Denkverbote #8: Soziale Experimente in Europa

In der Tagesschau vom 20. Februar d. J. durfte sich Yascha Mounk Sorgen um den Fortbestand der Demokratie machen. Der 36-jährige Mounk, der in Deutschland geboren und aufgewachsen, nun amerikanischer Staatsbürger ist, doziert in Harvard (lecturer), ist ein Fellow des German Marshall Fund (Transatlantic Academy) sowie der New America Foundation und kann sich mit Fug und Recht als Weltbürger bezeichnen: Er spricht vier Sprachen fließend, verbringt jedes Jahr Zeit in Italien und lebt in New York City. Sein letztes BuchThe People vs. Democracy: Why Our Freedom Is in Danger and How to Save It“ ist dieses Jahres im Verlag der Harvard Uni erschienen und dürfte wohl mit ein Grund der ARD-Redaktion gewesen sein, ihn einzuladen.

Auf die Frage der Moderatorin, warum das Grundvertrauen in die etablierte Politik zurückgegangen sei, brachte Mounk drei Gründe vor. Einer davon ist, nun ja, ne Binsenweisheit und der andere macht den Boten zum Schuldigen:

die wirtschaftliche Stagnation;
das Internet, wo „Wut und Ärger gebündelt“ würden.

Doch der letzte der drei Gründe landet punktgenau im Ziel. So führt Mounk aus,

„dass wir hier (Deutschland/Europa) ein historisch einzigartiges Experiment wagen und zwar eine mono-ethische mono-kulturelle Demokratie in eine multi-ethnische zu verwandeln. Das kann klappen, das wird, glaube ich auch, klappen, aber dabei kommt es natürlich auch zu vielen Verwerfungen.“

Was meinen Sie? Ist es nun erlaubt über dieses Experiment völlig frei zu befinden und die guten wie die schlechten Auswirkungen öffentlich zu skizzieren? Darf die Bevölkerung sich für oder gegen das Experiment aussprechen – immerhin, falls die Chose nicht klappen sollte, ist es die breite Masse, die die Suppe auslöffeln wird müssen.

Oder ist bereits das Zitieren von Mounks Worten verboten, weil es auf ein extremistisch-spekulatives Gedankengut hinweist, das eine rechte Gefahr für jede Demokratie darstellt?

Doch was verstehen wir, was versteht Mounk überhaupt unter Demokratie? Ist beispielsweise die Wahl von Donald Trump nun eine Krise oder ein Erfolg der Demokratie? Laut Mounk, wie wir in seinem Buch lesen können, bedeutet es eine Krise:

Donald Trump’s election to the White House has been the most striking manifestation of democracy’s crisis. (p.2)

Auf der anderen Seite gibt es Wissenschaftler, die zeigen, dass es mit der Demokratie nicht weit her ist. Warum der gute Mounk nicht bei seinem Harvard-Kollegen Prof. Michael J. Klarman angeklopft hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Im Gegensatz zu Mounk spricht Klarman nämlich davon, dass die amerikanische Verfassung vorrangig eine Absicherung der damaligen besitzenden Elite gewesen sei, die niemals die Absicht hatte, das Volk am politisch-wirtschaftlichen Prozess demokratisch teilhaben zu lassen. Wer sich demnach „Sorgen um die Demokratie“ macht, weil das Volk gegen den politischen Status Quo aufbegehrt, macht sich eigentlich Sorgen um die Elite. Vielleicht erklärt sich auf diese Weise Mounks Verwendung des Wortes „wir“. Ich gehe mal nicht davon aus, dass die Harvard University bei diesem „historischen Experiment“ die Finger im Spiel hat. Andererseits, wenn ich so darüber nachdenke … *

Der deutsche emeritierter Prof. Rainer Mausfeld zitiert in einem Interview Prof. Klarman und spricht mit schonungsloser Offenheit über politische Machtverhältnisse in Zeiten eines grenzenlosen Globalisierungswettkampfes. Man kann nur Vermutungen anstellen, warum ein junger deutsch-amerikanischer Harvard-Dozent die Gelegenheit bekommt, seine Sicht auf die Dinge darzulegen und nicht ein etablierter konservativer, nun im Ruhestand befindlichen Professor der Universität Kiel? Vielleicht weil letzterer das bestehende ARD/ZDF-Weltbild gehörig ins Wanken bringen würde? Faites vos jeux.

