular science is in deep trouble – and it has happened quite often in the historical past. If we look over the history of science, there are very long periods when the uncritical acceptance of the established ideas was a real hindrance to the pursuit of the new. Our period is not going to be all that different in that respect, I regret to say.

      The peer review system, which we regard as the only fair way we know of to distribute money (I do not think it is, but it is generally thought to be) is an absolute disaster. It is a completely unstable method. It is completely prone to this tendency; there is no getting out of it. The more reviews you require for a proposal – now the NSF requires seven reviewers for a proposal – the more you require, the more certain it is that you will follow the statistical tendency dictated by this principle. If you had noise in the situation, it would be much better. There used to be in the United States many different agencies, and there was perhaps an odd-ball over here who gave out some money for one agency, and a funny fellow over there for another. This was a noisy situation, and it was not driving quite as hard towards unanimity. But now we have it all streamlined and know exactly to whom we have to go for a particular subject and, of course, it is an absolute disaster.

      https://web.archive.org/web/20060216044535/http://www.suppressedscience.net/inertiaofscientificthought.html

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