WM 2018: Rückblick auf die Halbfinalspiele – Erstens kommt es anders und …

Das Finale heißt also Frankreich gegen Kroatien. Wer hätte das zu Anfang der Weltmeisterschaft gedacht?

Gewiss, die Franzosen hatten so ziemliche alle Experten und Fußballfans auf der Rechnung. Immerhin standen sie vor zwei Jahren im Finale der Europameisterschaft. Aber Kroatien? Ein erstes Ausrufezeichen setzte Modric & Co im Gruppenspiel gegen Argentinien, als sie die Südamerikaner mit 3:0 vorführten. Auch wenn das Team rund um Messi in der Defensive gehörige Schwächen aufwies, die Offensivqualität zählte zum Besten, was dieses Turnier zu bieten hatte. Ja, die Kroaten zeigen, dass es eine kompakte Mannschafts- sowie enorme Laufleistung gewürzt mit der individuellen Klasse einzelner herausragender Spieler – Modric, Rakitic, Mandzukic, Peresic – möglich macht, bereits verloren geglaubte Spiele am Ende doch noch zu gewinnen. Das war alles in allem beeindruckend. Kein Vergleich zu Frankreich, der Grande Nation des europäischen Fußballs. Im Schongang erledigten sie ihre Aufgaben und mussten in keinem Spiel an die Grenzen gehen. Als Zuschauer riss einem keines der Spiele Frankreichs vom Sessel. Kaum Dramatik. Wenig Intensität. Null Spielfreude. Gewänne Frankreich das Finale, was würde es für die Zukunft des Fußballs bedeuten? Dass man auch zum Weltmeistertitel schlafwandeln kann? Im Gegensatz dazu mussten die Kroaten in allen drei K.O-Spielen einen Rückstand aufholen und bis zum Ende der Verlängerungen (!) rackern und kämpfen und laufen. Ja, die Kroaten hätten sich den Weltmeistertitel redlich verdient. Das wollte ich an dieser Stelle gesagt haben.

FIFA-Zusammenfassung der Spiele auf youtube

Frankreich : Belgien 1:0
Kroatien : England 2:1 n.V.

Das erste Halbfinalspiel Frankreich : Belgien wurde – wie zu erwarten – mittels einer Standardsituation entschieden. Eckball. Kopfball. Tor. Danach hätte man einen belgischen Sturmlauf erwartet, aber das französische Bollwerk machte die Räume bereits im Mittelfeld dicht und ließ sich nicht mehr überrumpeln. Das ist die Schwäche all dieser spielschwachen, aber konterstarken Mannschaften: gelingt ihnen der Führungstreffer bieten sie Zauberfußball, aber geraten sie in Rückstand oder müssen sie das Spiel machen, gehen ihnen schnell die Ideen aus. Standardsituationen und Elfmetergeschenke helfen da natürlich ungemein. Hätte demnach Belgien den Führungstreffer erzielt, hätte die Sache ganz anders ausgehen können. Vielleicht war es aber auch die vorsichtige Taktikvorgabe des belgischen Trainers, der zu Beginn nicht die gewohnt offensiv ausgerichtete Flügelzange aufs Feld brachte (4-3-3), sondern mit Dembélé als Mittelfeldabräumer ein verkorkstes System zum Laufen bringen wollte, um das starke französische Mittelfeld (Kanté – Pogba – Griezmann) in die Schranken zu weisen. Aber das Ganze war am Platz nicht Fisch, nicht Fleisch. Freilich, hätte Belgien den Sieg davongetragen, die Experten würden – wie nach dem Spiel gegen Brasilien – den Trainer als Taktikfuchs in den Himmel loben. Doch erinnern wir uns, dass es die Stange war, die Belgien davor bewahrte, gegen Brasilien in Rückstand zu geraten – was aller Wahrscheinlichkeit nach zum Ausscheiden geführt hätte. Frankreich ließ jedenfalls nach dem Führungstreffer nichts mehr anbrennen, machte die Räume dicht und lauerte auf Fehler der Belgier, die wiederum ängstlich bemüht waren, keine Fehler zu machen. Hier zeigt sich, dass ein Mbappé ausreicht, eine ganze Mannschaft in Angst und Schrecken zu versetzen. Seine Torgefährlichkeit ließ die Belgier im Offensivspiel zaudern. Auf diese Weise gewinnt man für gewöhnlich kein Fußballspiel. Als Zuschauer war es förmlich zu spüren, dass die Belgier kein Mittel wussten, die französische Defensive zu knacken, ohne dabei ins offene Messer zu laufen. So fehlte jegliche Intensität. Kein Aufbäumen, keine Dramatik. Nada. Für ein Halbfinalspiel eine herbe Enttäuschung. Und so zieht Frankreich ins Finale ein, ohne in all den bisherigen Spielen ein einziges Mal gefordert worden zu sein. Das ist natürlich auch sehr beachtlich.

