Aber grandios in ihrer Wahrheit! Von Tagebüchern und Innenansichten

Kurz zuvor in Bernward Vespers Autobiographie Die Reise geblättert (mein Beitrag). Es bietet ein Stück Innenansicht, die in der Literatur unerreicht ist. Er, Bernward, ein Zerrissener zwischen zwei Welten. Zum einen die Welt Ostdeutschlands, mit dem großen Gut der Mutter und dem Vater, der ein großer Dichter war, aber zu Bernwards Kummer die falschen Götter anbetete. Das niedergelegte Gespräch zwischen Vater und Sohn, das Bernward schonungslos auf eine dichtgedrängte Seite zwängt, ist grandios wahr – und würde heute wohl der Zensur zum Opfer fallen. Weil die andere Seite – und immer gibt es eine andere Seite – nicht gehört werden darf.

So leben wir in einer Gegenwart, die seit bald 80 Jahren in eine Schieflage geraten ist und somit nicht mehr in der Lage ist, die Balance zu halten. Die andere Welt des jungen Bernward ist die moderne Gesellschaft der 1960er und 1970er Jahre, die aber unter einem gesellschaftlichen Zwang leidet. Aufbruchsstimmung. Sexuelle Revolution. Der Kampf gegen den Konsumismus, der damals noch als Kapitalismus bezeichnet wurde. Die rebellischen Kinder, längst erwachsen, wollten nicht in das von oben verordnete Kollektiv hineingezwängt werden, wollten sich ihre eigene Freiheit, ihre eigenen Regeln machen. Es musste zur Konfrontation kommen. Es kam zur Konfrontation. Zuerst mit Worten, dann mit Fäusten und schließlich mit Pistolen und Granaten.

Was Bernward leider, vielleicht zum Glück, nicht mehr erleben musste, war der Lug und Trug, der hinter dieser Revolution steckte. Wie jede Revolution geht sie von einer Elite aus, die die Möglichkeiten dafür erst schafft. Es ist ein undurchschaubares Geflecht an Intrigen und Manipulationen, inszeniert von Provokateuren und eingeschleusten Informanten, die gerne bereit sind, sonst so schwer zu beschaffende Waffenarsenale im Handumdrehen zur Verfügung zu stellen. Bernward war nicht der erste Rebell, vielleicht sogar Revolutionär, der nur benutzt wurde, um eine Agenda umzusetzen, die eine Elite vorgab. Wer wissen will, was da in der damaligen Welt so vor sich ging, muss nur einen Blick auf die Akten von Operation Gladio werfen. Es ist freilich nur die Spitze des Eisbergs, aber welch Spitze, welch Eisberg wurde da von italienischen Staatsanwälten und Richtern freigelegt. Die Strategie der Spannung, die von Washington in Gang gesetzt und von NATO-Geheimtruppen umgesetzt wurden, ist zu starker Tobak für den gewöhnlichen Bürger. Warum? Weil er nicht glauben will, dass die (vermeintlich) Guten das Blut von Unschuldigen in Kauf nehmen, um geopolitische Ziele zu erreichen. Aber so war es. So ist es.

Persönlichste und intimste Innenansichten, die zwischen zwei Buchdeckeln gezwängt werden, sind die einzige Möglichkeit, um der Essenz des Lebens nahezukommen. Deshalb lese ich sie so gerne, beinahe zwanghaft, Autobiographien, Tagebücher und Selbstdarstellungen, ungeschönt, ungeschminkt und absolut wahr. Nun, das stimmt nicht ganz. Die Wahrheit ist nie zur Gänze darin zu finden. Der Mensch ist gar nicht in der Lage seine Innenwelt nach außen zu tragen. Es bleibt bei Versuchen. Und doch ist es alles, was möglich und erreichbar ist.

Kriegstagebücher, Erlebnisse aus dem Kriege, sie sind mir das höchste Unerreichbare. Wer in eine Welt aus Flammen und Tod geworfen wird, wer sein Ableben immer wieder vor Augen geführt bekommt und dies zu beschreiben, dies aufzuschreiben versucht, ist in seinem Innersten angekommen. Es kann der letzte Eintrag sein. Der letzte Gedanke. Und dann? Vorbei. Übrig bleibt das Büchlein. Der Text. Die Zeile. Der Satz. Der letzte Punkt.

Innenansichten, die auf das Papier geworfen werden, sind grandios in ihrer Wahrheit, so man dazu bereit ist, es zu tun, sich dieser Wahrheitsfindung auszuliefern. Unser Inneres will nicht zur Gänze erforscht und entdeckt werden. Dunkle Geheimnisse, die besser Geheimnis bleiben. Aber wer sich getraut, tief zu graben, muss es vorsichtig tun. Stück für Stück. Stein um Stein. Bernward Vesper ging freilich mit dem Bohrhammer zu Werke. Beinahe manisch, nein, sicherlich manisch, hämmerte er die Wahrheiten aus seinem Innersten aufs Papier. Ohne Rücksicht. Ohne Hemmung. Er wollte sich erklären. Er wollte sich der Welt erklären, die ihn für verrückt, für durchgeknallt hielt – weil er der Gesellschaft den Rücken kehrte – und es doch nicht konnte. Geldsorgen. Vatersorgen. Gesellschaftssorgen. Da musste früher oder später der Druck ein Ausmaß erreichen, das den Menschen umformt oder bricht.

Darin liegt wohl die Quintessenz der niedergelegten Innenansichten verborgen. Der Mensch, zumeist Künstler, manchmal Aktivist, vielleicht Philosoph, erkennt früher oder später den Unterschied zwischen dem äußeren Schein und der inneren Realität. Die Sozialen Medien geben uns Illusionen, niemals Realität. Oberfläche, zumeist. Die virtuellen Welten, sie können uns die Essenz des Lebens nicht erklären, nicht zeigen, ja, nicht einmal andeuten.

Die Essenz des Lebens ist manchmal nur schwer zu ertragen, aber es ist alles, was der Mensch hat, was ihn ausmacht. Illusionen gibt es genug, in unserer modernen Welt. Sie sind wunderbar zu ertragen, aber es macht den Menschen nicht aus. Möchte man also der Essenz des Lebens nachspüren, so gilt es nur eines zu tun: die Illusion zu Grabe zu tragen. Es wird anfänglich nur schwer zu ertragen sein, bis die Wirklichkeit dir Möglichkeiten bietet, die du in deiner Verblendung niemals gedacht.

Und aus dem Traum wird Leben.

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