Filmkritik und Gedanken zum 1. Weltkrieg: 1917 #Kino #Historie

Der neue Film von Regisseur Sam Mendes hat ordentlich Oscar-Nominierungs-Staub aufgewirbelt. Der Titel 1917 verrät bereits, dass es hier um eine Geschichte von Männern und Soldaten geht, die im Weltkriege tun, was getan werden musste. Die Tour de Force zweier britischer Soldaten durch Niemands- und Feindesland ist handwerklich gekonnt umgesetzt. Die Idee, den Film so zu drehen, dass der Zuschauer den Eindruck gewinnt, es gäbe nur eine durchgehende Kamerafahrt, die den beiden Protagonisten vom Anfang bis zum Ende begleitet, ist das hervorstechendste Merkmal und riecht nach einem Oscar in der Kategorie Cinematography.

1917 ist ein Kriegsfilm, der – abgesehen von der Kameraführung – nichts Neues in diesem Genre vorzuweisen hat. Die Geschichte (die dem Regisseur von seinem Großvater, ein Meldeläufer an der Front, zugetragen wurde) hat man schon in ähnlicher Ausführung zu Papier gebracht bzw. auf das Zelluloid gebannt. Aber jedes Kunstprodukt ist auch das Produkt seiner Zeit. Gerade im gegenwärtigen kulturmarxistischen Klima ist es Sam Mendes und Todd Phillips (JOKER) hoch anzurechnen, dass sie ihre Visionen durchsetzen konnten und dabei (so gut wie) keine Kompromisse eingingen.

the central idea of a man carrying a message wouldn’t leave me. It just clung on in there somehow, for the last 50 years. Sam Mendes

Zurück zum Film 1917. Ich glaube, es hätte dem Plot gut getan, hätte man bereits zu Beginn die Gräuel des Krieges „aus erster Hand“ erlebt (bestes Beispiel dafür: Saving Private Ryan). Wir sehen „nur“ die Auswirkungen vergangener Schlachten, wir erleben sie nicht. Der Film wirkte auf mich wie eine spannende Abenteuergeschichte in einem stillen Frontabschnitt – was per se nicht negativ zu verstehen ist. Aber irgendwie hatte ich mir da mehr Krieg als Achterbahnfahrt erwartet. Weitaus besser machte es da Jean-Pierre Jeunet mit seinem unterschätzten Meisterwerk Un long dimanche de fiançailles (Mathilde – Eine große Liebe). Die Passagen, die sich an der (französischen) Front abspielen, sind beeindruckend in Szene gesetzt. Als Zuseher fühlt man die Ängste und Sorgen der verstörten Soldaten, die im feucht-schlammigen Graben auf den Angriffsbefehl warten und „über die Mauer“ gehen müssen. Den sicheren Tod vor Augen habend, sind sie sogar bereit, sich selbst zu verstümmeln, um beim nächsten Angriff nicht dabei sein zu müssen. Als Zuseher begreifen wir die Verzweiflung, da reicht ein Blick in die ausgemergelten und trostlosen Gesichter der Soldaten, gut ausgesuchte Schauspieler und Komparsen, die einen alten Menschenschlag vor den Vorhang holen.

1917, der allzu glatt und sauber daherkommt, deshalb inszeniert wirkt, ist alles in allem ein ambitionierter Film. Die Schwächen möchte man Sam Mendes gerne nachsehen, hoffend, dass es auch in Zukunft noch möglich sein wird, historische Themen trotz eines unpopulären Blickwinkels in die Kinos zu bringen.

Geschichtsunterricht

Noch ein paar Gedanken bezüglich des historischen Kontextes: Der Krieg war 1917 bereits seit drei Jahren im Gange, ein Ende kaum abzusehen, trotz der ungeheuren Verluste an Mensch und Material. Dieses sinnlose Weltengemetzel (im Gegensatz dazu wird der spätere Weltkrieg als „the good war“ in die Geschichtsbücher eingehen) hatte und hat für Filmemacher keinen sonderlichen Reiz. Es gab keine gute, keine böse Seite – hier war einfach nur ein Weltenbrand am lodern, das am Ende alles bisher Erreichte verbrennen und in Frage stellen sollte. Auslöser, der den zerstörerischen Funke überspringen hat lassen, waren Pistolenschüsse in Sarajevo und eine längst obsolete Diplomatie, die sich noch am Wiener Kongress von 1814/15 orientierte. Der Stein, der ins Rollen gekommen war, konnte nicht mehr aufgehalten werden. Der diplomatisch-politische Blutadel von einst ist 1914 nur noch eine hübsch ausgestopfte Marionette der Bankiers und Industriekapitäne. Zeitungen und Magazine geben den Ton an und schüren mit jeder Schlagzeile Hass oder Patriotismus im Volk des einen, im Volk des anderen Landes. Die Revolutionäre, gut vernetzt und bestens instruiert, warten auf ihre Chance, warten darauf, endlich das aristokratische Prinzip zum Einsturz bringen zu können. Die Gelegenheit ergab sich schlussendlich im Wirrnis des europäischen Bürgerkriegs. Das Kriegsende markierte freilich nur eine Pause. Die Verantwortlichen in Versailles ließen die Glut im Kessel glimmen, wohl ahnend, dass die nächste feurige Explosion noch verheerender sein würde. So war sichergestellt, dass sich eine erbarmungslose Geldmaschinerie an die Spitze der Welt setzen und Gott spielen konnte. Brave new world.

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