WM 2018: Tag #9 – Erstens kommt es anders und zweitens …

Brasilien : Costa Rica 2:0
Nigeria : Island 2:0
Serbien : Schweiz 1:2

Gedanken zu den Spielen.

Brasilien : Costa Rica 2:0

Die erste Halbzeit zeigte wieder das übliche Spiel zwischen haushoher Favorit und krasser Außenseiter. Hier Costa Rica, die sich defensiv stabil und taktisch geordnet zeigten – und viel besser auftraten als noch im ersten Spiel gegen Serbien, wo sie auf ganzer Linie enttäuschten -,  dort die Brasilianer, die mit behäbigem Kurzpassspiel zum Erfolg kommen wollten. Größter Aufreger in den ersten 45 Minuten eine ausgezeichnete Chance für den Außenseiter. Hin und wieder schaltete sich Superstar Neymar ein, konnte aber keine Akzente setzen und wirkte zusehends frustierter. Alles wie gehabt. Doch dann kam die zweite Halbzeit und damit die brasilianische Brechstange. Die Minuten verstrichen, die Mittelamerikaner kämpften mit hängender Zunge gegen Brasilianer, die – im Gegensatz zum ersten Spiel gegen die Schweiz – verstanden, dass ein Unentschieden keine Option für sie ist. Also packten sie alle Offensivkunststücke aus, die sie so im Repertoire haben. Doch die Verteidigungslinien von Costa Rica waren kaum zu knacken, und wenn, dann stand da immer noch Navas goldrichtig. Vereinzelte Angriffe des Außenseiters wirkten nicht ungefährlich – alles schien möglich. Aber mit jeder Minute wurden die Brasilianer wütender, sie schimpften, fluchten und sahen sich bereits am Ziel als der Schiedsrichter auf den Elfmeterpunkt zeigte, weil Neymar im Strafraum „niedergerissen“ wurde – aber nach Videoanalyse entschied der starke Referee Kuipers, dass kein Foulvergehen vorlag – und sich Neymar unsportlich fallen ließ. Respekt. Das war eine mutige und wohl die richtige Entscheidung. Schon konnte man für den Underdog hoffen. Aber Kräfte und Konzentration ließen bei diesen nach. So kam wie es wohl kommen musste: Gabriel Jesus, der einen Pass im Strafraum nicht stoppen kann und so unfreiwillig in den Lauf von Coutinho spielt, erlöst in der Nachspielzeit, die über 6 Minuten dauern sollte, die brasilianischen Fans. Was für eine Ekstase auf den Rängen – und vermutlich in den brasilianischen Wohnzimmern! Zuguterletzt setzte ausgerechnet der zuvor von aller Welt kritisierte Neymar den Schlusspunkt zum 2:0 – wären die beiden Tore heute nicht geglückt, hätten die Brasilianer ein weiteres Mal enttäuscht und man kann sich vorstellen, was Fans und Medien aus dem Superstar gemacht hätten: Konfetti-Kleinholz. Das Spiel – vor allem die zweite Halbzeit – war Werbung für den Fußball. Die Emotionen, die Wut, der Kampf, das Dagegenhalten, das Aufbäumen, die Chancen, der Countdown, die Ängste, die Hoffnung, die Erlösung, die Ekstase. Ja, das war ein Spiel. Halleluja. Vielleicht ist nun endlich der Selecao der Knopf aufgegangen. Im letzten Gruppenspiel gegen Serbien geht es sowieso für beide Mannscahften um alles oder nichts – da wird sich zeigen, was die brasilianischen Spieler aus dem heutigen Drama mit Happy End mitgenommen haben.

 

