Kenobi oder Kulturrevolution2.0

Als ich mit 11 Jahren im Kino saß, noch auf einem hölzernen ungepolsterten Klappstuhl, die Star Wars Melodie eines John Williams aus den Lautsprechern plärrte und ein Raumschiff die Leinwand übergroß ausfüllte, war es um mich geschehen. Was ich damals sah und fühlte, war einzigartig und noch nie dagewesen. Nicht für mich. Nicht für eine ganze Generation. Wir verfolgten gebannt eine Heldengeschichte (Hero’s Journey), die zeitlos von der Antike in Gegenwart und Zukunft übertragen werden konnte. Jeder Autor weiß, dass einer fesselnden Geschichte immer Menschen und deren Schicksale zugrunde liegen. Und Menschen bleiben Menschen, egal, ob diese mit moderner Technologie ihren Allerwertesten putzen oder mit grünen Blättern. Gefühle und Sorgen, genauso wie Hoffnungen und Ängste, als auch Liebe und Leidenschaft sind so alt wie die Menschheit selbst.

Kenobi oder Kulturrevolution2.0 weiterlesen

Das Frohlocken des Dichters, das Seufzen des Menschen

Da sitzt er also auf einer Bank aus Holz, sein Kopf zum blauen Himmel gestreckt, der Blick hinauf und hindurch. Er, der Dichter, der auch Mensch ist, skizziert den Tagtraum. Vergangene Episoden werden auf die imaginäre Bühne gestellt, die Szenerie beleuchtet, die Schauspieler instruiert. Es ist jene Perfektion, die es in der Wirklichkeit des Menschen niemals geben kann. Der Dichter, der Meister der ausgemalten Phantasie, braucht nicht viel, um in Schwung zu kommen. Nur ein sanftes Wort, ein gütiger Blick, eine einladende Geste, sie mögen reichen, um den Tagtraum in poetischen Tönen erklingen zu lassen. Der Dichter frohlockt. Dafür ist er geschaffen. Das ist der Sinn seines Daseins. Das ist der Sinn, der sich in der Wirklichkeit des Menschen niemals findet. Wonne, ruft er aus und fühlt sich beklatscht und bejubelt. Er verneigt sich vor seinem Publikum, das freilich nur jener Mensch ist, der ihn in seiner Brust trägt. Doch dieser klatscht nicht, dieser jubelt nicht. Er seufzt. Still. Leise. Melancholisch. Der Tagtraum hat ihm eine Möglichkeit vor Augen geführt, die Wirklichkeit hätte werden können. Nein, nein, er weiß es ja doch, dass dieser vom Dichter meisterhaft inszenierte Tagtraum in der Realität seines Lebens nicht einmal annähernd erreicht hätte werden können. Was bleibt, für ihn, ist der lange Blick in den blauen Himmel.

Schließlich wird er sich lösen.
Schließlich wird er sich von der Bank aus Holz erheben.
Und seines Weges gehen.

Die verlorene Geschichte

Zu solch später Stunde schreibt er für gewöhnlich nicht, der gute Dichter. Aber die Wirklichkeit lässt ihm keine andere Wahl. Wiewohl, jeder hat eine Wahl. Würde man denken. Da sind wir schon bei der Crux. Das Seufzen ist überlaut zu vernehmen. So viel Hoffnung und Zuversicht hatte er, am Sonntag, als die Muse sich angetragen hatte. Aber nur wenige Tage später, da hat ihn die Wirklichkeit verschlungen und wieder ausgespuckt. Ja, der Meister der poetischen Worte sehnt sich nach Harmonie und Gelassenheit. Möchte man meinen. Aber jede Geschichte braucht ein Auf und ein Ab. Er weiß es. Mit banaler Harmonie und bescheidener Gelassenheit lässt sich gut leben, aber ein Meisterwerk wird daraus niemals entstehen. Deshalb lässt er geschehen. Die Schläge, oftmals tief und fest, hie und da, selten gewiss, zärtlich und sanft, haben Wirkung, zeigen Wirkung. So verliert der Dichter die Balance und fällt. Wenn er Glück hat, nur zu Boden. Wenn er Pech hat, aus allen Wolken. Der Aufprall, nun, hat mit Fallhöhe und Bodenbeschaffenheit zu tun. Schmerzhaft. Immer. So muss es sein. Ursache und Wirkung. Im nicht-physikalischen Bereich seines musischen Universums genauso wie in seiner gedanklichen Wirklichkeit. Er wird sich aufrappeln. Das ist der Gang der Dinge. Er wird sich Staub und Asche aus Körper und Geist schütteln. Und erneut zur Feder greifen. Das ist der Lauf der Dinge. Der Dichter hat sich offenbart, vor langer Zeit, hat sich nicht für das Leben, sondern für die Poesie entschieden. Er wollte es so. Er hat es so bekommen. Mitleid muss niemand für ihn haben. Am Ende, davon ist er überzeugt, wird er die verlorene Geschichte finden.

Für die gerechte Sache frieren, hungern und sterben. Die Parallelen zwischen Polen, 1939 und Ukraine, 2022

Heute, vor 77 Jahren, ging der 2. Weltkrieg in Europa zu Ende. Deutschland lag in Trümmer. Sieht man Luftaufnahmen deutscher Städte, ist man von der großflächigen Zerstörung schockiert. Nicht anders war es um die deutschen Ländereien am Ende des Dreißigjährigen Krieges, 1648, bestellt. Verwüstungen. Hungersnöte. Seuchen. Brände. Gewaltexzesse. Trotz alledem hat sich das deutsche Volk aufgerichtet und getan, was es immer getan hat: für Gottes Lohn gearbeitet.

Für die gerechte Sache frieren, hungern und sterben. Die Parallelen zwischen Polen, 1939 und Ukraine, 2022 weiterlesen