Das zweite Halbfinalspiel Kroatien : England war ganz nach meinem Geschmack. Die Kroaten zeigten, wie man einen Rückstand gegen ein Bollwerk aufholt und am Ende sogar als Sieger vom Platz geht. Die Kroaten haben sich aufgebäumt, haben gerackert und sind immer wieder gegen die gut organisierte Defensive der Engländer angelaufen. In der ersten Halbzeit ging es ihnen wie den Belgiern – da funktionierte im Offensivspiel wenig und in der Defensive ließ man dem Gegner zu viel Platz. Hätte Harry Kane nicht einen rabenschwarzen Tag gehabt, er hätte das 2:0 gemacht und damit – vielleicht – das Spiel vorzeitig entschieden. Aber an diesem Abend war die englische Offensive nur ein Schatten der vorhergehenden Spiele, während die Defensive über sich hinauswuchs, aber schlussendlich dem kroatischen Druck nicht mehr standhalten konnte. Die Entlastungsangriffe, die in der ersten Halbzeit gefährlich vorgetragen wurden, verpufften in der zweiten. Das englische Team hat sich gegenüber der Europameisterschaft nur marginal verbessert. Trainer Southgate legte das Augenmerk auf die Defensive – wohl um der noch jungen Mannschaft die nötige Stabilität zu geben – aber im Spielerischen mangelt es noch immer ungemein – so wurden die Führungstreffer mittels Standardsituationen herbeigeführt. Diesmal war es Trippier, der in der 5. Minute einen Freistoß makellos verwandelte. Aber auch mit der angenehmen Führung im Rücken war oftmals Sand im englischen Getriebe. Gegen schwache Kolumbianer mussten die Engländer im Achtelfinale sogar ins Elfmeterschießen, weil sie es nicht verstanden, die Führung auszubauen. Das englische Team scheint mir aus zwei Blöcken zu bestehen – da die Abwehr, dort die Offensive – aber kein Mittelfeldspieler, der es versteht, diese beiden Blöcke zu verbinden, gerade wenn es hart auf hart geht. So bleibt das englische Spiel ein unausgegorenes Stückwerk, das manchmal hui, manchmal pfui ist.

Die kroatische Mannschaft wiederum präsentiert sich als gut eingespieltes Team mit ungeheurer Kampfkraft und eisernen Willen. Die Aufholjagden in all den drei K.O-Spielen zeigen, was in dieser Mannschaft steckt. Gegen die ins Finale beinahe schlafgewandelten Franzosen wird es freilich noch ein Stück schwerer. Die Equipe Tricolore ist eine zähe Masse, die jeden Spielfluss des Gegners hemmt und zum Erliegen bringt. Deshalb sind die Matches mit Frankreich so langweilig zum Anschauen. Hin und wieder gibt es freilich Mbappés Antritt, Pavards Schusstechnik, Griezmanns Übersicht oder Pogbas Disziplin zu bestaunen, aber im Großen und Ganzen machen die Franzosen nur das Allernotwendigste und keinen Schritt mehr. Nach einem französischen Führungstreffer blüht den Kroaten wieder die erste Halbzeit der England-Partie, als sie vergebens dem Tor nachliefen und bereits im Mittelfeld feststeckten. Gelänge den Kroaten die Führung, es könnte eine heiße Partie werden. Aber noch sind wir nicht so weit. Ich gehe davon aus, dass die Franzosen in den ersten Minuten wie die Feuerwehr gegen das Tor der Kroaten anlaufen und danach ihr gemächliches Spiel aufziehen werden. Die Kroaten wiederum brauchen bekanntlich eine Weile, bis sie auf Betriebstemperatur kommen. Es ist zu hoffen, dass es dann nicht schon zu spät ist.

Vive la Croatie.

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