Nigeria : Island 2:0

Die erste Hälfte war der zu erwartende Schnarchnasenfußball. Keine der beiden Mannschaften wollte Risiko nehmen, jede verhielt sich auf ihre Weise zurückhaltend und passiv. Man wartete ab. Die Nigerianer bemühten sich vielleicht ein wenig mehr, das Spiel nach vorne zu tragen, hatten sie noch 0 Punkte auf ihrem Konto – im Gegensatz zu den Isländern, die sich ja gegen Argentinien ein 1:1 ermauerten. Die besseren Möglichkeiten fanden die Isländer vor, die auch abgeklärter und selbstsicherer wirkten. Für die zweite Halbzeit dachte ich bereits, einen dreifachen Espresso zu mir nehmen zu müssen – um nicht die Konzentration zu verlieren und in einen Minutenschlaf zu fallen. Doch erstens kommt es anders und zweitens schießen die Afrikaner – praktisch aus dem Nichts – ein Kontertor. Ein sehenswertes noch dazu. Nach zwei Station nimmt Musa eine halbhohe Flanke im Strafraum mit dem Fuß an und knallt den Ball (beinahe) volley ins Kreuzeck. Bumsti. Das hätt wohl niemand für möglich gehalten, dass sich ausgerechnet die Isländer mustergültig auskontern lassen. Von da an wurden die Afrikaner selbstsicherer, dürften wieder die Lust am Fußballspielen zurückgewonnen haben. Pässe kamen an, Flankenläufe wurden gemacht, Schüsse aufs Tor abgegeben. Einer davon klatschte an die Latte. Schließlich zeigte Musa, was ein schneller Antritt, gepaart mit Nervenstärke, in der isländischen Hintermannschaft anstellt. Resultat: ein Verteidiger wird überlaufen, der Tormann überspielt, zwei isländische „Torleute“ ignoriert, das Tor gemacht. Beim Abdrehen trifft Musas Knie den Kopf des zu Boden fallenden Sigurdsson. Während der eine sein Tor bejubelt, muss der andere mit blutender Kopfwunde ärztlich versorgt werden. Ein Bild, das die Partie ziemlich gut umreißt. Eigentlich hätte es das schon gewesen sein müssen, aber in der 83. Minute fällt einer der Isländer – nach Zweikampf – im Strafraum der Afrikaner. Der Videoschiedsrichter entscheidet auf Elfmeter, aber ein anderer Sigurdsson haut den Strafstoß über die Latte. Tja. Ob der Anschlusstreffer den Nordmännern geholfen hätte, doch noch zum Ausgleich zu kommen, ist fraglich. Die Isländer waren heute einfach nicht gut drauf. Vielleicht war es die Hitze? Vielleicht zeigten sie am Ende doch Nerven? Argentinien darf sich freuen. Die Aufstiegschancen sind jetzt so gut wie nie. Und Nigeria? Darf vier Tage lang träumen und dann feiern, nicht umgekehrt. Ist eine Sensation gegen ein angezähltes Argentinien möglich? Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich.

Serbien : Schweiz 1:2

Nach 5 Minuten lagen die Eidgenossen bereits zurück. Die Serben machten ordentlich Dampf und Mitrovic brachte einen gefährlichen Kopfball nach dem anderen aufs gegnerische Tor. Es braucht eine Weile, bis die Schweizer Defensive mit den Schwimmübungen fertig waren und ihre Abwehr stabilisieren konnten. Die Serben spielten aggressiv, geordnet und schnörkellos nach vorne, kamen oftmals über die Seiten. Die Schweizer versuchten wiederum mit längerem Kurzpassspiel über mehrere Stationen Ruhe ins Spiel zu bringen, aber dem Pressing der Serben mussten sie immer wieder mit Ballverlusten Tribut zollen. Ja, die Serben dürften wirklich perfekt motiviert ins Spiel gegangen sein, während die Nati dem Spiel noch eine Weile hinterherlief. Aber mit Fortdauer des Spiels kamen die Schweizer auf, zeigten ihre schnell vorgetragenen Vorstöße Wirkung. Die zweite Hälfte stand dann im Zeichen der „Ex-Serben“ Xhaka und Shakiri, die praktisch im Alleingang – im wahrsten Sinne des Wortes – ihre „Brüder“ zerlegten. Minuten nach dem Wiederbeginn knallt Xhaka den Ball, der ihm entgegen rollt, sehenswert in die Maschen. Und zum Ende der offiziellen Spielzeit läuft der kleine Shakiri allen auf und davon und kann weder von einem serbischen Verteidiger gehalten, noch vom Tormann am Torschuss gehindert werden. Beeindruckend, dieser Sprint über das halbe Feld in der 90. Minute. Ja, mit den Schweizern ist zu rechnen. Die Serben müssen jetzt im letzten Gruppenspiel Brasilien nach Hause schicken, um im Turnier zu bleiben. Ausgerechnet ein wiedererstarktes Brasilien, das Blut geleckt hat. Wenn die Serben Nerven zeigen, wenn sie nicht ihre Selbstsicherheit auf den Rasen legen können, befürchte ich eine Packung. Aber wenn sie konsequent ihr Pressing durchziehen und sich nicht von den großen Namen einschüchtern lassen, ist alles möglich. Und vielleicht geht ja Neymar wieder zum Frisör.

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