EM 2021: Spieltag #8 und #9

Das war der 8. und 9. Spieltag.

Schweden : Slowakei 1:0
Schwedischer Minimalismus, Slowakische Zahnlosigkeit

Die erste Halbzeit war zum Vergessen. Beide Mannschaften wollten einfach nicht Fußball spielen. Erst in der zweiten Halbzeit zeigte Schweden mehr Offensivbemühungen und wurde mit einem Elfmeter belohnt. Leider kam der Führungs- und spätere Siegestreffer recht spät, so dass die Slowaken nicht mehr viel Zeit hatten, einen Gang höher zu schalten. Versucht haben sie es, aber gegen Schwedische Betonanrührer gibt’s nicht viel auszurichten. Das mussten ja bereits die Spanier (und die Zuschauer) leidvoll erfahren. So werden wir wohl den Schwedischen Minimalismus im Achtelfinale ein weiteres Mal ertragen müssen. Die Slowaken hatten es freilich selbst in der Hand, den Aufstieg zu fixieren, aber sie dürften wohl Angst vor der eigenen Courage gehabt haben. Am Ende verloren sie trotzdem. Das ist nur billig und recht. Es braucht schon die richtige mentale Einstellung (und natürlich das Quentchen Glück), um in einem Fußballturnier weiterzukommen.

Werbung für den Fußball machten die Schweden mit ihrer Spielweise freilich nicht. Da dachte man ständig an die minimalistischen Möbel eines schwedischen Einrichtungshauses. Vielleicht gibt’s dafür ja am Ende eine Werbeprämie.

Kroatien : Tschechien 1:1
Enttäuschende Kroaten, spielfreudige Tschechen

Äußerst enttäuschende Kroaten haben ihre Chance auf das Achtelfinale gewahrt. Gerade einmal 15 Minuten lang haben sie druckvollen Fußball gespielt, davor und danach war nicht viel von ihnen zu sehen. Freilich, die eine oder andere gute Chance gab es aber dann doch für Modric & Co. Im Gegensatz dazu agierten die Tschechen recht spielfreudig und sehr motiviert. So lobe ich mir das. Als Underdog das Spiel zu machen und sich nicht nur hinten reinzustellen, dafür gibt es Pluspunkte. Kurios der Führungstreffer der Tschechen. Der Kroate Lovren bugsiert seinen Ellbogen unabsichtlich absichtlich in die Nase des Tschechen Schick. Dieser geht im Strafraum zu Boden. Blutende Nase. Elfmeter. Schick, mit einem Tampon im Nasenloch, getraut sich den Elfmeter zu schießen. Da dachte ich schon, das kann nicht gut gehen, so glasige Augen wie der Kerl hat. Doch siehe da, Schick verwandelt eiskalt. Respekt. Superstar Bale jagte seinen Elfmeter bekanntlich in die Wolken und soweit ich weiß, bekam er keinen Ellbogen auf die Nase.

Ich würde mich für die Tschechen freuen, falls sie ins Achteflinale aufsteigen. Die Chancen stehen gar nicht mal schlecht. Gegen die Engländer wird’s natürlich kein Spaziergang werden, aber da unsere Nachbarn nichts zu verlieren haben, können sie getrost ein bisschen Dampf machen. Vielleicht erwischen sie ja die Engländer am falschen Fuß. Ach so, die sind ja beidbeinig.

England : Schottland 0:0
Rule Scotlandia, Scotlandia rule the waves

Nanu. Ehrlich gesagt, ich hätte vor der Battle of Britain keine Pfundnote auf die Schotten gesetzt. Ja, ich befürchtete bereits eine schlimme Packung für sie. Doch siehe da, von Anpfiff an ließen die Schotten erkennen, dass sie mitspielen wollten. Und Mitgespielt haben sie. Die Engländer wiederum waren von dieser schottischen Begeisterung verschreckt und wussten nicht so recht, wie ihnen geschah. Das stand nicht auf ihrem Spielplan.

