WM 2018: Tag #4 – Mexikanische Traumtänzer

Costa Rica : Serbien 0:1
Deutschland : Mexiko 0:1
Brasilien : Schweiz 1:1

Gedanken zu den Spielen.

Costa Rica : Serbien 0:1

Costa Rica war die Überraschungsmannschaft bei der WM 2014. Der Überraschungseffekt hat sich zwischenzeitlich natürlich aufgebraucht und jünger sind die Spieler auch nicht geworden. Der Statistik nach stellen sie nun die älteste Mannschaft des Turniers. Sieht man von den ersten Spielminuten einmal ab, haben sich aber beide Mannschaften mit der Laufarbeit zurückgehalten. Recht behäbig wirkte oftmals das Spiel beider Teams. Die Serben hatten jedenfalls das Glück des Tüchtigen. 56. Minute. Freistoß. Kolarov nimmt Maß und zirkelt den Ball ins Kreuzeck. Ein wirklich sehenswertes Tor, das sich hinter Ronaldos Freistoßtor gegen Spanien nicht zu verstecken braucht. Das war’s dann aber auch schon. Costa Rica konnte nicht zusetzen, brachte die serbische Defensive kein einziges Mal in Verlegenheit. Auf der anderen Seite vergaben die Serben ihre Konterchancen grob fahrlässig. Ich denke, Costa Rica hatte vor vier Jahren mit dem Viertelfinaleinzug den Zenit vulgo Plafond erreicht. Jetzt heißt es, der Realität ins Gesicht zu blicken und zu akzeptieren, dass es bei dieser WM nichts zu holen gibt. Könnte ich mich irren? Könnten sie wie der Phönix aus der Asche emporsteigen und … Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Ich hoffe, dass ich mich mit meiner Einschätzung irre. Aber im nächsten Spiel geht es gegen Brasilianer, die sich liebend gerne ihren Frust von der Seele schießen möchten. Ein wenig kann einem da schon Angst und Bang für Costa Rica werden – es sei denn, Neymar & Co laufen kopflos ins zentralamerikanische Messer. Und die Serben? Sie müssen jetzt „nur“ die Eidgenossen in einem slawisch-albanischen Bruderduell schlagen und schon stehen sie im Achtelfinale. Was für eine Chance für den Balkan!

Deutschland : Mexiko 0:1

Wow. Diesmal gab es zwei Spiele zum Preis von einem. Die erste Hälfte zeigte Mexiko einen Tempofußball von einem anderen Stern, führte die deutsche Elf vor und hätte wohl das eine oder andere Tor mehr erzielen müssen. Diese verflixte südländische Schlampigkeit – oder war’s Verspieltheit? – vor dem gegnerischen Tor konnte einen schon zur Verzweiflung bringen. Nichtsdestotrotz, das Spiel der Mexikaner erinnerte an die denkwürdige Achtelfinalpartie zwischen Deutschland und Algerien bei der WM 2014. Auch damals zeigten die Algerier, wie man mit Tempo und einem unwiderstehlichen Antritt eine deutsche Abwehr (nicht jedoch Manuel Neuer) ins Schwimmen bringen konnte. Die erste Halbzeit gehörte jedenfalls den Mexikanern, die unwiderstehlich in die freien Räume sprinteten. Die Deutschen waren viel zu behäbig, zumeist ideen- und konzeptlos. Sie dürften sich ein ganz anderes Spiel erwartet haben und wurden ziemlich sicher am falschen Fuß erwischt. In der zweiten Halbzeit zeigte sich hingegen ein ganz anderes Bild. Die Mexikaner zogen sich zurück, lauerten nur noch auf Konterchancen – die sich natürlich ergaben, aber auch da diese mexikanische Nachlässigkeit im Verwerten. Zum Haare raufen für die einen, große Erleichterung für die anderen. Die deutsche Weltmeisterelf konnte nun endlich ihr Powerplay vor dem gegnerischen Tor aufziehen. Die Defensivleistung der Mexikaner war recht beachtlich und doch lag der Ausgleich in der Luft. Trainer Osorio dürfte cojones aus Kruppstahl in der Hose haben, anders ist seine Anweisung, 45 lange Spielminuten gegen den amtierenden Weltmeister zu mauern, nicht zu verstehen. Vielleicht sah er auch voraus, dass die Löw-Maschine nach den verpatzten Vorbereitungsspielen (Saudi Arabien und Österreich!) gehörig stotterte. Im Interview sprach dies Mats Hummels durch die Blume auch an. Sorgen muss man sich aber noch keine für den Weltmeister machen. Zum einen werden es die Mexikaner gegen staubtrocken agierende Nordmänner aus Schweden und quirlige südkoreanische Stehaufmännchen schwerer haben, ihr Konterspiel aufzuziehen, zum anderen haben sich die deutschen Mannschaften in der Vergangenheit schon öfters an den eigenen Haaren aus dem Sumpf gezogen. Nebenbei bemerkt rächt es sich jetzt vielleicht doch, einen Tempo-Dribblanski wie Leroy Sané zu Hause gelassen, dafür Stehfußballer wie Müller oder Özil mitgenommen zu haben. Aber im Nachhinein ist man freilich immer klüger.

