WM 2018: Tag #3 – Elfmeterinflation

Frankreich : Australien 2:1
Argentinien : Island 1:1
Peru : Dänemark 0:1
Kroatien : Nigeria 2:0

Gedanken zu den Spielen.

Frankreich : Australien 2:1

Seltsam. Jedes Mal, wenn ich die Socceroos bei  bei Weltmeisterschaften gesehen habe, dann musste ich ihnen Respekt zollen. Weil sie auch gegen übermächtige Gegner beherzt kämpften und sich niemals aufgaben. Verloren haben sie am Ende dann trotz alledem, vielleicht weil das Glück ein Vogerl und der Fußballgott gar nicht weiß, wo Australien überhaupt zu finden ist, auf dem Erdenball. Beim heutigen Spiel gegen Vize-Europameister Frankreich sah es lange so aus, als würden sich die Australier mit Pressing und gutem Defensiv-Stellungsspiel ein Unentschieden erarbeiten. Hin und wieder drangen sie sogar gefährlich in den Strafraum der Deschampes-Mannen ein, es fehlte aber an der notwendigen Durchschlagskraft. Der Führungstreffer der Franzosen – skurril – fiel durch einen Elfmeter, der verspätet gepfiffen wurde – dem Videoschiedsrichter sei Dank, wurde das Foul an Griezmann doch noch geahndet. Der Gefoulte selbst verwertete den Strafstoß mustergültig und beinahe aus dem Stand. Respekt. Der Ausgleichstreffer nicht weniger kurios, erfolgte Minuten später. Verteidiger Umtiti glaubte, eine Flanke, die in den französischen Strafraum flog, mit der Hand wegfausten zu müssten. Eigentümlich, dieses Blackout, das freilich einen Elfmeter zur Folge hatte, der – ebenfalls – mustergültig verwertet wurde. Somit war das kurze Feuer der Franzosen erloschen. Erst mit der Hereingabe von Giroud in der 70. Minute änderte sich das Bild, wurden Les Bleus gefährlicher. Es war schließlich die wohl einzige sehenswerte und gelungene Kombination der Franzosen im ganzen Spiel, die zum – glücklichen – Siegestreffer führte – zehn Minuten vor dem Ende. Der Schuss von Pogba wurde auf eine Weise abgefälscht, die dem gegnerischen Torhüter keine Chance ließ. Ein Lattenpendler. Dank Torlinientechnologie wurde das Tor als Tor erkannt. Auch schon was. Die Franzosen dürfen sich also bei der gegenwärtigen Technologie bedanken, dass sie am Ende doch noch als Sieger vom Platz gingen. Wie so oft, fehlt es an einen kreativen Ideen- und Taktgeber. Pogba kann diese Rolle wohl (noch) nicht ausfüllen. Alternativen? Schulterzucken. Was bleibt ist die Hoffnung, dass es am Ende doch irgendwie reicht, zu einem Treffer, zu einem Sieg. Von den Werten auf dem Papier ist jeder französische Spieler in der Lage, ein Spiel zu entscheiden. Aber Papier ist geduldig und die Wahrheit liegt auf dem Platz. Binsenweisheiten werden nie alt, ich weiß. Ansonsten hatte ich lange Zeit den Eindruck, französische junge Burschen würden gegen australische Männer spielen. Die einen verspielt, unschlüssig, nervös, die anderen konsequent, hart, zielstrebig. Ja, Les Bleus werden wohl in diesem Turnier noch reifen müssen, wollen sie weit kommen.