Die Schotten zeigten keine Scheu, spielten frisch darauf los, waren sich aber über die Gefährlichkeit der Engländer nur allzu bewusst. Ausnahmestürmer Kane blieb ein weiteres Mal äußerst blass und der quirlige Sterling, der die Kroaten schwindlig spielte, konnte sich nicht recht durchsetzen gegen die schnörkellos agierende Schottische Defensive. Man musste einfach den Schotten die Daumen halten, auf dass sie ungeschoren davonkommen. Ein englischer Kopfball an die Stange war Warnzeichen genug. Aber die Schotten hielten nicht zurück, kamen zu Torchancen und gefährlichen Szenen. Die Bravehearts spielten auf Augenhöhe mit den Engländern. Das ist eine riesengroße Überraschung. Nun wird sich im „Endspiel“ gegen recht müde wirkende Kroaten zeigen, ob sie diesen Drive mitnehmen und auf den Rasen bringen können. Auch wenn ich den Kroaten bei der WM 2018 den Sieg gewünscht habe, diesmal schlägt mein Herz für die tapferen Schotten.

Die Engländer schienen ein wenig ratlos. Kein gutes Zeichen. Andererseits reicht ihnen ja bereits ein Unentschieden gegen die Tschechen, um das Achtelfinale zu erreichen. Und die Tschechen können mit einem Remis ebenfalls gut leben. Das wird dann wohl ein lauer Kick werden. Im Gegensatz dazu wird das Schottland-Kroatien-Spiel ein Kracher werden. Yeah.

Frankreich : Ungarn 1:1
Ein wankelmütiger Weltmeister

[nebenbei verfolgt] Mon Dieu! Was ist denn da mit dem Weltmeister aus Frankreich los? War es die polnische Überheblichkeit, die Les Bleus leichtsinnig werden ließ? Der Führungstreffer der Ungarn entstand durch einen Konter aus der Fußballschule. Dabei agierte die sonst so hochgelobte französische Verteidigung fahrlässig unbeteiligt, so, als würde es sie das Ganze gar nichts angehen. Vielleicht dachten sie bereits an ihren möglichen Achtelfinalgegner. Oder ist es ganz einfach die Favoritenrolle, die so vielen Topteams bei dieser EM zu schaffen macht? Wir sprechen hier vom amtierenden Fußballweltmeister! Besser geht es nicht mehr. Und doch war von einer weltmeisterlichen Klasse wenig zu sehen. Da gab es sogar noch die eine oder andere gute Chance für die Ungarn. Freilich, die Franzosen blieben nicht untätig. Wär‘ ja noch schöner. Da gab es einen Stangenschuss. Da gab es Möglichkeiten. Aber alles in allem enttäuschte die Equipe Tricolore. Nun kommt es zum Titanenkampf zwischen Weltmeister und Europameister, zwischen Frankreich und Portugal im letzten Spiel. Ein kleines Finale, wenn man so will, wenngleich ein Unentschieden beiden eventuell zum Aufstieg verhelfen könnte. Frankreich wäre mit einem Remis im Achtelfinale, Portugal mit ein wenig Glück auch. Die größte Überraschung ist wieder einmal Ungarn. Sie können im letzten Spiel aus eigener Kraft noch aufsteigen. Dazu müssen sie nur Deutschland schlagen. Es gab mal eine Zeit, da haben unsere östlichen Nachbarn den Fußball beherrscht. Gut, das ist jetzt schon lange her und mit alten Erinnerungen gewinnt man weder ein Butterbrot noch eine Europameisterschaft. Da fällt mir gerade das WM-Spiel 2018 der Deutschen gegen Südkorea ein, wo es auch um alles ging – und die Löw-Truppe nach der bitteren und blamablen Niederlage die Heimreise antreten musste. Man sage nicht, ich hätte unseren Lieblingsnachbar nicht gewarnt.

