WM 2018: Tag #2 – Die Ronaldo-Festspiele

Ägypten : Uruguay 0:1
Marokko : Iran 0:1
Portugal : Spanien 3:3 [FIFA TV]

Gedanken zu den Spielen.

Ägypten : Uruguay 0:1

Ägypten gegen den Gruppe-A-Favorit Uruguay war eine ziemliche laue Angelegenheit. Die Herren aus Südamerika agierten recht behäbig, vertrauten wohl zu sehr auf ihr Überdrüber-Sturm-Duo Suarez und Cavani – aber ohne die passenden Zuspiele können auch solche Wunderkinder des Fußballs keine Tore herbeizaubern. Und weil Suarez seine beiden guten Möglichkeiten ungewohnter Weise nicht nutzen konnte und Cavanis Schüsse nicht platziert genug waren, musste knapp vor Ende eine Standardsituation und ein Innenverteidiger den nicht unverdienten Sieg für Uruguay retten. Ägypten zeigte passable Fußball – aber die Nervosität verursachte eine Reihe von Abspielfehlern und vor dem gegnerischen Strafraum gingen ihnen die Ideen aus. Gut möglich, dass der verletzte ägyptische Superstürmer Salah die routinierte Abwehr um Godin mehr beschäftigen hätte können, aber schlussendlich ist Fußball immer noch ein Teamsport. Alles in allem hat Uruguay seine Aufgabe staubtrocken erfüllt. Steigern werden sie sich in der Gruppenphase wohl nicht mehr müssen. Im nächsten Spiel können sie im Schongang gegen die Saudis ihren Aufstieg fixieren und im letzten Spiel, gegen den Gastgeber, wenn es für sie um nichts mehr geht, sogar die B-Mannschaft auflaufen lassen. Kurz und gut, für das Team von Uruguay geht die Weltmeisterschaft wohl erst im Achtelfinale los. Und Ägypten? Da fällt mir jetzt nicht mehr viel ein.

Marokko : Iran 0:1

In den ersten zwanzig Minuten des Spiels der Außenseiter in Gruppe B musste man schon befürchten, die Marokkaner würden die Iraner mit Haut und Haar fressen und keine Gefangenen machen. Ungestüm, fast schon brachial, mit dem Messer in den Zähnen, liefen sie gegen das iranische Tor. Aber Übermut schießt nun mal keine Tore und erzwingen kann man Siege für gewöhnlich nicht. Und so kommt wie es kommen muss. Die Iraner fanden dann doch noch zurück ins Spiel. Und spätestens nach dem einen oder anderen gefährlich vorgetragenen iranischen Konter – die sie freilich sehr leichtfertig vergaben – zeigten auch die Marokkaner Nerven. Die Folge waren Fehlpässe hüben wie drüben. Aber es war trotzdem ein gefälliges, weil emotional aufgeheiztes Spiel. Das wollen wir sehen, nicht? Die Entscheidung fiel schließlich in den letzten Minuten der Nachspielzeit. Freistoß für den Iran. Flanke in den Strafraum. Der eingewechselte marokkanische Stürmer möchte mit einem Flughechtkopfball klären und köpft, tja, wuchtig ins eigene Tor. Da musste man schon Mitleid haben, mit den Spielern und Fans aus Nordafrika. Beherzt haben sie gespielt und freie Räume haben sie sich immer wieder erarbeitet, aber zumeist durch schlampige und überhastete Pässe bzw. Flanken wieder hergeschenkt. Schade. Die Niederlage wird den Marokkanern sicherlich einen ordentlichen Dämpfer versetzen. Diese aus dem Kopf zu bekommen, wenn es im entscheidenden nächsten Spiel gegen den 1.FC Ronaldo geht, ist sicherlich keine leichte Aufgabe für den Trainerstab. Das Team aus Iran – wie schon bei der letzten Weltmeisterschaft, wo man dem späteren Vizeweltmeister Argentinien beinahe ein Unentschieden abgetrotzt hätte – weiß, wie man Beton anrührt und das Spiel des Gegners zerstört. Aber diese Strategie funktioniert nur so lange, so lange „die Null hinten steht“. Bekommen sie ein Tor, sind sie gezwungen, das Spiel zu machen und ihre Defensive aufzugeben. Dann ist freilich Schluss mit lustig, und wenn die Unordnung einsetzt, droht eine peinliche Packung. Die Fehlpässe, die sie sich die Iraner gegen Marokko geleistet haben, können gegen Neu-Tikitaka-Spanien böse ins Auge und ins Tor gehen. Aber Tore sind ja bekanntlich das Salz in der WM-Suppe, sozusagen.