Argentinien : Island 1:1

Ojemine. Halleluja. Das kleine Island ist und bleibt eines der unglaublichsten Phänomene im Fußball. Bei der letzten Europameisterschaft ist es zum ersten Mal in Erscheinung getreten und hat dafür gesorgt, dass Englands Team im Achtelfinale ausschied und für eine Weile als Witzfigur verlacht werden durfte. Die süffisanten und zynisch-bitteren Kommentare in der britischen Presse musste man  gelesen haben, da blieb kein Auge trocken. Mit dem heutigen Spiel ist Island wohl endgültig im internationalen Fußball angekommen. Ihr Defensivleistung, ihr Pressing, ihre Laufarbeit, ihr robustes Dagegenhalten und ein Übermaß an Selbstsicherheit rechtfertigen dieses Unentschieden. Freilich, sieht man sich den Ballbesitz an – etwa 80 % für die Himmelblauen – müsste man meinen, es wäre ein Trainingsspiel in Buenos Aires gewesen. Abgesehen von diesem undurchdringlichen Abwehrriegel, haben die Isländer aber immer wieder gezeigt, dass sie auch gewillt waren, ihr Glück in der Offensive zu suchen. Nach dem Führungstreffer der Argentinier in der 18. Minute haben die Isländer den Druck und die Gangart erhöht. Und siehe da, fünf Minuten später staubt ein Isländer – sträflich allein gelassen im argentinischen Strafraum – trocken ab. Im Spiel gab es sogar noch die eine oder andere gute Chance für Island, aber man merkte, dass sie mit dem Unentschieden zufrieden waren. Mehr wollten sie wohl nicht. Dass Messi einen Elfmeter leichtfertig vergab – zu unplatziert, zu unscharf, eine leichte Übung für den isländischen Torhüter – ist natürlich für argentinische Fans eine Katastrophe. Aber die Fußballshow muss weitergehen. Im nächsten Spiel geht es gegen Kroatien, die eine offensivere, sozusagen südländischere Spielart auf den Rasen legen. Gegen Beton anrührende Mannschaften kann scheinbar auch kein Messi, kein Aguero Wunder wirken. Unverständlich hingegen deren Spielkonzept. Obwohl sie wussten, dass sie es mit einer kompakten Abwehrmauer zu tun bekommen werden, hatten sie scheinbar kein Rezept in der Tasche. Die Schuld sehe ich hier beim Trainerstab. Und brauchte es wirklich zwei defensiv eingestellte Mittelfeldspieler von Beginn an (Mascherano und Biglia)? Musste man wirklich Higuain und Dybala auf der Ersatzbank schmoren lassen – während Di Maria ein schwaches Spiel ablieferte. Jetzt verstehe ich wenigstens, warum sich Argentinien erst im letzten Spiel gerade noch für diese WM qualifizieren konnte. Aber am Ende muss eine Mannschaft nicht überragend spielen, um ins Finale einer WM einziehen zu können. Nur das Ergebnis, das muss stimmen. Vielleicht sind es am Ende nicht zwei verlorene Punkte gegen Island, sondern ein gewonnener. Man darf gespannt sein, wie sich Kroatien und Nigeria gegen das noch selbstbewusster gewordene Team aus dem hohen Norden schlagen wird. Spannung ist garantiert. Aber eines hat die letzte Europameisterschaft gezeigt. Wenn den Isländern die Puste ausgeht, dann zerbröckelt der Abwehrriegel ziemlich schnell. Für die Gruppenphase sollte die Kondition schon reichen. Davon ist auszugehen.

