Das Ende einer Reise und ein Zug, der nicht kommt #Leben #Liebe #Literatur

Am Sonntag war es, als eine lange Reise eine Muse an ihren Heimatort zurückbrachte. Der Dichter, der viele Tage bangen musste, war selig. Er durfte wieder das helle Lachen seiner Muse spüren, musste sich nicht mehr fürchten, die Götter des Olymp würden ihr Steine auf den anstrengenden Weg legen.

Die Ordnung war wiederhergestellt.
Alles war an seinem natürlichen Platz.

Dann kam der nächste Tag. Und der sonst so strahlend blaue Himmel verdüsterte sich. Der Dichter, immer in Tagträumen verloren, oft in poetischen Alltagsverzauberungen versunken, dieser Dichter rief seine Muse an. Doch statt Inspiration gab es Vertröstung. Aber der nächste Tag war für den Dichter ein besonderer. Ein Herzenswunsch sollte ihm erfüllt werden. Von seiner Muse. Es lag demnach an ihr. Sie konnte ihm, wenn sie es denn wollte, diesen sehnsüchtigen Wunsch erfüllen. Der Dichter, dem plötzlich die Gewitterwolken um das verzauberte Gehirn fuhren, war wieder einmal der kleine Junge, dem die Angst im Genick saß. Was, wenn seine Muse nichts mehr wissen wollte, von seiner Sehnsucht, seinem Wunsch? Ja, was dann? In die Hölle würde er fahren und die Dichtkunst, die sein Leben ist, verlieren.

Hatten hier die Götter des Olymp ihren Spaß mit dem armen Dichter getrieben? Oder ist es einfach seine Muse, die sich seit der Inspiration zu einem Brief, der alles ins Rollen brachte, nicht fassen lässt, die immer vorsichtig bedacht ist, den Abstand zu ihrem Dichter zu wahren? Ist es ihr Wankelmut? Oder einfach nur das unergründliche Gemüt einer Muse, die ein Dichter niemals verstehen wird können? Er ist dieser musisch-seelischen Naturgewalt schutzlos ausgeliefert, und doch immerzu hoffend, seine Muse würde ihn nicht unter einer grollenden Zornlawine begraben und ihn mit langem Schweigen bestrafen.

Der gewöhnliche Mensch kann nicht verstehen, was hier gerade abläuft, zwischen Dichter und seiner Muse. Es ist ein einseitiges Liebesverhältnis. Weil der Dichter um das Besondere, ja Einzigartige dieser Beziehung weiß, muss er alles erdulden, alles erleiden, um eine weiteres inspiratives Gespräch überhaupt erhoffen zu dürfen. Diese Unausgewogenheit nagt an Verstand und Körper – und die Geschichte ist reich an Beispielen, als diese musische Schieflage für tragische Szenen sorgte.

Wie dem auch sei. Der Dichter steht nun am Bahnsteig. Alleine. Und versucht den musischen Fahrplan zu entwirren. Ist der Zug, der ihm an sein sehnsüchtiges Ziel bringen soll, vielleicht schon abgefahren? Hat er Verspätung? Eine Durchsage ist nicht erfolgt. Noch nicht, sagt er sich. Also muss er warten. Also muss er hoffen. Dass am Ende der Geschichte der Zug doch noch in den Bahnhof einfährt.

Der arme Dichter, er hat ein weiteres Mal seine Seele der verfluchten Hoffnung verschrieben. Wie lange wird er warten? Wie lange wird er hoffen?

Und die Götter des Olymp freuen sich, doch noch ein Opfer für ihre grausamen Späße gefunden zu haben.

Ja, selten so gelacht.

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