Brasilien : Schweiz 1:1

In den ersten Minuten der Begegnung hielten die Schweizer das Spiel offen, wirkten bemüht und entschlossen. Aber dieses eidgenössische Feuerwerk verpuffte alsbald, die Ehrfurcht vor Fußballweltmacht Brasilien war dann doch zu groß und Neymar & Co konnten das Heft in die Hand nehmen. Die schnell vorgetragenen Vorstöße auf das Schweizer Tor zeigten, was in dieser Mannschaft steckt. Zwanzig Minuten nach dem Anpfiff ist es Coutinho, der außerhalb des Strafraums Maß nimmt und den Ball ins Kreuzeck zirkelt. Bumsti. Ein beeindruckendes Tor. Aber fünfzig Spielminuten später, aus einer viel besseren Position, haut er den Ball weit übers Tor. Da soll sich mal einer auskennen, mit der brasilianischen feinen Klinge. Mit dem Tor im Rücken spielte es sich jedenfalls für die Brasilianer natürlich leichter und sie schalteten gleich mal einen Gang zurück. Die Schweizer wirkten angezählt. Wie sollten sie auch gegen eine selbstsicher auftretende Seleção den Ausgleich erzielen? Natürlich durch eine Standarsituation – der Eckball wurde durch Schlitzohr Shaqiri Minuten nach Wiederbeginn der zweiten Halbzeit herausgeholt – und einem sträflich allein gelassenen Eidgenossen, dessen Name aus einem Schweizer Bilderbuch stammen könnte: Zuber köpfte völlig freistehend aus wenigen Metern ins Herz Brasiliens. Betretene Gesichter in Gelbblau. Nun rächte es sich, einen oder sogar zwei Gänge nach dem Führungstreffer zurückgeschaltet zu haben. Es ruckelte im Getriebe, der Vorwärtsgang ließ sich nicht so leicht einlegen. Neymar wurde ziemlich gut von Raubein Behrami aus dem Spiel genommen – hin und wieder mit nicht gerade zimperlichen, oftmals mit illegalen Mitteln. Trotzdem fand der Superstar seine Chancen vor – vielleicht hätte ein top fitter Neymar ein Tor gemacht. Wie dem auch sei, die Schweizer, Hut ab, ließen sich lange Zeit nicht unter Druck setzen, versuchten mit offensiven Nadelstichen zu punkten. Aber in den letzten zehn Minuten machten die Brasilianer ernst, stürmten mit der Brechstange – es hätte gar nicht viel gefehlt und sie wären als Sieger vom Platz gegangen. Aber er sollte nicht sein – Jan Sommer steht ja auch noch im Tor. Der Grund dieser „Niederlage“ für die Seleção war mit Sicherheit einer unnötigen Überheblichkeit geschuldet. In der Vorbereitung lief alles so gut, Neymar schien immer besser in Form zu kommen. Was sollte da schief gehen? Tja. Hätten sie nach dem Führungstreffer weiter Gas gegeben, hätten sie die Schweizer weiter unter Druck gesetzt, das Spiel wäre wohl anders gelaufen. Gegen Costa Rica können sich die Brasilianer jedenfalls den Frust von der Leber schießen und die Weltmeisterschaft beginnen lassen. Olé. Die Schweizer, die haben jedenfalls ein Ausrufezeichen gesetzt. Aber erinnern wir uns zurück: Haben sie nicht bei der WM 2010 gegen den späteren Weltmeister Spanien 1:0 gewonnen? Und sind trotzdem nicht ins Achtelfinale gekommen – weil sie gegen Außenseiter Honduras eine klägliche Nullnummer ablieferten und gegen Chile eine Niederlage einstecken mussten. Ja, so kann es gehen.

 

 

 

 

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