Deutschland : Portugal 4:2
Vier Tore für Portugal, trotzdem verloren

Allerhand. Mit den Deutschen musste man bereits Mitleid haben. Brav und munter nach vorne gespielt, offensiv agiert, dann laufen sie in einen mustergültig vorgetragenen Konter der Portugiesen, den ausgerechnet Ronaldo kaltblütig abschließt. Ich befürchtete bereits ein Auseinanderfallen der Löw-Mannschaft, weil, wenn’s net läuft, dann läuft’s net. Aber die portugiesische Abwehr rund um Altmeister Pepe stand zumeist viel zu tief und ermöglichte so dem Gegner sich gefährlich vor das Tor zu kombinieren. Was folgte ist eine skurrile Abfolge zweier Eigentore. Somit haben es die Portugiesen zuwege gebracht, in der ersten Halbzeit drei Tore zu schießen und trotzdem in Rückstand zu geraten. In der zweiten Hälfte ging es gleich von Beginn an Schlag auf Schlag. Will man eine Lektion in Sachen modernem Fußball, dann müssen wir uns nur eins der deutschen Tore genauer anschauen: Da flankt der rechte Außenverteidiger Kimmich auf die zweite Stange, wo der linke Außenverteidiger Gosens unhaltbar ins Tor köpft. Während die österreichische Mannschaft einen torgefährlichen rechten Außenverteidiger aufzuweisen hat (Lainer), ist die linke Position mit Ulmer leider eine Vorgabe. Ein Alaba wäre hier goldrichtig, aber er kann halt nicht überall sein.

Spannung hätte freilich beim Stand von 4:2 noch aufkommen können, wäre der Schuss eines Portugiesen rund 15 Minuten vor Schluss nicht an die Stange, sondern ins Tor gegangen. Trotz des klaren Sieges der Deutschen kann ich noch keine Struktur in der Mannschaft sehen. Es fehlt die Konstanz und die Sicherheit in der Defensive. Die Stärke der Deutschen lag immer in der Gewissheit, dass sich die Vorderleute auf die Hinterleute verlassen konnten. Diesmal ist irgendwie Sand im Defensivgetriebe, trotz eines zurückgeholten Hummels. Es bräuchte im defensiven Mittelfeld einen Abräumer, einen Staubsauger à la Schweinsteiger oder Kanté. Kroos und Gündogan scheinen mir da nicht die richtigen zu sein. So lange also eine zuverlässige Defensive in der deutschen Mannschaft nicht gefunden wird, so lange werden die Spiele eine Achterbahnfahrt der Gefühle bleiben. Es wird Zeit für einen Flickschen Neuanfang.

Spanien : Polen 1:1
Angezählte Spanier, in den Seilen hängende Polen

Irgendwie ist bei Spanien der Wurm drin. Die einst so hochgelobte (und von mir verhasste) Tiki-Taka-Meistermannschaft kommt einfach nicht in die Gänge. Gegen angezählte Polen konnten sie den Sack nicht zumachen, obwohl sie zahlreiche Möglichkeiten hatten. Dazu zählt ein schlecht geschossener und gehaltener Elfmeter. Das kann natürlich vorkommen. Aber dass Superstürmer Morata den Nachschuss nicht im Tor unterbringt, ist beschämend peinlich und Sinnbild einer spanischen Mannschaft, die noch nicht angekommen ist. Natürlich ist es möglich, dass ihnen im nächsten Spiel der viel zitierte Knopf aufgeht und sie ein Schützenfest gegen mittelmäßige Slowaken veranstalten. Dann ist alles vergessen. Bis zum Achtelfinale, wo ihnen die Grenzen wieder aufgezeigt werden und dann ist wieder Katerstimmung angesagt. Aber wie sehr müssen die Nerven der spanischen Spieler blank liegen, geht es doch im letzten Spiel um alles oder nichts. Ein Sieg muss her. Oder sie treten die schändliche Heimreise an. Die Slowaken, nicht blöd, wissen es und werden einfach Zement anrühren und auf ihre Konterchance warten. Mit einem Unentschieden haben sie gute Chancen ins Achtelfinale aufzusteigen. Und wenn man eines bis jetzt gesehen hat, dann ist es, dass die Spanier die größten Schwierigkeiten haben, ein Abwehrbollwerk zu knacken, trotz einer beeindruckend spielerischen Qualität. Aber die Nerven, ja, die Nerven spielen ihnen immer wieder die schlimmsten Streiche. Es bräuchte Erfolgserlebnisse, um wieder zur Ruhe und zur Spielstärke zurückzukommen. Kurz gesagt, ich möchte nicht in der Haut der Spanier stecken. Olé. Und die Polen? Sie hatten den Ernst der Lage erkannt und setzten die Spanier zeitweise gehörig unter Druck. Nun haben sie ihr ersehntes Endspiel gegen die Defensiv-Wikinger aus Schweden. Da könnte es drunter und drüber gehen. Emotion und Spannung sind garantiert in einer Neuauflage kriegerischer Auseinandersetzungen zwischen dem Schwedischen Königreich und dem Commonwealth.

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