Für die gerechte Sache frieren, hungern und sterben. Die Parallelen zwischen Polen, 1939 und Ukraine, 2022

Heute, vor 77 Jahren, ging der 2. Weltkrieg in Europa zu Ende. Deutschland lag in Trümmer. Sieht man Luftaufnahmen deutscher Städte, ist man von der großflächigen Zerstörung schockiert. Nicht anders war es um die deutschen Ländereien am Ende des Dreißigjährigen Krieges, 1648, bestellt. Verwüstungen. Hungersnöte. Seuchen. Brände. Gewaltexzesse. Trotz alledem hat sich das deutsche Volk aufgerichtet und getan, was es immer getan hat: für Gottes Lohn gearbeitet.

In den Jahren nach dem 1. Weltkrieg fraßen sich internationale und nationale Ideologien durch die am Hungertuch nagenden deutschen Bürger, die allesamt die Schmach in Versailles nicht vergessen konnten und wollten. Nur eine kleine Elite – mit Kontakten ins Ausland – machte die Zwanzigerjahre zu goldenen, während sich in Berlin junge Menschen für eine Mahlzeit hingeben mussten, um ihr kärgliches Dasein zu retten. Der Wille zum Überleben war seinerzeit in diesen Verzweifelten so stark ausgeprägt, weil jeder von ihnen auf eine bessere Zukunft hoffen konnte, hatte doch jeder die feste Überzeugung mit der Muttermilch eingesogen bekommen, dass man mit Ehrlichkeit und Arbeit früher oder später den gerechten Lohn erhalten würde.

Die Elite in Washington und London wusste längst über diese Stehaufmännchen-Qualität der Deutschen Bescheid. Sie fürchteten 1945 ein erneutes Aufleben, vielleicht sogar Aufflammen, einer nationalen Aufbruchsstimmung. Um dies zu verhindern, wurde von den Alliierten die denazification durchgeführt, nur um alsbald zu bemerken, dass damit kein funktionierender Staat zu machen sei. Also mussten Tribunale her, die kleine und große Kriegsverbrecher belangen und verurteilen sollten. Eine neue Justiz wurde deshalb aus der Taufe gehoben, die auf einem Auge blind war und trotzdem als fair und gerecht bezeichnet wurde. Harlan Fiske Stone, seinerzeit Richter am Obersten Gerichtshofs in den USA, formulierte spitzzüngig, dass es sich hierbei um eine high-grade lynching party at Nuremberg handelte.

Die Siegermächte wollten Deutschland den militärischen Zahn ziehen. Deshalb dachte man in Washington bereits daran, aus der ‚deutschen Herrenrasse“ Bauern und Leibeigene zu machen. Der Morgenthau-Plan sah eine Deindustrialisierung Deutschlands vor – doch Stimmen gegen diesen Plan wurden bald laut, wären die langfristigen Auswirkungen auf die Weltwirtschaft – da vor allem in Europa – wohl verheerend gewesen.

Die klugen Leute in London und Washington machten sich deshalb die Freudsche Seelenanalyse zunutze, um die Deutschen zukünftig im Zaum zu halten. Mit Einstellung der Kampfhandlungen begann das amerikanische Militär mit psychologischen Operationen, die zwischen Zuckerbrot und Peitsche pendelten. Im Jahr 1946 schrieb General Robert McClure, Leiter der Information Control Division (ICD) in einem Brief an seine Frau:

»Wir kontrollieren nun 37 Zeitungen, 6 Radiostationen, 314 Theater, 642 Kinos, 101 Magazine, 237 Buchverlage, 7 384 Buchhändler und Druckereien, und führen rund 15 Meinungsumfragen pro Monat durch, weiters geben wir eine Zeitung mit einer Auflage von 1 500 000 und 3 Magazine heraus, wir führen die Associated Press of Germany (DANA) und leiten 20 Zentralbibliotheken. Die Unternehmung ist enorm.«

