Zwei Stühle

Nun ist also die Geschichte zu einem Ende gekommen. An einem heißen Nachmittag im Juni werden zwei Stühle gewonnen und eine Muse verloren. E., der eigentlich R. ist, bleibt keine Wahl. A., die eigentlich P. ist pflichtet ihm bei. „So ist das eben“, sagt sie.

Der Ort dieser Konversation, die nur für einen der Protagonisten eine Kehrtwendung darstellt, ist die Cafeteria eines Möbelhauses. Das Schicksal, wenn es in das Leben greift, lässt einfach geschehen. In der Vorstellung des Dichters hingegen, da sah alles anders aus, gänzlich anders. Er hatte eine hübsche Zeremonie vor Augen. An einem spirituell-christlichen Ort, weitab von Alltag und Katastrophen, wollte er seiner Muse das Versprechen für ewige Verbundenheit geben. Er war der festen Meinung, sie würde es ihm gleichtun, würde ihm das Versprechen geben. Aber wie so oft, wenn ein Dichter nur Augen für die Unendlichkeit des Himmels hat, stolpert er über die kleinsten Fallstricke. Seine Muse wollte ihm nicht geben, was er sich so sehnlichst wünschte, nämlich eine Erinnerung, die er bis an sein Lebensende in Kopf und Herz tragen würde können, die auch mit den Jahren nicht verblassen, sondern nur stärker hervortreten würde. Melancholie umfängt ihn, wenn er diese Vision auf das Papier skizziert. Der Mann, der den Dichter in sich trägt, seufzt, weil er ja doch weiß, dass diese musische Tagträumerei weder ein Haus baut, noch ein Boot steuert.

In der idealen Gedankenwelt des Dichters, da wäre er mit seiner Muse auf ewig verbunden gewesen und nichts und niemand hätte ihn vom Gegenteil überzeugen können. Diese Vorstellung, am Tage gedacht, in der Nacht geträumt, ist vielleicht jenes kleine Stück blühender Phantasie, das in die Wirklichkeit greift.

Doch nichts davon ist eingetreten. Das Schicksal setzte den Hobel an und Mensch wie Muse müssen sich dieser göttlichen Einflussnahme beugen. Es ist der Lauf der Dinge. Grausam mag es erscheinen. Aber die Zeit ist es, die für gewöhnlich alle aufgerissenen Wunden heilt.

Der Dichter ist natürlich tief betrübt und wird es wohl für eine Weile bleiben. Er musste seine Geschichte, die er lange gelebt hat, zu einem Ende bringen, gar den Schlusspunkt setzen. Die Hüterin des Musentempels hatte kein Einsehen, versperrte Tür und Tor und verbot jede Annäherung. Auf und ab ist er gegangen, der Dichter, verzweifelt nach einem Einlass suchend, verzweifelt auf eine musische Nachricht hoffend.

Der Mann, der den Dichter in sich trägt, konnte dieses Leiden schaffende Schmachten nicht länger mitansehen und zerrte den Verzweifelten mit aller Gewalt davon. Trübsal blasend, in einer gewichtigen Melancholie gefangen, will sich der Dichter mit seiner Geschichte, die aus vielen Erinnerungen zusammengesetzt ist, gar nicht mehr befassen. Bei all seinem Kummer vergisst er, dass diese musische Reise ihm ein Buch geschenkt hat. Es ist besonders. Wie jedes seiner Bücher atmet es Sonne und Sterne und träumt von der Ewigkeit.

Vielleicht wird der Dichter früher, vielleicht später, aus seiner schläfrigen Trübsal geweckt. Durch ein Wort. Eine Geste. Ein Blick. Vielleicht durch das helle Lachen einer Frau.

Ich würde es ihm wünschen.

Sehr.

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