Im Jahr 1911 unternahm Stefan Zweig eine Reise nach Amerika. In einem Aufsatz erzählt er von seinem Opernbesuch in der New Yorker Met. Auf dem Programm stand die Oper Parsifal von Richard Wagner. In der Pause der Aufführung stellt Stefan Zweig Beobachtungen an und notiert diese:

»Dazwischen ein, zwei rührende Gespräche. Es sind viele Deutsche da, und die sind wirklich ergreifend in ihrer schönen Freude, endlich wieder Musik, deutschen Gesang, gehört zu haben. »Ich bin von Philadelphia hergekommen und fahre noch heute Nacht zurück, morgen früh ist wieder office«, höre ich einen sagen. Er ist ein junger Bursche, blond, und still, wohl noch nicht lange von Deutschland herübergekommen. Denen ist’s wirklich ein Fest, ein Weihespiel; den Wenigen, die förmlich frieren nach Musik in diesem Land, das die Geräusche taub gemacht haben für die Musik. Sie fahren Nächte durch, um ein paar Stunden Wagner zu haben, der ihnen Deutschland ist, sie sparen – ich sah es an ihrer Kleidung – den letzten Dollar, um ‚Parsifal‘ erleben zu dürfen: wirklich ergreifend war mir der Glanz von Freude auf dem blonden Gesicht. Denn die Deutschen haben drüben keine andere Heimat als ihre Musik. Wie sie dankbar sind, wie beglückt, diese Verbannten, wenn sie für ein paar Stunden – und sei’s auch dank einem listigen Betrug – in dem edelsten Werk unserer Zeit ihre Ferne vergessen dürfen, wie sie aus dankbaren Augen strahlten, da die fromme Schwinge dieses einzigen Werkes einem Engel gleich sie hinübertrug in die verlorene Welt. Nie habe ich mehr gefühlt, als an diesem beglänzten Blick inmitten snobistischem Yankeetreiben, wie viel Wagner für Deutschland bedeutet, wie sehr es selbst Deutschland, höchstes, eindringlichstes Symbol seiner Nation und seiner Zeit.« [Stefan Zweig, Parsifal in New York, entn. Auf Reisen, Fischer, 2004; S. 145f.]

Warum ich diese Passage zitiere? Weil es Dinge gibt, die Professoren von Elite-Universitäten nicht im Ansatz begreifen werden können. Sie verstehen nicht, dass es Musik gibt, die mehr ist als nur Musik. Für all diese snobistischen Yankeetreiber stellt diese besondere musikalische Symbolik eine Gefahr für ihr einzigartiges historisches Experiment dar. Deshalb muss diese besondere Verbundenheit aus den Köpfen der Menschen getilgt werden. Mit allen Mitteln. Die Zukunftsvision, wie sie in diesen elitären seelenlosen Denkfabriken angedacht wird, hüben wie drüben, ist eine Kakofonie, die keinem Menschen mehr Heimat ist.

—-

* Da fällt mir ein, dass einer ihrer Absolventen, Walter Lippmann (1889-1974) seinerzeit der Meinung war, dass nur eine »spezialisierte Klasse … verantwortlicher Männer« befähigt wäre, die »verwirrte Herde« zu führen. Und war da nicht auch ein Harvard Professor namens Samuel P. Huntington (1927-2008) der mit seiner „Kampf der Kulturen“-These für, nun ja, neue Denkansätze sorgte? Ein sehr guter Freund von ihm und ebenfalls Harvard-Professor war ein gewisser Zbigniew Brzezinski (1928-2017). Mit Henry Kissinger (1923) wurde das intellektuelle Triumvirat von Harvard komplett. Ich würde sagen, dass diese drei Professoren die damalige politische Welt auf eine Weise geformt haben, deren Auswirkungen wir heute leben. Aber das ist eine andere Geschichte.

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