Die Peitsche rückte mit den Jahren in den Hintergrund – es reichte der Wink mit dem Zaunpfahl, dafür floss das Zuckerbrot reichlich. Dem Deutschen wurde das Heil im Konsum versprochen, während man ihm die lästige Verbundenheit zu seinem Vaterland austrieb. Heutzutage ist es bereits en vogue, sich als Deutscher für Deutschland zu schämen. Um dieses „schändliche Deutschtum“ auszumerzen, so sagen sich die Vaterlands-Immunisierten, sei es nötig, Grenzen abzubauen und fremdländisches Kulturgut aufzunehmen. Mit den Jahren, so postulieren die grenzenlosen Weltbürger, die (noch) Deutsch sprechen, wird es kein Deutschland mehr geben – und damit würde der ewige Frieden auf Erden einkehren.

Von der gedanklichen Fantasiewelt zurück in die harte Realität der 1930er Jahre. Über diese Epoche nüchtern zu reflektieren, ist praktisch verboten. Trotzdem. Betrachtet man nämlich die Situation in Polen im Jahr 1939 und der Ukraine im Jahr 2022, gibt es erstaunliche Gemeinsamkeiten.

Beide Länder, Polen genauso wie die Ukraine, wurden wiederbelebt und aus anderen Staatsgebilden herausgelöst. Diese, von den Bürgern wahrgenommene langjährige Unterwerfung beförderte eine nationalistische Einstellung. Westliche Großmächte schürten diesen Nationalismus, mit der Absicht, seinerzeit Deutschland, heutzutage Russland in die Schranken zu weisen. So erfährt man wenig darüber, dass das neu geschaffene Polen gleich mal Angriffsoperationen in deutsche Grenzgebiete unternahm, um sich diese einzuverleiben. Diese Angriffe wurden aber von ehemaligen Frontkämpfern blutig abgewehrt, was den Hass Warschaus auf Berlin und umgekehrt steigerte. Die Bolschewiken wiederum wollten sich Teile Polens mit kriegerischen Mitteln aneignen, was aber mit deren blamablen Niederlage vor den Toren Warschaus endete. Auch hier wurden von beiden Seiten Drohungen und Flüche ausgesprochen. Jedem neutralen Beobachter war zu diesem frühen Zeitpunkt, sagen wir um 1925, klar, dass es nur eine Frage der Zeit sein würde, bis es erneut zu einem kriegerischen Konflikt rund um Polen kommen musste. London und Washington unternahmen bei alledem keinerlei Anstrengung, schlichtend einzuschreiten. Im Gegenteil.

Blickt man heutzutage auf das Polen der 1930er Jahre, so würde es einen verwundern, zu hören, dass man aus Warschau martialische Töne vernehmen konnte, die von einem Angriff auf Deutschland sprachen. Vergessen wir nicht, dass Deutschland zu jener Zeit nur ein Schatten jener militärischen Größe von 1914 war. Durch die Weltwirtschaftskrise war an eine konsequente und adäquate Aufrüstung nicht zu denken.

Als Adolf Hitler 1933 an die Macht kam, wurde zwar mit der militärischen Aufrüstung begonnen, aber die wirtschaftlichen als auch vertraglich vereinbarten Umstände ließen nur wenig Spielraum. Man machte aus der Not eine Tugend und prahlte propagandistisch über das neue moderne Militär, dass es so nicht gab. Was oftmals unter den Teppich gekehrt wird, ist der Umstand, dass Deutschlands Polenfeldzug mit unzureichender Ausstattung durchgeführt wurde. Beispielsweise zählten die eingesetzten Panzerkraftwagen 1 („pathetic„) und 2 („a joke„) längst zum „alten Eisen“ . Was Deutschland hingegen in ausreichender Menge hatte, waren kompetente Offiziere mit Kriegserfahrung, denen es an taktischem Weitblick nicht mangelte. (siehe US-Historiker John Mosier: Cross of Iron: The Rise and Fall of the German War Machine 1918 – 1945)