Peru : Dänemark 0:1

Endlich mal ein Spiel nach meinem Geschmack. Die Peruaner können einem freilich Leid tun. Herzerfrischend gespielt, alles versucht, am Ende gehen die Dänen siegreich vom Feld. Chancen gab es hüben wie drüben – aber die Nordmänner, die nach rund einer Stunde in Führung gingen, hatten von da an freilich viel Platz in ihrem Offensivspiel, liefen doch die Südamerikaner einem Tor hinterher. Und wie sie das taten. Ich hätt‘ ihnen schon einen Punkt vergönnt. Ähnlich erging es ja im ersten Gruppenspiel auch Underdog Australien gegen Favorit Frankreich: unglücklich verloren. Aber so ist das, in der Fußballwelt und im wahren Leben: es wird einem halt nichts geschenkt. Nebenbei bemerkt scheiterte der Peruaner Cueva an seinen Nerven (und nicht wie Messi am Goalie) und knallte den Strafstoß recht kläglich übers Tor. Tragisch. Nicht nur für peruanische Fans. Hätte er verwandelt, hätten die Dänen „aufmachen“ müssen und wären offen gewesen für peruanische Konter – sicherlich eine Spezialität der Südamerikaner. So oder so, die Begegnung hatte den Charakter einer K.O.-Spiels. Noch in den letzten Minuten sind die Südamerikaner gegen die Dänen angelaufen. In der nächsten Begegnung treffen die Peruaner ausgerechnet auf Franzosen, die enttäuschten und nun einiges gut zu machen haben. Ja, sie werden sich beweisen müssen, wollen sie weiterhin zum Favoritenkreis gehören. Im Stillen drücke ich den Peruanern die Daumen, aber eine wirkliche Chance werden sie kaum haben. Es sei denn, die berühmt-berüchtigte französische Frustration setzt in den nächsten Tagen ein und lähmt Kopf und Beine. Die Dänen wiederum haben ihr Plansoll erreicht, ohne dabei zu Glänzen. Ich würde sagen, sie haben brav gespielt. Im Besonderen ist wohl die Defensivleistung herauszustreichen. Die Offensive ist so lala – Wunderwuzzi und Torgarant Eriksen ließ sogar zwei Sitzer aus. Sehr fahrlässig. Wenn also in der Gruppe C alles nach Plan läuft, können Dänemark und Frankreich bereits im zweiten Gruppenspiel alles klar machen und ihren Aufstieg fixieren. Gähn. Das will freilich keiner, non?

Kroatien : Nigeria 2:0

Aha. Auch im letzten der heutigen vier Spiele gab es einen Elfmeter. Ziemlich inflationär. Modric verwandelte in der 70. Minute souverän, stellte damit auf 2:0 und damit war das Spiel so gut wie gelaufen. Vielleicht war es das schon in der 32. Minute, als nach einem Gestocher im Strafraum der Ball von Etebo ins eigene Tor abgelenkt wurde. Von da an hatte man nicht das Gefühl, dass die Kroaten das Spiel aus der Hand geben würden. Und die Nigerianer waren zwar bemüht, aber harmlos. Es fehlte an Ideen und Kreativität, an Spielwitz und Spielfreude. Der deutsch-französische Trainer Gernot Rohr hat der jungen afrikanischen Mannschaft zwar Disziplin und Stellungsspiel beigebracht, aber ihnen dafür die Lust am Fußballspielen genommen. Wirklich schade. Weil wir Zuschauer bei einer WM vor allem das Exotische, das Andere sehen und erleben wollen. Gewiss, gegen die Kroaten hätte auch ein entfesseltes Nigeria keinen Stich respektive Tor gemacht. Die Routine von Modric, Rakitic & Co ist beachtlich und für jeden Gegner regelrecht erdrückend. In ein paar Jahren ist natürlich die goldene Generation Kroatiens Geschichte. Dann wird sich die Mannschaft neu erfinden müssen. Aber noch ist es nicht soweit. Noch kann sich diese Generation ins Rampenlicht dieser WM spielen. Die Qualität haben sie jedenfalls, um ein angezähltes Argentinien zu schlagen. Einzig, die Angst vor ihrer eigenen Courage kann sie dahingehend aus der siegreichen Bahn werfen. Gegen ein schwaches Nigeria haben die Kroaten viel Laufarbeit, viel Defensivarbeit geleistet und das Offensivspiel recht schnörkellos betrieben. Ein Glück, dass dieses Match nicht noch später angepfiffen worden ist, sonst wären mir nach dem zweiten Tor die Augen zugefallen.

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