Wien, im März 1938: Wirtschaftswunder vs. Totenüberschuss

Heute vor 80 Jahren wurde der Anschluss Österreichs mit dem damaligen Deutschen Reich vollzogen. Folgerichtig gibt es allerlei Hintergrundberichte und Dokumentationen, Zeitungsartikel und Rückschauen. Doch was erfährt der gewöhnliche Bürger von diesem Damals, das so unendlich lang zurückzuliegen scheint? Am Ende, gestehen wir es uns ein, dient die heutige, morgige und übermorgige Auseinandersetzung nur dazu, die ewig gleichen Erklärungen wieder und wieder unter das Volk zu bringen. Die ewig gleichen Fragen werden gestellt. Die ewig gleichen Antworten werden gegeben. Möchte man sich des geschichtlichen Themas von der sogenannten Maschekseite nähern, also abseits des geradlinigen Weges, der vorgegeben ist, stolpert man durch ein Dickicht spitzer, feindseliger Dornen. Es ist, als hätte es einen Voltaire, einen Kant, einen Orwell, einen Solschenizyn nie gegeben.

Wirtschaftswunder vs. Totenüberschuss

Möchte man beispielsweise Näheres über die deutsche Wirtschaftspolitik in den 1930ern in Erfahrung bringen, läuft man Gefahr, in die rechte Dornenhecke gestoßen zu werden. Dabei wäre es von unschätzbarem Informationswert, würde man wissen, warum die Deutschen ein Wirtschaftswunder hatten und der Rest der Welt, inklusive dem kleinen Österreich und dem großen Amerika, nicht. Die lapidare Antwort darauf war und ist immer: „Rüstungsindustrie“. Will man sich mit dieser Antwort nicht zufrieden geben, muss man schon weite Wege gehen, um alternative Sichtweisen zu finden. In diesem Fall ist es ein Amerikaner mit chinesischen Wurzeln, der sich getraut, in der asiatischen Zeitung Asia Times Online einen Artikel zu publizieren, der sich mit dem Damals beschäftigt.

Miracle_1933-1
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Der sprechende Titel: Nazism and the German Economic Miracle. Kurz und gut, der Autor meint, dass es vom Staat garantierte Kredite und staatliche Vollbeschäftigungsprogramme gewesen seien, die das Wunder (und die spätere Wiederaufrüstung*) möglich machten. Das Deutsche Reich sagte sich vom internationalen Geld- und Kapitalmarkt los und führte das bilaterale Tauschsystem ein (das alle Beteiligten zufrieden und alle Unbeteiligten in New York und London mürrisch machen sollte).

Falls diese Analyse zutrifft – sie kann freilich völlig falsch sein – würde man dann nicht einige unbequeme Überlegungen anstellen müssen? Es gilt nebenbei zu bedenken, dass Österreich im Jahr 1935 einen Totenüberschuss zu verzeichnen hatte, während es im Deutschen Reich eine bemerkenswerte Entwicklung gab und 30 % mehr Kinder geboren wurden als noch 1933. Sagt der österreichische Bevölkerungs-Spiegel aus dem Jahr 1936.

Was ich damit sagen will? Vielleicht, dass man im Nachhinein immer schlauer ist.

***

Sir James Goldsmith, der sich vom raubtierkapitalistischen Saulus zum globalisierungsfeindlichen Paulus wandelte, sprach in einer Rede vor dem US Senat am 15. November 1994 die folgenden prophetischen Worte:

»Wir [Unternehmer] haben alles gemacht, was in einem sozialen Sinne falsch war: Wir haben die Menschen vom Land entwurzelt, wir haben sie förmlich aus ihrer Umgebung herausgerissen, wir haben sie in Städte abgeschoben, wir haben ihnen keine Jobs gegeben, dafür Ghettos und das Sub-Proletariat geschaffen; die Verbrechensrate ging genauso hinauf wie die Drogenabhängigkeit, während die Familien auseinanderfielen – und all das in Zeiten einer extremen Hochkonjunktur. Warum? Weil wir nur an wirtschaftlichen Kennzahlen interessiert waren. Wir vergaßen, dass der Zweck von Wirtschaft nicht jener sein sollte, ständig Kennzahlen zu verbessern, sondern der Zweck von Wirtschaft ist vielmehr, den Wohlstand zu erhöhen, sowie soziale Stabilität und gesellschaftliche Zufriedenheit zu gewährleisten. Und [das Freihandelsabkommen] GATT [heute: TTIP] ist ein typisches Wirtschaftsinstrument um die Profite der Unternehmen zu steigern. Das Ergebnis wird die Zerstörung der gesellschaftlichen Stabilität sein, das weitere Auseinanderbrechen der Familien, erhöhte Kriminalität und Verarmung und all die anderen Krankheiten, an denen wir heute leiden.« [meine Übersetzung]

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*) »Germany’s economic recovery, which was complete by 1936, did not rest on rearmament; it was caused mainly by lavish expenditure on public works, particularly on motor roads, and this public spending stimulated private spending also, as [British economist John Maynard] Keynes had said it would. … while nearly everyone else in Europe expected a great war, Hitler was the one man who neither expected nor planned for it.«
– A. J. P. Taylor, From Sarajevo to Potsdam (Harcourt Brace Jovanovich, 1975), p. 140.

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