Washington war es, das sich insgeheim für Polen einsetzte und Druck auf London und Paris ausübte, die schließlich bereit waren, gemeinsam eine Garantie für Polen abzugeben, das nun mit gestärkter Brust jede Verhandlung mit Hitler-Deutschland brüsk torpedierte. Über den Verhandlungsgegenstand geht man gegenwärtig achtlos hinweg. Analog zur Ukraine 2022, in der es im Osten des Landes eine Minderheit mit russischen Wurzeln gibt, gab es im Westen Polens eine Minderheit mit deutschen Wurzeln. In beiden Fällen wurden diese Minderheiten ungleich behandelt, zuweilen misshandelt, was den Bruch völkerrechtlicher Vereinbarungen zur Folge hatte. Aber niemand in London oder Washington, der die Einhaltung der Vereinbarung in Warschau oder Kiew ernsthaft einforderte.

In beiden Fällen sahen sich Hitler und Putin genötigt, mit Waffengewalt einzugreifen, um dem Völkerrecht Genüge zu tun. Es steht jedem frei, darüber zu spekulieren, was die Führungsriege tatsächlich bewogen hatte, einen Angriffskrieg zu führen. War es der Wunsch nach „Lebensraum im Osten“ bzw. nach einem neuen „großrussischen Reich“? Offiziell wollte weder Berlin noch Moskau den Krieg. In beiden Fällen war der ausgelöste Konflikt „die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“.

Die Westmächte verspekulierten sich. Vielleicht, weil in beiden Fällen eine Allianz zustande kam, die zuvor nicht realistisch schien. Das Hitler-Deutschland verbündete sich mit der Sowjetunion Stalins. Putins Russland mit China. Damit wurde der Rücken frei gemacht.

Die Bevölkerung in Frankreich als auch in Großbritannien wollten 1939 nicht ein weiteres Mal in den Krieg ziehen. Es ist davon auszugehen, dass die Politiker in Paris über den Tisch gezogen wurden, indem man ihnen versicherte, Hitler würde niemals ein von den Westmächten garantiertes Polen angreifen. Ähnlich mag es den Europäern mit der Ukraine gegangen sein, die von den USA eine inoffizielle Garantie erhielt.

Als der Polenfeldzug nach wenigen Wochen zu Ende ging – sich die Sowjetunion ihren Teil einverleibt hatte – hätte man in London und Washington die Sache ad acta legen können. Angebote gab es. Stattdessen dachte die westliche Führungselite nicht daran – allen voran Churchill – Frieden zu schließen. Doch die Bevölkerung in Frankreich und Großbritannien (als auch Amerika) wollten den Krieg nicht. Es brauchte enorme Überredungskünste, um die Menschen umzustimmen und einzupeitschen.

Heute ist es nicht anders. Niemand möchte einen Konflikt zwischen Atommächten oder einen konventionellen Stellvertreterkrieg in Europa. Trotzdem rühren Medienleute und demokratisch gewählte Politiker die Kriegstrommel.

Der Zweite Weltkrieg hätte 1939 am Verhandlungstisch verhindert werden können. Aber eine Elite, die kein Heimatland kennt, sah den aufziehenden Weltkrieg als Chance, eine neue Weltordnung zu implementieren. Deutschland war seinerzeit eine Gefahr für die westliche Wirtschaftsherrschaft, umging es die Pfund-Dollar-Gold-Leitwährung, in dem es direkt mit anderen Staaten Wirtschaftsverträge in den jeweiligen Landeswährungen aushandelte. Nicht anders ist es heute mit Russland, das nun beginnt, Exporte in Rubel abzurechnen. Damit umgeht Moskau die USD-Leitwährung, die ein Garant der (unipolaren) globalistischen Wirtschaftsordnung darstellt.

Sollte Russland militärisch und wirtschaftlich Erfolg haben, würde es die bestehende Weltordnung gefährden. Dies ist für die Globalisten, die kein Heimatland kennen, damals wie heute nicht hinnehmbar.

77 Jahre ist es jetzt her.
Gelernt haben wir daraus freilich nichts.

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