Als der Dichter aus dem Bad der Illusionen stieg

Heute war es, als der Dichter aus dem Bad der Illusionen stieg. Wohlig warm, so angenehm wohlig warm war es, dieses Bad. Ewig hätte erdarin verweilen können, vielleicht sogar wollen, dabei seine vielen Gedanken mit Tagträumen und Wunschvorstellungen vermengen. Das Bewusste ging für eine Weile in einen unbewussten Zustand über und ein gedanklich-poetisches Schweben setzte ein. Was war Traum? Was war Wirklichkeit?


Die letzten Wochen eine Hochschaubahn der Gefühle, die der nüchterne Verstand später als Duselei relativieren wird. Aber welch Schöpfungen diese Hochschaubahn, einmal oben, einmal unten, aus dem Dichter zu holen wusste. Es ist diesem Wechselspiel zwischen Anspannung und Entspannung, aus Anziehung und Abstoßung zu verdanken. Gäbe es nur das eine, gäbe es nur das andere, die Poesie würde kläglich klingen.

In dem einen Falle, wo es nur Anziehung gibt, ist die Poesie dermaßen überhöht, dass die Worte und Sätze in einen zuckersüßen Kitsch übergehen, je nach Pinselstrich einmal wuchtig hingeklatscht, das andere Mal zart gemalt.

In dem anderen Falle, wo es nur Abstoßung gibt, verinnt die Poesie zu einer wehmütigen Melancholie, die sich in Anbiederung und Selbstmitleid verliert.

Aber kommt es für eine kurze Zeit zu einem Wechselspiel in einer höchst konzentrierten Form, dann läuft die Poesie zur Hochform auf, denn dann hat sie Sinn, dann hat sie Zweck. Es ist ein Spiel mit höchstem Einsatz. Jedes Wort, jeder Satz, jede Zeile ist sich darüber im Klaren. Wird der falsche Ton getroffen, eine Wahrheit ausgesprochen, die unausgesprochen hätte bleiben sollen oder das falsche Wort zur falschen Zeit auf das Papier geworfen, das Spiel mag damit enden, der höchste Einsatz für immer verloren.

Deshalb ist die Poesie, die aus einer zerrissenen Innenwelt geschöpft wird, am wahrhaftigsten. Noch ist nichts gewonnen, noch ist nichts verloren – aber mit jeder Stunde schlägt das Pendel in die eine, mit jeder Stunde in die andere Richtung. Eine Entscheidung, die noch nicht gefallen ist, ein Würfel, der noch rollt, eine Roulettekugel, die noch nicht mit einem lauten Klack den Dichter aus dem Schlaf reißt, sie sind die notwendigen Ingredienzen in diesem Titanenkampf, der zwischen Herz und Hirn, Hirn und Herz ausgefochten wird.

Doch lange kann dieses Wechselspiel nicht anhalten. Wie die Feder, die gezogen und gedehnt, an einen Punkt kommt, wo sie entzweibrechen oder ihre Spannkraft für immer verlieren muss, so ist es auch hier. Solange der Dichter die Kraft hat, diesem Sturm an Ungewissheit zu trotzen, solange kann er aus dem Vollen seines Innersten schöpfen und die wahrhaftigste Poesie in die Welt singen. Aber wehe, sein Körper, einem kleinen Boot im Meeressturm gleich, ist diesem ständigen Auf und Ab, Hin und Her, nicht mehr gewachsen. Dann kommt ein Moment, wo sich die wohl schlimmste Tragödie in der Brust des Dichters anbahnt, nämlich das ersehnte und rettende Ufer, das auf ihn vielleicht gewartet hätte, aus eigener Kraft nicht mehr erreichen zu können. Der Dichter muss bei Tage eine Entscheidung treffen, um in der Nacht nicht dem sich anbahnenden Wahnsinn zu verfallen, gab es doch lange keinen erholsamen Schlaf mehr. Oh, die Tragik dieser Entscheidung, sie kann niemand erahnen, der sie noch nicht erlebt. Er, der so viel auf sich genommen hat, Tag für Tag, Nacht für Nacht, um dies ersehnte, vielleicht sogar erflehte Herz zu gewinnen, muss nun im Angesicht seines körperlichen Verfalls, diese eine Entscheidung treffen, die er noch vor Stunden in hundert Jahren niemals treffen hätte wollen. Aber es bleibt ihm keine Wahl. Nun, das stimmt nicht ganz, immer gibt es eine Wahl. Verfluchte Wahl! Verfluchte Entscheidung!

In dieser verfluchten Wahl liegt womöglich ein imposantes Bühnendrama verborgen, das an Tragik nicht mehr zu überbieten ist. Man stelle sich vor, Romeo, der seine Julia göttlich verehrt, sie um jeden Preis gewinnen will, legt ihr sein Herz zu Füßen und geht für immer davon. Es ist der absolute Beweis einer Liebe, einer Verbundenheit, vielleicht sogar einer göttlichen Beseelung, den ein Mensch geben kann. Das soll nicht heißen, dass diese Entscheidung die richtige ist. Aber für uns Zuschauer, die sich an der Tragik weiden, ist es ein Ende, das zu vielen Tränen rührt und einen Frosch im Halse quaken lässt.

Die zweite Wahl ist vielleicht sogar noch tragischer, noch herzzerreißender, muss doch Romeo von seiner Julia lassen, will er Herz und Leben behalten, um weitere Abenteuer schreibend und dichtend zu bestehen. Aber fortan wird er jede Stunde, jeden Tag, jede Woche, jeden Monat und jedes Jahr daran denken müssen, dass er die Kraft nicht aufbringen hatte können, um sein ersehntestes Ziel zu gewinnen. War er nicht bereits so nah herangekommen? Vielleicht hätte sich das Blatt zu seinen Gunsten noch gewendet, später, nach Tagen oder Wochen. Doch der Körper war nicht mehr bereit, kein Bisschen, diese weitere Belastung erneut zu ertragen, egal wie sehr der Geist auf ihn einwirkte. Es war nichts mehr zu machen. Nur noch eine Entscheidung musste getroffen werden, die in beiden Fälle von Aufgabe sprach. Einmal das ersehnte Herz, einmal das eigene.

Der Dichter, der dem wohlig warmen Illusionsbad entstiegen ist, steht für eine Weile fröstelnd und frierend daneben. Die Wirklichkeit wird ihm bald ein Handtuch reichen, das nicht hart, nicht weich ist und seinen Dienst vorbildlich erledigt. Es trocknet, es wärmt. Sodann wird er zu seinem Buchregal gehen und sich frische Kleidung überziehen. Er denkt über das Wechselspiel der Gefühle nach. Viele Einfälle durchströmen Körper und Geist. Wohltuend nimmt er es zur Kenntnis. Er schlägt sein Tagebuch auf, als wäre es ein neues Kapitel und beginnt zu schreiben.

Als er fertig ist, legt er die Feder weg. Sieht aus dem Fenster, das nun einen blauen Himmel zeigt, während sich die Äste eines Baumes im Wind bewegen. Eine Weile blickt er hinaus, nicht mehr hinein.

Dann holt er sich seine Schreibmaschine, die natürlich in der Realität ein Laptop ist, und beginnt einen Blogbeitrag zu schreiben. Er will es sich noch einmal erklären, wie es war, der Morgen, als er dem Illusionsbad entstiegen ist. Wie aus dem Dichter wieder ein Mann wurde.

Und dieser Mann sieht aus dem Fenster, das einen blauen Himmel zeigt, während sich die Äste eines Baumes im Wind bewegen.

Lange wird er hinausblicken.

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