Die dunklen Lebensgeschichten und die Essenz des Lebens

Gestern ergab es sich, dass mir meine Mutter Familiengeschichten erzählte, die von Tragödien und Verirrungen handelten. Dieser Rückblick, sentimental durchzogen, melancholisch geprägt, ließ mich nachdenklich werden. Worin besteht die Essenz des Lebens, besser die Essenz seiner eigenen Lebensgeschichte? Und ist nicht jede Lebensgeschichte wiederum eng mit den dunklen Lebensgeschichten anderer Menschen, die einem sehr nahe stehen oder nahe gestanden sind, verschränkt?

Sehe ich mir die obige fotografische Momentaufnahme an, frage ich mich, was sich meine Mutter damals gedacht hatte als sie dieses noch unfertige Menschenkind – es sollte später diese Zeilen schreiben – in ihre Arme nahm und darauf wartete, gemeinsam fotografiert zu werden. Welche Träume und Wünsche hatte sie in diesem Moment, was wollte sie vom Leben, vom Schicksal, von Gott? Als Schriftsteller habe ich die Möglichkeit, einen kurzen Augenblick auf viele Seiten auszudehnen, jeden einzelnen Gedanken kreuz und quer gehen und so den Leser an der Erkundung einer ganzen Schicksalswelt teilhaben zu lassen. Und doch bliebe solch Niederschrift nur an der Oberfläche, weil die tiefsten Sehnsüchte, die größten Ängste und Sorgen, die heiligsten Wünsche und lebendigsten Träume nicht zu Papier gebracht werden können. Das Innerste einer Seele lässt sich nur erahnen, niemals wird es sich offenbaren, niemals wird man es begreifen.

Jeder taucht früher oder später in längst vergangene Erinnerungen, die sich Stück für Stück zu einer Lebensgeschichte formen. Es sind vor allem die Abzweigungen auf unserem Lebensweg, die alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen und aufs Neue bewertet werden wollen. Was wäre wenn?, spielen wir die vielen Szenarien im Kopf durch und kommen doch nicht weiter. Weil wir niemals wissen können, wohin uns die Abzweigung am Ende geführt hätte. Vielleicht wäre es uns besser gegangen. Vielleicht schlechter. Es ist wie es ist.

Und nun? Es gäbe viel zu sagen, viel zu schreiben, aber der Mond, der voll und rund an mein Fenster klopft, erinnert mich daran, dass das Leben auch Traum sein kann. Warum ausgerechnet ich einen Musenkuss erfahren durfte, bleibt ein ewiges Geheimnis. Gewiss, ich musste dafür einen hohen Preis bezahlen. Vielleicht, kommt es mir gerade in den Sinn, wird unser sehnlichster Wunsch im Laufe unseres Lebens erfüllt – ohne uns bewusst zu werden, dass wir dafür etwas zu geben haben.

Ja, dieses unfertige Menschenkind wurde von den Musen mit viel Phantasie beschenkt. Zeit seines Lebens träumte es davon, träumen zu dürfen. Das tat es. Das tut es. Gestern. Heute. Morgen.

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