WM 2018: Tag #7 – Der Sieg des Minimalismus

Portugal : Marokko 1:0
Uruguay : Saudi Arabien 1:0
Iran : Spanien 0:1

Gedanken zu den Spielen.

Portugal : Marokko 1:0

Schon wieder dieser Ronaldo. In der 4. Minute köpft er nach Eckball völlig freistehend den Führungs- und späteren Siegestreffer. Beeindruckend. Ansonsten zeigte er nicht mehr viel im Spiel. Zwei Freistöße gingen in die Mauer und ein Weitschuss in Richtung Dachkamera. Nur ein perfekter Chip-Ball über die Verteidiger ist ihm gelungen. Die daraus resultierende Top-Chance nutzte sein Teamkollege freilich nicht. Überhaupt, der amtierende Europameister spielte alles in allem einen Topfen, wie man so schön sagt. Da passte nicht viel zusammen. Stückwerk. Die Marokkaner hingegen kämpften bis zum Umfallen. Für sie war es freilich ein Finalspiel. Eine Niederlage bedeutete das sichere Aus bei dieser WM, sie hatten also allen Grund, ihr Heil im Offensivspiel zu suchen. Aber den Unterschied machte wohl Phänomen Ronaldo aus. Hätten die Nordafrikaner solch einen Knipser in ihren Reihen – oder wenigstens Nervenstärke vor dem Tor bewiesen – eine faustdicke Überraschung wäre die Folge gewesen. Wie Portugal mit solch einer schwachen Leistung in dieser WM bestehen möchte, ist mir nicht ganz klar. Im Achtelfinale könnte Russland auf sie warten und ich prophezeie dahingehend ein enges Match, mit Vorteilen für die Russen. Die wissen nämlich, wie man Tore schießt. Für die wirklich gut aufspielenden Marokkaner tut es mir Leid. Sie hätten sich einen Punkt verdient. Warum die Marokkaner gegen den Iran mit angezogener Handbremse gespielt haben, ist unverständlich. Wären sie im ersten Spiel von Beginn an so beherzt wie gegen Portugal aufgetreten, wer weiß, wer weiß. Andererseits, vielleicht ist der Iran spielerisch über Portugal zu stellen. Absurd? Wir werden sehen, wie sich der 1.FC Ronaldo im „Finalspiel“ gegen einen Iran schlagen wird, der nichts mehr zu verlieren hat. Der Gewinner steigt auf, der Verlierer darf die Koffer packen. Ich höre bereits, wie die Nerven der Portugiesen flattern. Am Ende wird alle Last auf den Schultern von Ronaldo liegen – dann wird er zeigen müssen, was in ihm steckt.

 

Uruguay : Saudi Arabien 1:0

Seltsam. Wer die Mannschaft von Saudi Arabien im Eröffnungsspiel gegen Russland gesehen hat, musste sich diesmal die Augen reiben. Was mag zwischenzeitlich geschehen sein? Lief vielleicht gegen den Gastgeber nur die B-Mannschaft aufs Feld? Hatte man irrtümlich die mitgereisten Funktionäre als Spieler nominiert? In dieser Begegnung waren die Saudis wie ausgewechselt. Gefälliges Kombinationsspiel. Technisch versiert. Hin und wieder getrauten sie sich sogar bereits zu Beginn in Richtung gegnerisches Tor zu schießen, was gegen Russland erst nach 70 Spielminuten zum ersten Mal geschah. Am Ende hatten sie sogar mehr Eckbälle getreten als Favorit Uruguay. Der Führungs- und spätere Siegestreffer nach 20 Spielminuten geht auf die Kappe des arabischen Schlussmannes, der eine Flankenhereingabe nicht erwischt, sich sozusagen im Strafraum verfliegt, sehr zur Freude von Superstar Suarez, der nur noch seinen Fuß hinhalten muss. Wer sich dachte, nun würden die Uruguayer befreit aufspielen, irrte sich. Sie spielten genauso verhalten wie gegen Ägypten, ließen die Saudis sogar kommen, agierten gelangweilt und müde und verzettelten sich oftmals im Mittelfeld. Mit solch einer Leistung wird es gegen Spanien im Achtelfinale natürlich nichts. Gegen ein enttäuschendes, recht schwachmatisches Portugal können sie natürlich bestehen – vorausgesetzt Überdrüber-Ronaldo hat ne Torflaute und Suarez wieder Lust auf mehr. Langsam reift in mir der vage Gedanke, dass die Russen vielleicht gar nicht so schlecht gewesen sein dürften, in den letzten beiden Spielen, und es gar nicht so sehr an den „schwachen“ Gegnern lag, dass sie so klare Siege feiern konnten.

 

Iran : Spanien 0:1

54 Minuten hielt die iranische Defensivmauer. Dann der unglückliche Ausputzversuch eines Iraners, der den Ball nicht ins Out, sondern gegen Diego Costas Schienbein schießt – und von Costa geht der Ball ins Tor. Dumm gelaufen. Den Spaniern ist eigentlich eine Halbzeit lang nicht viel eingefallen, um die iranischen Defensivreihen zu knacken. Das altbekannte Ballherumgeschiebe von einer auf die andere Seite, selten der Versuch, tief zu spielen oder etwas Überraschendes zu machen. Sie waren leicht ausrechenbar. Aber das Glück war am Ende den Tüchtigen hold. Mit dem Führungstreffer im Rücken fielen die Spanier seltsamerweise zurück, kamen die Iraner auf. Hatten sie vorher ein oder zwei zaghafte Angriffsversuche, ging ein Ruck durch die Mannschaft und sie spielten frech und forsch nach vorne. Das Ergebnis war eine spanische Hintermannschaft, die in manchen Situationen nicht gerade sattelfest agierte. Und tatsächlich stellte sich der Torerfolg für den Iran ein – aber wegen einer Abseitsposition wurde das Tor aberkannt. Ach, so herzerwärmend war der iranische Torjubel, man hätt ihnen den Ausgleich doch sehr vergönnt. Aufopfernd haben sie dagegen gehalten, haben gezeigt, dass eine nicht gerade motivierte und behäbig auftretende Iniesta-Truppe mit Pressing und guter Laufarbeit zu Fehlern gezwungen werden kann. Alles in allem hat Spanien in diesem Spiel nicht überzeugt und erinnerte in der zweiten Halbzeit an Portugal, das sich am heutigen Tag ebenfalls nur knapp und äußerst glücklich gegen einen Underdog durchsetzen konnte. Ein wenig Sorgen sollte man deshalb mit Ronaldo & Co haben. Im letzten Gruppenspiel geht es gegen „alles-oder-nichts“-Iraner und heute haben sie nicht nur in der Defensive gezeigt, was sie können, sondern auch in der Offensive. Die Spanier wirkten auf mich überheblich, zu siegessicher, fühlten sich vermutlich unverwundbar – einen ähnlichen Eindruck machten die Brasilianer auf mich. Vielleicht hätte heute ein ernsthafter Schuss vor den Bug – ein iranischer Ausgleichstreffer – den Spaniern gut getan. Sie sollten rasch wieder auf den grünen Rasen der Tatsachen zurückkehren und davon ausgehen, dass sie bei dieser WM gegen jeden Gegner verlieren können, wenn sie nicht ihr volles Potenzial abrufen. Mag er auch noch so defensiv agieren und in der Rangliste weit hinter Spanien zu finden sein.

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