Ein erster Eindruck der Frauenfußball-EM in England anno 2022

Die Fußballeuropameisterschaft der Frauen ist noch in der Gruppenphase. Es gibt Licht. Es gibt Schatten. Bald kommt es zu den entscheidenden Spielen, die über Aufstieg oder Koffer packen entscheiden werden. Dann ist es diese spannende Dramaturgie, die uns neutrale Zuschauer in den Bann ziehen wird. Sportliche Großereignisse leben von der Emotion. Sieg und Niederlage, Höhenflüge und Abstürze, sie liegen nah beieinander. Wie im Leben selbst.

Das Spiel zwischen der afrikanischen Auswahl in französischen Teamtrikots und den Italienerinnen ist mir noch immer in Erinnerung. Da kamen die Pässe scharf und punktgenau an, da wurden Flanken geschlagen, dass einem das Herz überging. Der Spielverlauf war leider einseitig, weil es die Damen aus Italien verabsäumten, gleich zu Beginn eine 100%ige Torchance zu nutzen und die Französinnen jeden Fehler in der italienischen Defensive eiskalt ausnutzten. Den italienischen Fußballerinnen muss man größten Respekt zollen, rührten sie niemals Beton an, sondern suchten immer das gegnerische Tor – was zur Folge hatte, dass sie ins offene Messer liefen. Aber wenn es eine Begegnung bei dieser EM gab, die Werbung für den Frauenfußball machte, dann ist es diese.

Während die besten Teams Fußball in Reinkultur zeigen, müssen sich die Nachzügler gehörig anstrengen, nicht auf Schülerliganiveau herabzusinken. Bestes Beispiel dafür war die Partie Island gegen Belgien, in denen „Schüsse“ aufs Tor zurollten und die taktische Ausrichtung beider Teams darin bestand, den Ball so schnell wie möglich wegzuschlagen oder einen Pass zur Gegenspielerin zu machen. Dass sich daraus kein Fußballspiel entwickeln kann, das diesen Namen verdienen würde, liegt auf der Hand. Im nächsten Gruppenspiel werden es die beiden Teams mit den oben erwähnten Frauenschaften aus Frankreich und Italien zu tun bekommen. Beinahe hat man Mitleid mit den Underdogs. Wobei, wir können davon ausgehen, dass die Nachzügler mit einem Defensivkonzept angereist sind, um es den Favoriten so schwer wie möglich zu machen. Da darf es nicht weiter verwundern, wenn die Nachzüglers aufeinandertreffen, dass beide Teams mit dem Spielaufbau überfordert sind.

Der österreichischen Nationalfrauschaft drücken wir am Freitag natürlich die Daumen, auf dass sie die angeschlagenen Norwegerinnen in Zaum halten können. Die Damen aus England hatten für Spielereien nichts übrig und fegten die Nordfrauen mit 8:0 vom Platz. Es erinnerte an das WM-Finale zwischen Deutschland und Brasilien, das mit 7:1 in die Geschichte des Fußballs eingehen sollte. Ja, es gibt solche Spiele, in denen einer Mannschaft alles und der anderen gar nichts gelingt. Aber das Ergebnis, so klar es auch sein mag, sagt nichts über die wahren Kräfteverhältnisse aus. Vielleicht, denke ich gerade, sollte man ein Finalspiel in zwei Begegnungen aufteilen. Der Spannung wäre das natürlich abträglich, ginge es im ersten Spiel ja „nur“ um eine gute Ausgangsposition für das Rückspiel.

Es ist auffallend, dass die Frauen der Nordmänner – Dänemark, Schweden, Norwegen, Finnland, Island – allesamt bei der EM vertreten sind. Ist es eine historisch-genetische Kampfeslust, die diese Damen antreibt, erneut in England einzufallen?

Einen attraktiven Fußball spielen die Damen aus Portugal. Allesamt sind sie von kleiner, ja, zierlicher Figur und versuchen sich im spanischen Kurzpassspiel. Gegen gestandene weibliche Eidgenossen, die recht spaßlos den Ball getreten haben, reichte es zu einem Unentschieden. Gegen ihren nächsten Gegner, die Niederlande – hochgewachsenen Spielerinnen, allesamt rank und schlank – wird es wohl keine Begegnung auf Augenhöhe geben, dazu fehlen den Portugiesinnen rund 20 cm und 26 Plätze in der Weltrangliste.

Die Weiblichkeit, das Frau sein, spielt bei den Fußballerinnen verständlicherweise nur eine untergeordnete Rolle. Der Ball muss ins Tor, alles andere ist nebensächlich. Doch es gibt eine wohltuende Ausnahme: Die Französinnen mit kolonialen Wurzeln bringen beides – spielerische Klasse und feminines Auftreten – auf den Platz. Das fühlt sich gut an, weil das Team nicht engstirnig die Gleichheit der Geschlechter verfolgt, sondern ihren eigenen Weg geht.

Des Weiteren ist zu hoffen, dass die Tattoo-Sucht männlicher Profikicker nicht übernommen wird, oder sich die Damen gar ihrer langen Haare, die sie einfallsreich zu bändigen wissen, entledigen.

Sollte einmal die Gier nach dem Erfolg so übermäßig groß werden, dass der Zweck die Mittel heiligt, dann verkommt der Frauenfußball zu einem Abklatsch des Männerfußballs. Wir sehen es ja längst, was das Geld aus dem Männerfußball gemacht hat, nämlich ein profitorientiertes Effizienz-Spektakel, das vorwiegend auf Einschaltquoten schielt. Im Dezember dieses Jahres, wenn die Weltmeisterschaft in Katar angepfiffen wird, bekommt man einen Vorgeschmack darauf, was man heutzutage mit Geld so alles kaufen kann. Nicht nur Spieler und Clubs, sondern sogar eine ganze Weltmeisterschaft.

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