Portugal : Spanien 3:3

Schlapperlot. Das war mal ein ordentlicher Krimi zur besten Sendezeit. Portugal geht durch einen Elfmeter – der gefoulte Ronaldo schießt selbst – früh in Führung und bringt damit die Spanier völlig aus dem Konzept. Aber mit der Zeit bekommt Iniesta & Co Oberwasser, sie werden selbstsicherer und spulen ihre Tikitaka-Ball-Zirkulationsroutine ab. Gottlob müssen sie ein Tor aufholen, deshalb suchen sie immer wieder den direkten Weg zum Tor. Sehenswert der Ausgleich durch Diego Costa. Die routinierte portugiesische Hintermannschaft agiert dabei auf Schülerliganiveau. Wer hätte das gedacht? Dann, knapp vor Halbzeit, nimmt sich Ronaldo ein Herz und schießt vom 16er den Ball in Richtung Tor. DeGea „schüttet sich an“ (O-Ton ORF) und lässt den Ball ins Tor. Als spanischer Fan musste man sich die Haare raufen. Gottlob hatte auch Diego Costa seinen großen Tag und staubt zehn Minuten nach Wiederbeginn der 2. Hälfte kaltblütig ab. Ausgleich. Minuten später ein Volley von Nacho. Der Schuss ist wie ein Strich und dürfte Überschallgeschwindigkeit erreicht haben. Führung! Und wenn es einen Alptraum gibt – für Zuseher und gegnerische Mannschaft – dann ist es, wenn das spanische Team in Führung liegt. Die Folge: Der Ball wird in den eigenen Reihen hin- und hergeschoben. Man wähnte sich in einer iberischen Trainingseinheit. Die Portugiesen konnten einem zu diesem Zeitpunkt Leid tun. Die Spanier ließen sie oftmals ins Leere fahren, spielten praktisch „Hösche“ mit ihnen und verwalteten auf ihre gewohnt einschläfernde Weise den knappen Vorsprung. Aber dann, Minuten vor dem Ende, wie aus dem Nichts, fällt Ronaldo nach Attacke von Pique an der Strafraumgrenze. Freistoß! Ronaldo! Tor! Respekt. Der Mann ist wahrlich ein Phänomen. Knapp vor Abpfiff hatte er sogar noch eine Kopfballchance. Man stelle sich vor …

Mit den Spaniern ist zu rechnen – und wenn sie Blut lecken und ihr Extrem-Pressing aufziehen, können sie jeden Gegner schlagen. Diego Costa ist vielleicht die lang ersehnte neue Nummer 9. Der Europameister aus Portugal wiederum steigt und fällt mit seiner Nummer 7 – kurz, Portugal ist das Salah-Ägypten Europas, wenn man so will. Im Gegensatz dazu, können Argentinien und Brasilien einen möglichen Ausfall ihres Superstars (Messi, Neymar) sicherlich besser wegstecken. Es reicht ein Blick auf die Kader-Liste der beiden Mannschaften, um zu verstehen, was ich meine. Als Offensivoption, beispielsweise, muss Portugal auf einen bereits in die Jahre gekommenen Quaresma (34 Jahre) zurückgreifen. Und die Verteidiger rund um Pepe (35 Jahre) dürften ihre beste Zeit längst hinter sich haben. Ja, bei Portugal muss sich die Mannschaft steigern, will sie nicht sang- und klanglos ausscheiden. Andererseits, wie wir bei der letzten Europameisterschaft gesehen haben, kann man auch ohne siegreich zu sein mit einem Titel nach Hause fahren. Eiserne Nerven beim Elfmeterschießen vorausgesetzt.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s