Zwei Jahre also.

Wenn ich mich jetzt recht entsinne, dann war es vor genau zwei Jahren, als ein Satz gedacht und ausgesprochen wurde, der mich in eine beträchtliche Schieflage brachte. Das kleine Boot, so war damals zu befürchten, drohte zu kentern. Schwimmwesten waren keine an Bord. Ich hätte mich also über Wasser halten müssen, so lange, bis die Umrisse eines Landstriches in Sicht kämen. Keine angenehme Vorstellung, im kalten Wasser zu treiben und zu warten. Weder damals. Noch heute.

Das Schicksal spinnt die Fäden. Es ist so. So ist es. Wir folgen dem ausgelegten Faden, wundern uns vielleicht, wo er uns hinzuführen gedenkt, aber abzuweichen, vom faden-scheinigen Weg, nein, das tun wir nicht. Ja, sehen wir uns all die gegangenen Wege so an, rückblickend, versteht sich, dann versuchen wir uns zu erinnern. Hatten wir eine Wahl? Und falls wir sie hatten, war es die richtige? So trägt jeder Mensch die Geschichte seines ureigenen Weges in sich. Manches ist schön. Manches ist traurig. Manches ist unbestimmt. So ist das.

Zwei Jahre sind also vergangen. Was hätte ich damals dafür gegeben, hier zu sitzen, in einem verwunschenen Garten, an einem Holztisch, den Laptop aufgeklappt, das Wasserglas daneben, an einem lauen Sommertag, gut beschattet, mit ausreichend Proviant versorgt und keine Sorge haben zu müssen, dass einen der tiefe Ozean sogleich verschlingen könnte? Das Hier und Jetzt vermengt sich mit dem Damals, der Schreiberling erinnert sich und auch wieder nicht. Es war ein steiniger Weg, zuweilen steil, zuweilen abschüssig – immer Gefahr laufend, bei einem Fehltritt ins Leere zu steigen und abzustürzen. Schließlich wurde der Pfad ausgetretener, ungefährlicher und bot den Schuhen guten Halt. Aber das Ziel war nicht auszumachen. Den Horizont absuchend, fragend in alle Richtungen blickend, marschierte der Schreiberling weiter und weiter und weiter. Das Leben – wer würde es vergessen können? – bleibt nicht stehen, wie ein Fluss geht es seinem Endpunkt zu. Dies ist gewiss. Alles andere ungewiss – auch wenn wir es oftmals nicht wahrhaben wollen. Sicherheit, wusste Schnitzler, ist nirgends.

Ich bin zutiefst berührt, endlich wieder solch tiefgründige Zeilen schreiben zu dürfen. Dazu braucht es Anlass und Anstoß. Wie oft sitzt der Schreiberling am Schreibtisch und tappt ungeduldig mit den Fingern. Er wartet. Und doch klopft niemand an. Wie lange gilt es zu warten? Wann ist die Zeit für den inneren und äußeren Aufbruch gekommen? Darauf gibt es keine Antwort. Das Schicksal spinnt die Fäden und setzt den Hobel an. Es ist so. So ist es.

Der geneigte Leser mag sich gerade redlich mühen, diese hingeworfenen Allegorien und Anspielungen in einen Zusammenhang zu bringen. Vielleicht, wer weiß, stößt diese Suche in ihm eine vage Erinnerung an, an einen besonderen Moment, der lange Zeit in seinem Innersten schlummerte und – warum wird man wohl nie erfahren – jetzt, in diesem Augenblick, erwacht. Würde ich das mit meinen zu Papier gebrachten Gedankenkritzeleien erreichen, dann ist viel getan und eine Erinnerung aus dem Dunkel der Vergessenheit gerettet. Die Welt, die gegenwärtig vornehmlich aus Bits und Bytes zu bestehen scheint, von der Uhr dominiert und durch viele Münzen zusammengehalten wird, braucht Menschen, die bereit sind, Farben und Formen, Gerüche und Geschichten, Freude und Gelächter in unser Dasein zu bringen und die mutig genug sind, sich auf ein Abenteuer einzulassen, das von keiner Zahl, von keiner Gier, sondern nur von einem tiefen Wunsch geträumt werden möchte. Solch Abenteuer ist gewiss beschwerlich und kräfteraubend, oftmals enttäuschend, manches Mal ins Leere gehend, aber niemals zwecklos. Eine lange Reise, heißt es in China, beginnt immer mit dem ersten Schritt, mag er auch auch noch so klein und unbedeutend sein.

Zwei Jahre also. Was wird die nahe und ferne Zukunft bringen, welche Fäden wird das Schicksal auslegen und wohin werden sie mich führen? Es ist schon erstaunlich, wie lange es braucht, bis sich eine Tür – wenigstens für einen Spalt – öffnet und wie schnell eine andere geschlossen, sozusagen zugeknallt wird. Gut möglich, dass sich dies Geschreibsel viel zu ernst nimmt. Es möchte altklug und weise auf den Leser wirken – und vergisst dabei, dass ein gewitztes Bonmot, zur rechten Zeit, zur rechten Stelle, oftmals mehr bewegt als Tausend Seiten philosophischer Ergüsse.

Die Gedanken des Schreiberlings gehen gerade kreuz und quer und wollen sich partout nicht mehr auf einen springenden Punkt bringen lassen. Tja. So ist das. Vermutlich ist bereits alles gesagt. Zwei Jahre. Damals. Heute. Morgen. Es gilt sich zu erinnern. Es gilt zu vergessen. Können wir aus den vergangenen Ereignissen eine Lehre ziehen? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Das Schicksal steigt niemals in den selben Fluss. Jede Begegnung, jedes Abenteuer, jeder Gedanke ist einzigartig. Das Leben wiederholt sich nicht. Es fließt. Ich sagte es bereits.

Zwei Jahre also.

Wer hätte das gedacht?

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